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Lübbenauer zieht in der Antarktis Gemüse

Lübbenau. In dem Kinofilm "Der Marsianer" gelingt es dem Astronauten Mark Watney, auf dem Mars Kartoffeln reifen zu lassen. Erde und seine Exkremente liefern die Nährstoffe. Daniel Preikschat

Nach einem Unfall allein auf dem roten Planeten zurückgelassen, kann Watney so überleben, bis er gerettet wird.

Den Film mit Hauptdarsteller Matt Damon hat sich der Lübbenauer Luft- und Raumfahrtingenieur Paul Zabel gern angesehen. "Gut gemacht" sei er und wissenschaftlich betrachtet auch ernst zu nehmen. Der 30-jährige Lübbenauer und seine Kollegen vom Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrt (dlr) wollen ebenfalls Gemüse unter Weltraumbedingungen züchten. Anders als der Plan Mark Watneys aber ist ihrer nicht aus der Not geboren, sondern im Gegenteil akribisch entwickelt worden. Die Wissenschaftler wollen auch nicht gleich auf dem Mars Grün anbauen. Erstmal nur in der Antarktis. Genauer: in einem Gewächshaus in der Antarktis, das den lebensfeindlichen Bedingungen dort im Winter trotzt.

Das Grundgerüst sind zwei einfache Schiffscontainer, die zusammen eine Länge von zwölf Metern haben. Die Metallkästen jedoch sind angefüllt mit modernster Hightech, haben Wassertanks, eine extrem effektive Isolierung, wie Paul Zabel erklärt. Ein System aus Wasserleitungen, Lampen, Düsen und Filtern schafft optimale Wachstumsbedingungen. 23 Grad Temperatur, 70 Prozent Luftfeuchtigkeit. "Alle fünf bis zehn Minuten", so Zabel," werden die Pflanzen mit einem Wasser-Nährstoffgemisch besprüht." Wofür es einer speziellen Steuerungssoftware bedarf. Die zarten Pflänzchen werden in Plastestrukturen mit Bohrungen eingesetzt. Statt in Erde wurzeln sie in Steinwolle. 15 Unternehmen aus acht Ländern bauen unter Regie des fünfköpfigen dlr-Projektteams mit Leiter Daniel Schubert mit an diesem "Eden ISS-Gewächshaus".

Im Juni wurden die Container auf dem Versuchsgelände des dlr-Instituts in Bremen komplett eingerichtet. Derzeit setzen Zabel und seine Kollegen das Gemüse ein. Gurken, Tomaten, Salat, Paprika, Spinat und Radieschen sowie diverse Kräuter. Paul Zabel, von Haus aus kein Gemüse-Experte, hat sich in den Niederlanden zum Pflanzenversteher ausbilden lassen. An der Universität Wageningen habe er gelernt, "wann es Pflanzen gut geht und wann es ihnen schlecht geht."

Eine wichtige Voraussetzung für seinen einsamen Job in der Antarktis. Denn einsam wird es für den Lübbenauer zweifellos. Im Dezember werden Zabel und drei weitere Wissenschaftler das Gewächshaus in der Antarktis zusammenbauen und betriebsbereit machen. Auf Stelzen wird es stehen und etwa 300 Meter entfernt von der deutschen Polarstation Neumayer III des Alfred-Wegener-Instituts. Für die Crew dort, zeitweise bis zu 50 Wissenschaftler und Ingenieure sowie Koch und Arzt, ist knackig-frisches Gemüse bisher immer nur ein Traum gewesen, den ihnen nun unter anderem der junge Mann aus Lübbenau erfüllen soll.

In der Tat hängt viel ab von Paul Zabel. Denn sobald der Gewächshaus-Container steht und eingerichtet ist, bleibt er allein zurück, um die Pflanzen zu versorgen und - so hofft er - im März 2018 die erste Ernte einzufahren. Er müsse dafür das ganze Gewächshaussystem im Kopf haben, wissen, wie er gegebenenfalls etwas reparieren kann.

Von Ende März bis Mitte November sind aber auch in der Neumayer-Station nur noch zehn Forscher beschäftigt. Für lange Zeit die einzigen Menschen, denen Paul Zabel begegnen wird - im Essenraum, in der Bibliothek, im Fitness-Studio.

Der Lübbenauer hat noch keine eigene Familie gegründet, die ihn in der langen Zeit vermissen könnte. "Ich glaube, dass ich dabei auch viel über mich selbst lerne", sagt er. Und vor allem: Wohl nie wieder in seinem Leben werde er bei einem so faszinierenden Projekt eine so wichtige Rolle spielen können. Denn Wissenschaftler in der Polarstation besser ernähren zu können, das sei ja nur der eine Grund für den ganzen Aufwand, den die EU mit immerhin fünf Millionen Euro finanziell unterstützt.

Nein, es gebe noch einen wichtigeren Grund, erklärt Paul Zabel. Das Projekt "Horizon 2020" soll vor allem eine außerirdische Pflanzenzucht auf fremdem Planeten vorbereiten. In der Antarktis herrschten Bedingungen vergleichbar denen auf dem Mars. Daher lasse sich das extraterrestrische Gärtnern sehr realistisch simulieren. Gewächshäuser und die theoretischen Grundlagen dafür haben Paul Zabel aber schon in seiner Diplomarbeit an der TU Dresden beschäftigt. Über das gleiche Thema verfasst er derzeit, nebenbei in seiner Freizeit, eine weiter führende Doktorarbeit. Russen und Amerikaner, sagt Paul Zabel, haben schon in den Siebziger Jahren und Achtziger Jahren darüber geforscht. Nun fangen auch die Europäer damit an.

Schaut Paul Zabel ganz weit in die Zukunft, gewinnt das Projekt, an dem er mitarbeiten darf, sogar noch mehr an Bedeutung. Irgendwann in einer hoffentlich noch sehr fernen Zukunft, da sei er leider sicher, werde die Erde wohl nicht mehr bewohnbar sein. Es klingt nach düsterer Science-Fiction. Doch wer könne abstreiten, so Zabel, dass es dann gut wäre, könnte der Mensch Lebensmittel auch woanders herstellen als auf der Erde.

Zum Thema:
Paul Zabel hat vor der Reise in die Antarktis Ende November, Anfang Dezember noch Urlaub. Das Gewächshaus indes wird bereits im Oktober in Hamburg verschifft. Über Kapstadt geht die Schiffreise weiter in die Antarktis. Paul Zabel und seine Kollegen fliegen Mitte Dezember von Bremen nach Kapstadt, von dort geht es mit einer Transportmaschine weiter zur russischen Antarktisstation. Ankunft an der Polarstation Neumayer III auf Pistenraupen ist dann voraussichtlich am 20. Dezember diesen Jahres.