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| 16:40 Uhr

Fontane unterwegs im Spreewaldkahn
Fontane – der Reiseblogger von 1859

 In Lehde verlässt der Dichter den Kahn. Für Danielle Riedhauser und Jürg Hämmerli geht die Fahrt weiter in Richtung Hochwald und Leipe.
In Lehde verlässt der Dichter den Kahn. Für Danielle Riedhauser und Jürg Hämmerli geht die Fahrt weiter in Richtung Hochwald und Leipe. FOTO: LR / Liesa Hellmann
Lübbenau. Vor 160 Jahren besuchte der Schriftsteller Theodor Fontane den Spreewald. Er unternahm das typisch touristische Programm – inklusive Kahnfahrt. Die lief allerdings nicht ganz rund.

Hätte es 1859 bereits Instagram gegeben, wäre Theodor Fontane wohl Mitglied bei dem sozialen Netzwerk gewesen. Eine Milliarde Nutzerinnen und Nutzer habe Instagram derzeit, gibt der Onlinedienst an. Sehr viele von ihnen veröffentlichen auf der Plattform ihre Urlaubsfotos, einige, sogenannte Influencer, verdienen mit ihren Reiseberichten Geld. Theodor Fontane hätte es wohl ebenso gemacht: Man könne ihn als „ersten Reiseblogger“ bezeichnen, der über den Spreewald geschrieben hat, sagt Daniel Schmidgunst von der Spreewald-Touristinformation Lübbenau.

Der Dichter besuchte den Spreewald rund um Lübbenau für wenige Tage im August 1859 und veröffentlichte seinen Reisebericht – natürlich ohne Fotos – wenige Wochen später in einer Zeitung und 1882 in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Der Effekt war ähnlich wie wenn heute Reiseblogger über noch unbekannte, idyllische Orte schreiben: „Fontane hat den Spreewald ins Bewusstsein der Menschen gebracht“, so Schmidgunst. Und zwar vor allem in das der Berliner Großstädter. Mit dem Bau einer Eisenbahnverbindung von Berlin in Richtung Cottbus in den 1860er-Jahren begann der Spreewaldtourismus.

Fontane: Ein Schriftsteller, bei dem man zwischen den Zeilen lesen muss

Zwei, die dank Fontane den Weg in den Spreewald gefunden haben – allerdings 160 Jahre später als der Dichter – sind Danielle Riedhauser und Jürg Hämmerli aus der Schweiz. Hämmerli hat seiner Partnerin eine zwölftägige Reise auf den Spuren des Dichters zum Geburtstag geschenkt. Danielle Riedhauser hat vor allem die Romane des Schriftstellers gelesen. „Ich liebe seine Sprache und die Art wie er die Menschen charakterisiert, nämlich immer mit Humor. Man muss bei Fontane zwischen den Zeilen lesen, das fasziniert mich.“ Humorvolle Personenbeschreibungen finden sich in Fontanes Reisebericht „In den Spreewald“: „Die größte Sehenswürdigkeit Leipes ist seine wunderschöne Wirtsfrau, die vor vier oder fünf Jahren auch in Berlin war, und, in ihrem wendischen Kostüm den Krollschen Garten besuchend, ein halbes Hundert junge Berliner aus dem Häuschen gebracht haben soll.“

Neuruppin, die Geburtsstadt des Dichters, Potsdam, Stettin, Cottbus und den Großen Stechlinsee, wo Fontanes Roman „Der Stechlin“ spielt, haben Danielle Riedhauser und Jürg Hämmerli bereits besucht. Die letzte Station auf ihrer Reise ist der Spreewald, den sie zum ersten Mal besuchen. Die Kahnfahrt unter dem Namen „Fontane-Kahnfahrt anno 1859“ hat Hämmerli auch ausgewählt, um mehr über die Region zu erfahren. „Man gewinnt ein gewisses Verständnis für die Menschen, die hier gelebt haben und heute hier leben“, sagt er.

 Auf den Spuren Theodor Fontanes fahren Danielle Riedhauser und Jürg Hämmerli durch den Spreewald. Gästeführer Peter Lehmann (M.) begleitet die beiden in Gestalt des Dichters bis nach Lehde.
Auf den Spuren Theodor Fontanes fahren Danielle Riedhauser und Jürg Hämmerli durch den Spreewald. Gästeführer Peter Lehmann (M.) begleitet die beiden in Gestalt des Dichters bis nach Lehde. FOTO: LR / Liesa Hellmann

Mit einem Preis von 149 Euro pro Person zählt die Fahrt zu den exklusiveren Angeboten. Maximal zu sechst fährt man im Holzkahn und mit Proviantkorb an Bord von Lübbenau über Lehde und den Hochwald nach Leipe und wieder zurück. Unterwegs wird, wie es auch Fontane tat, zum Hechtessen am Gasthof Eiche angehalten. Die ganztätige Tour gehört auch generell zum Fahrtenprogramm, „zum Fontanejahr sollte aber auch Fontane mitfahren“, sagt Daniel Schmidgunst, von der Spreewald-Touristinformation, die die Tour anbietet.

Fontane fährt im Kahn mit

Deshalb steigt in Lübbenau auch Peter Lehmann in den Kahn, mit Frack, Zylinder und Spazierstock als Fontane kostümiert. Peter Lehmann ist Gästeführer und ist es somit gewöhnt, vor Menschen zu sprechen. Dennoch gibt er nach der ersten Fontane-Kahnfahrt zu: „Ich hatte Lampenfieber.“ Normalerweise spiele er bäuerliche Figuren, bei Fontane, der aus dem gehobenen Bürgertum stammte, ist aber ein anderer Habitus gefragt.

„Nur auswendig gelernte Texte aufsagen, ist nicht mein Fall. Je nachdem, welche Fragen die Gäste stellen, verändere ich meinen Text.“ Während der Fahrt nach Lehde erzählt er nicht nur, wie der Schriftsteller Fontane den Spreewald erlebt hat, sondern berichtet auch von den Eigenheiten des Lebens am Wasser: Von Briefkästen, die am Fließ stehen, und Fischkästen, in denen Speisefisch lebendig gelagert wird, von Wasserschlagwiesen und hölzernen Schlangenköpfen, die als Schutzzeichen viele Spreewaldhäuser zieren.

Terra incognita – Fontane verfährt sich im Spreewald

„Etwas Spekulation ist natürlich dabei. Aber die Route, die gefahren wird, entspricht soweit möglich der originalen Route“, sagt Daniel Schmidgunst. In den 160 Jahren, die zwischen dem Spreewaldbesuch des Dichters und heute liegen, sind manche Gräben hinzugekommen, andere verschwunden. Es gibt deutlich mehr Schleusen und die Fließgeschwindigkeit ist eine andere.

Einen Unterschied zur Tour, die der Dichter unternahm, gibt es auf jeden Fall: „Fontanes Kahn hat sich damals verfahren, das machen wir natürlich nicht mit. Wir fahren vom Gasthaus Eiche direkt nach Leipe“, so Schmidgunst. Für Fontane und seine Begleiter war das 1859 nicht so einfach: „Die Kanäle vor und neben uns wurden immer flacher und seichter; endlich saßen wir fest wie die Preußen auf dem Marsche nach Waterloo“, schreibt Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Als es dann weitergeht, stellen die Männer fest, dass sie sich verfahren haben: „Das ganze Terrain eine Terra incognita. Der Kantor, der eben noch Marschall Vorwärts war, war jetzt Kolumbus, Bootführer Birkig die meuterische Mannschaft und wir – geteilt in unseren Ansichten, wie ein Neutraler, der zwei Zeitungen liest.“ Erst nachts um 22 Uhr legten Fontane und seine Reisegenossen wieder in Lübbenau an. Das bleibt Gästen der Fontane-Kahnfahrt erspart: Die achtstündige Tour endet abends gegen 18  Uhr wieder im Großen Hafen Lübbenau.