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| 15:45 Uhr

Interview
Lübbenauer feiert Weihnachten im Camp

 Mit der Lausitzer Rundschau hat Robert Habermann ein Stück Heimat mit in die Wüste von Mali genommen.
Mit der Lausitzer Rundschau hat Robert Habermann ein Stück Heimat mit in die Wüste von Mali genommen. FOTO: 9.DEU EinsKtgt MINUSMA / Liesmann
Robert Habermann kommt aus dem Spreewald. In diesem Jahr feiert er Weihnachten bei 40 Grad im roten Wüstensand von Mali. Als Offizier bei der Bundeswehr verbringt er den Heiligabend im nordmalischen Camp. Von Daniel Preikschat

Camp Castor, mitten in der nordmalischen Wüste, 5000 Kilometer von Lübbenau entfernt. Dort wird Oberstleutnant Robert Habermann (47) die Weihnachtsfeiertage verbringen. Wieder einmal. Der Offizier ist in seinem achten Auslandseinsatz. Er war bereits in Afghanistan, im Irak, auf dem Balkan oder auf See. Und es ist sein viertes Weihnachten in einem Einsatz.

Herr Habermann, erklären Sie uns bitte, was Ihre Aufgabe ist in Mali?

Habermann Wir sind hier in einem UN-Einsatz. Unsere Mission heißt Minusma. Das steht für  „Mission multidimensionelle integrée des Nations Unies pour la Stabilisation au Mali“, ist ein Blauhelm-Einsatz und dient dazu, Mali zu stabilisieren. Wenn ich keinen blauen Helm aufhabe, trage ich eine blaue Schirmmütze mit UN-Wappen. Auch unsere Fahrzeuge sind mit großen Buchstaben UN („United Nations“) gekennzeichnet. Die Stabilisierung Malis ist von zentraler Bedeutung für die territoriale Einheit des Staates. Wir sind hier, um zu helfen, dass die Menschen in Mali friedlich leben können. Die Konfliktparteien haben eine Waffenruhe vereinbart. Die Blauhelme unterstützen das. Außerdem helfen wir dabei, dass das Abkommen für Frieden und Aussöhnung in Mali auch umgesetzt wird. Es geht auch darum, dass die Menschen hier geschützt werden und die malischen Behörden ihrer Verantwortung nachkommen können, die Menschen vor drohender körperlicher Gewalt zu bewahren. Die Menschen hier wollen eben auch in Frieden leben, genauso wie wir in Deutschland. Sie wollen arbeiten, zur Schule gehen, ohne Angst, ohne Terror. Und hier helfen wir dem malischen Staat, dass er das für seine Bürger sicherstellen kann.

Wie geht es den Menschen in Mali?

Habermann Wenn wir draußen unterwegs sind, sehen wir, unter welchen Umständen die Menschen hier leben müssen. Da ist zum Teil bitterste Armut. Und dann weiß ich wieder, dass die Themen, die in Deutschland oft sooo wichtig erscheinen, unbedeutend sind gegenüber dem, was die Menschen hier zu bewältigen haben. Uns geht es schon sehr gut in Deutschland.

Wie viele Soldaten sind im Camp, und aus welchen Nationen kommen sie?

Habermann Wir sind hier 1300 Soldaten im Camp aus vielen Nationen. Niederländer, Belgier, Esten, Letten, Litauer, Kanadier, Schweizer, Tschechen, Schweizer und Soldaten aus El Salvador sind mit uns Deutschen hier untergebracht.

Wie kommen Sie miteinander klar?

Habermann Es ist super interessant und macht viel Spaß. Ich bin ja hier unter Kameraden. Die Kameradschaft unter Soldaten ist der Kern der militärischen Gemeinschaft. Das Wort kommt ja vom italienischen Wort camera – also Kammer oder Stube und bezieht sich im Ursprung auf diejenigen Soldaten, die sich gemeinsam eine Stube teilen. Und das kann übertragen werden auf die Besatzung auf einem Panzer oder die Soldaten hier im Einsatz in Mali. Diese besondere Verbindung, die Soldaten hier zueinander haben, bedeutet Respekt und Achtung, aber auch Fürsorge füreinander. Wir leben und arbeiten auf recht engem Raum zusammen. Auf einem gepanzerten Fahrzeug ist es auch sehr eng. Gerade mit der schweren Weste. Alle unterliegen ähnlichen Bedingungen: Hitze, Staub, Gefahr, das ewig Gleiche, die Trennung von der Familie – das schweißt zusammen. Da stützt einer den anderen.

Nun ist Weihnachten. Aber geht das überhaupt – in Mali Weihnachten feiern?

Habermann Es ist nicht ganz einfach, in Weihnachtsstimmung zu kommen. Wir haben hier strahlend blauen Himmel. Die Sonne scheint. Über 30 Grad werden es jeden Tag. Dennoch – ein wenig „weihnachtet“ es auch im Camp Castor inzwischen. Überall im Feldlager stehen Weihnachtsbäume. Die sind zwar aus Plaste, denn natürliche Bäume würden bei den Temperaturen rasch nadeln. In den Werkstätten stehen Adventskränze neben gepanzerten Fahrzeugen. Die Soldaten hängen Weihnachtskugeln auf und Weihnachtskalender hängen auf den Stuben. Ich empfinde es auch als etwas ganz Besonderes, Weihnachten mit meinen Kameraden hier im Einsatz in Mali begehen zu können. Am Nikolaustag haben wir gemeinsam „Die Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann geschaut. Alle rücken näher zueinander, alle werden ruhiger, freuen sich über die einfachen Dinge, wie zum Beispiel ein mit viel Liebe und Sorgfalt zubereitetes Weihnachtsessen oder ein wenig Ruhe am Heiligen Abend. Aber auch Weihnachten muss natürlich ganz normal Dienst geschoben und das Lager gesichert werden. Die Operationszentrale und die Rettungsstation bleiben besetzt, Patrouillen werden auch in dieser Zeit in der Umgebung unterwegs sein. Das ist unsere Aufgabe. Deswegen sind wir hier. Die Leute, die hier gegen den Frieden in Mali arbeiten, werden sich ja auch nicht ausruhen. In Deutschland aber sind ja auch viele Menschen über die Feiertage im Dienst.

Zu Weihnachten gehören auch Geschenke und Grußbotschaften. Kommen die bei Ihnen an im Camp Castor?

Habermann Klar! Unsere Feldpoststelle hat alle Hände voll zu tun. Jede Woche kommen Flugzeuge aus Deutschland und bringen Briefe und Pakete. Bei der letzten Lieferung waren es sechs Tonnen! Hoffentlich waren da nicht so viel Schokoladenweihnachtsmänner dabei, denn die schmelzen natürlich bei den Temperaturen hier. Unser Soldatenradio sendet seit Wochen Extra-Grußsendungen mit Grüßen der Familienangehörigen aus der Heimat. Das ist schon bewegend, wenn die kleinen Kinder ihre Mama oder ihren Papa im Einsatz übers Radio grüßen. Und erst vor wenigen Tagen hat die Bundeskanzlerin uns per Videoliveschalte alles Gute für die Weihnachtsfeiertage gewünscht. Die Kanzlerin hat uns dabei berichtet, dass Familien von Soldaten, die sich gerade im Einsatz befinden, in der Adventszeit bei ihr im Kanzleramt waren. Das war bewegend und hat uns alle sehr gefreut.

Für viele ist der Besuch einer Kirche Teil des Weihnachtsfestes. Dazu werden Sie wohl keine Gelegenheit haben, oder?

Habermann Unsere Kirche hier in der Wüste ist ein altes Mannschaftszelt. Da ist ein Altar drin und einige Stühle. Und bei unseren Einsätzen ist auch immer ein Militärpfarrer. Das kleine Kirchenzelt wird schnell voll, denn hier im Einsatz gehen auch Soldaten zur Andacht, die sonst nichts mit der Kirche zu tun haben. Jeden Adventssonntag gab es dort eine Lichterandacht und am Heiligen Abend findet ein Gottesdienst statt. Aber ich weiß, dass sich viele Soldaten dann auch zurückziehen, um mit der Familie zu telefonieren oder die Pakete von zu Hause auszupacken. Es wird dann still im Lager.

Wie gut können Sie den Kontakt mit Ihrer Familie im Spreewald halten?

Habermann Die Bundeswehr bietet jedem deutschen Soldaten im Einsatz drei Stunden kostenfreies Internet an. Das ist echt gut. Entweder telefoniere ich darüber mit meiner Frau und meinen Töchtern oder es gibt einen Video-Anruf. Meine Eltern in Lübbenau freuen sich auch sehr, wenn ich anrufe. Im letzten Paket von ihnen war auch eine Ausgabe der Lausitzer Rundschau. Die habe ich gleich gelesen. Und im Internet lese ich jetzt mit ganz anderem Interesse zum Beispiel die aktuellen Staumeldungen vom Dreieck Spreewald oder der A13. Hier im Einsatz besinnen sich aber auch viele auf das traditionelle Briefe-Schreiben. Die Feldpoststelle bietet verschiedene Bundeswehr-Postkarten mit Weihnachtsmotiven. Die nutzen die Soldaten gern.

Heißt das, dass Sie doch nicht so weit weg sind von zu Hause und Ihrer Familie, wie man denken könnte?

Habermann Zunächst: Ich verbringe das Weihnachtsfest mit meiner Familie. Ich bin zwar einige tausend Kilometer von zu Hause entfernt, trotzdem sind wir uns in Gedanken und in den Herzen sehr nah. Vielleicht empfinden wir uns als Familie durch die räumliche Trennung sogar noch intensiver. Ich weiß, dass meine Mädels es sich zu Hause gemütlich machen. Und das sollen sie auch. Sie haben auch das ganze Jahr hart gearbeitet und haben es sich verdient. Natürlich wäre es schöner, wenn wir an den Feiertagen zusammen sein könnten. Meine Familie hat mir auch schon Pakete geschickt. Ich habe mich sehr gefreut über Meerrettich und Gurken aus Lübbenau. Den Stollen aus dem Paket habe ich gemeinsam mit meinen Kameraden gegessen. Meine Frau und meine Töchter haben mir einen schönen Weihnachtskalender aus kleinen Tüten gebastelt: Jeden Tag ist ein tolles Foto von unserer Familie dabei. Die hängen jetzt alle über meinem Bett.

Weihnachten zu Hause im Spreewald und in Familie ist aber sicher  etwas anderes. Freuen Sie sich schon jetzt darauf, dies im nächsten Jahr erleben zu können?

Habermann Bei mir selbst ist es so, dass ich Weihnachten mit meiner Familie in der Heimat schon vermisse. Die Adventszeit mit der Familie, aber auch Weihnachtsmarkt, Glühwein, Schnee – all das gibt es hier nicht. Vor allem fehlen mir meine Frau und meine Töchter. Das ist nicht einfach. Aber ich bin damit nicht allein. Wir alle hier sind in der gleichen Situation.

Wann kehren Sie wieder heim?

Habermann Daran denke ich noch nicht. Zum einen ist das noch lange hin. Ich werde voraussichtlich erst im Frühjahr wieder in Deutschland sein. Zum anderen habe ich hier eine Aufgabe, die mir sehr viel Freude macht, weil ich weiß, dass sie wichtig ist.

Was machen Sie zuerst, wenn Sie wieder zu Hause sind?

Habermann Ich werde auf jeden Fall mit meiner Frau eine Kahnfahrt machen. Nur wir beide. Ich werde sie durch den Spreewald staken. Das habe ich auch gemacht, als wir damals frisch verliebt waren. Wir fahren ganz früh los, da ist es noch total ruhig auf den Fließen. Mein alter Herr hat einen sehr alten und sehr schönen Holzkahn. Mit dem meine Frau durch den Spreewald zu staken, ist wirklich was Besonderes für mich. Und für sie auch.