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| 14:10 Uhr

Wenn Treppensteigen zum Kraftakt wird
AWO-Azubis zeigen, wie sich ältere Menschen fühlen

 Das Ausfüllen einer Überweisung bereitet Michael Jakobs (rechts), Geschäftsführer der WIS, Probleme. Die Brille, die er trägt, simuliert die Augenerkrankung Grauer Star, die Handschuhe beeinträchtigen die Feinmotorik. Die zukünftigen Pflegekräfte Sebastian Metag (Mitte) und Maggan Pudlitz (links) wollen mit der Aktion zeigen, mit welchen Einschränkungen ältere Menschen täglich kämpfen.
Das Ausfüllen einer Überweisung bereitet Michael Jakobs (rechts), Geschäftsführer der WIS, Probleme. Die Brille, die er trägt, simuliert die Augenerkrankung Grauer Star, die Handschuhe beeinträchtigen die Feinmotorik. Die zukünftigen Pflegekräfte Sebastian Metag (Mitte) und Maggan Pudlitz (links) wollen mit der Aktion zeigen, mit welchen Einschränkungen ältere Menschen täglich kämpfen. FOTO: LR / Liesa Hellmann
Lübbenau. Wie fühlt sich das Leben mit 80 Jahren an? AWO-Azubis simulieren mit Brillen und Gewichten die Gebrechen des Alters. Das führt zu einigen Herausforderungen. Von Liesa Hellmann

Schweren Schrittes steigt Michael Jakobs die Stufen im Treppenhaus der Wohnungsbaugesellschaft im Spreewald mbh (WIS) herab. Mit einer Hand hält er sich am Geländer fest, seine Körperhaltung ist gebeugt, der Blick ist auf die Stufen gerichtet. Mit schwarzer Weste, dunkler Brille, Handschuhen und Gelenkbandagen und zugleich langsamen, unsicheren Bewegungen sieht Jakobs, Geschäftsführer der WIS, ein wenig aus wie ein in die Jahre gekommener Beamter des Sondereinsatzkommandos SEK.

Allerdings schützt die Weste nicht vor Kugeln, sondern ist mit Gewichten gefüllt, die Gelenkmanschetten schränken die Bewegung ein und die Brille simuliert einen grauen Star. Jakobs hat Auszubildende der AWO-Fachschule Lübbenau eingeladen, damit er sowie seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich „besser hineinversetzen können in ältere Menschen“, wie Jakobs sagt.

Josephin Preuß, Maggan Pudlitz, Sebastian Metag und Julius Sarodnik haben einen ganzen Koffer voller Gegenständen mitgebracht, die die Gebrechen des Alters simulieren sollen. Die vier sind im dritten Lehrjahr in der Ausbildung zur Fachkraft für Altenpflege und helfen beim Anlegen der Ausrüstung.

Aufstehen, Treppensteigen, Schreiben – einfache Tätigkeiten werden zur Herausforderung

Eine Halskrause sowie Manschetten an den Ellenbeugen und Kniegelenken sollen die Bewegungseinschränkungen von Arthrose simulieren, erklärt Julius Sarodnik. Handschuhe erschweren die Feinmotorik, eine Art steife Sohle, die unter die Schuhe geschnallt wird, sorgt für Gleichgewichtsprobleme. Gewichte an den Hand- und Fußgelenken sowie am Oberkörper sollen verdeutlichen, wie schwer selbst alltägliche Bewegungen älteren Menschen fallen können.

 Hat noch gut Lachen: Michael Jakobs (Mitte) trägt eine Ausrüstung, die simuliert, wie sich ältere Menschen fühlen. Die Pflegeschüler Sebastian Metag (links) und Julius Sarodnik (rechts) passen auf, dass nichts Jakobs passiert.
Hat noch gut Lachen: Michael Jakobs (Mitte) trägt eine Ausrüstung, die simuliert, wie sich ältere Menschen fühlen. Die Pflegeschüler Sebastian Metag (links) und Julius Sarodnik (rechts) passen auf, dass nichts Jakobs passiert. FOTO: LR / Liesa Hellmann

Und tatsächlich: Das Öffnen von Türen wird zum Kraftakt, das Aufstehen vom Stuhl ist ohne eine Möglichkeit zum Festhalten auch eine koordinative Herausforderung. Vor allem das Treppensteigen fällt schwer, wenn man 35 Kilogramm zusätzlich – so viel wiegt die Ausrüstung insgesamt – mit sich herumträgt. „Man muss bedenken, das ist nur eine Simulation. Bei älteren Menschen kommen auch noch Schmerzen und Erkrankungen wie eine Herzschwäche hinzu“, sagt Julius Sarodnik.

Mit Kopfhörern und verschiedenen Brillen simulieren die Auszubildenden altersbedingte Verschlechterungen von Hören und Sehen. Vor allem die Brille, die die Augenkrankheit Grauer Star nachbildet, hat es in sich. Die Umgebung verschwimmt, andere Menschen werden zu Schemen. Besonders kleine Gegenstände sind kaum zu erkennen. Diese Erfahrung macht auch Michael Jakobs: Treppenstufen sind kaum voneinander zu unterscheiden, ebenso wenig Münzen im Portemonnaie. Auch beim Ausfüllen einer Banküberweisung scheitert Jakobs – für ihn sind die kleinen Kästchen und Buchstaben durch die Brille schlicht nicht zu erkennen. „Einkaufen ist gestrichen, Überweisungen sind gestrichen“, kommentiert Jakobs.

Michael Jakobs (WIS): „Altergerechtes Wohnen ist noch steigerungsfähig“

Selbst Fahrstühle, wie sie auch in den altersgerechten Wohngebäuden der WIS im Quartier „Neue Freundschaft“ eingebaut sind, erleichtern älteren Menschen das Leben nur bedingt, stellt Jakobs fest: Die Tasten sind zu klein, die Stimme, die die Etage ansagt, ist zu leise. In den Wohngebäuden für Senioren der WIS seien bereits einige Maßnahmen umgesetzt worden, um älteren Menschen den Alltag zu erleichtern, so Jakobs, „mit Sicherheit ist das aber noch steigerungsfähig.“ Die Erfahrungen aus der Alterssimulation wolle man in die Sanierung eines Wohnblocks in der Robert-Schumann-Straße einbeziehen.

 Zur Alterssimulation gehören auch verschiedene Brillen, die alterbedingte Augenerkrankungen simulieren .
Zur Alterssimulation gehören auch verschiedene Brillen, die alterbedingte Augenerkrankungen simulieren . FOTO: LR / Liesa Hellmann

Pflegeschüler Julian Sarodnik erklärt, worauf es bei Wohnungen für ältere Menschen ankommt: „Sämtliche Stolperfallen wie Türschwellen sollten vermieden werden und es braucht eine vernünftige Beleuchtung.“ Küchenschränke sollten nicht zu hoch angebracht werden und Arbeitsflächen mit dem Rollstuhl unterfahrbar sein, so Sarodnik. Ebenfalls wichtig: Handläufe und Haltegriffe, besonders im Bad. Sarodnik: „Wer rastet der rostet. Ältere Menschen, die sich schlecht bewegen können, verlieren ihre sozialen Kontakte. Deshalb Sicherheit beim Gehen ist für ältere Menschen das A und O.“