| 15:38 Uhr

LR Vor Ort
Decke, warme Socken und Schnaps bitte!

Die Geschichte einer Kirchensanierung: RUNDSCHAU-Reporterin Hannelore Kuschy moderierte das Treffen mit Initiatoren und Helfern der Kirchensanierung: Hannelore Kuschy, Christel Paulick, Helmut Pommerening, Sigried Pommerening, Carola Fischer und Uli Stein (v. l.).
Die Geschichte einer Kirchensanierung: RUNDSCHAU-Reporterin Hannelore Kuschy moderierte das Treffen mit Initiatoren und Helfern der Kirchensanierung: Hannelore Kuschy, Christel Paulick, Helmut Pommerening, Sigried Pommerening, Carola Fischer und Uli Stein (v. l.). FOTO: Peter Becker
Ogrosen. Gäste erzählen bei „Vor Ort“ Anekdoten aus mehr als zehn Jahren Ogrosener Kirche. Besucher spenden 126 Euro.

Die LAUSITZER RUNDSCAHU hat zu „Vor Ort“ in die Kirche Ogrosen eingeladen. Zwei Dutzend Menschen fanden den Weg dorthin. Mit heißen Getränken haben Ogrosenerinnen die Besucher in den zwei Stunden versorgt.

„Es ist das Markenzeichen der Kirche: immer kalt, aber immer voller menschlicher Wärme“, ließ gleich zu Beginn Carola Fischer wissen. Die Mezzosopranistin am Cottbuser Staatstheater unterstützt seit mehr als zehn Jahren mit ihren Kollegen das Bemühen der Ogrosener, ihre Kirche dem Dorf zu erhalten. All zu gern hören Stammbesucher der Kirche die Anekdote vom ersten Weihnachtskonzert. Carola Fischer war im dünnen Kleid gekommen in der Hoffnung, dass die damals noch vor dem Verfall stehende Kirche beheizt werde. Aber nichts da. Vor dem Konzert drohte ihre Stimme zu versagen. „Ich helfe Euch gern, aber dazu brauche ich 1. ein Paar warme Socken, 2. eine Decke und 3. einen Schnaps.“ Für Christel Paulick von der Kirchengemeinde keine große Herausforderung, auch wenn sie damit zum ersten Mal im Leben Schnaps in die Kirche geschafft hat.    Das war das geringste Problem der Ogrosenerin. Sie hat mit ihrer Idee von einer nie dagewesenen Spendensammlung für die aufwendige Kirchensanierung viele Helfer gewonnen, sieht sich aber nicht gern im Mittelpunkt: „Ich bin nur eine von vielen, wenn auch mit Visionen, manchmal ein bisschen verrückt, manchmal der Verzweiflung näher, als dem ,Wir schaffen das’“, gesteht sie.

Die unglaubliche Geschichte der fast sanierten Kirche stand im Mittelpunkt des Vor-Ort-Termins. Reporterin Hannelore Kuschy bat die Gäste, von ihren Erlebnissen und Gefühlen zu erzählen. Helmut und Sigried Pommerening aus Tornitz kamen eher zufällig nach der Jahrtausendwende in die Runde der Helfer – und blieben bis heute. „Ich erinnere mich, dass wir für ein Wochenende, an dem wir ein erstes Zeichen zur Sanierung der Kirche setzen wollten, zwölf Zentner Kartoffeln geschält und gebraten hatten“, erzählt Helmut Pommerening. Christel Paulick ergänzt, dass Frauen der Kirchengemeinde 105 Kuchen gebacken hatten, ein Bulle und ein Schwein seien von Landwirten gespendet worden.  Ungezählte Helfer brannten und brennen noch immer für diese Kirche. Stellvertretend für die Stillen und Zuverlässigen nennt sie Kurt Thiede. „Er hat in jeder freien Stunde Kerzenwachs, das in Jahrhunderten heruntergetropft war, von den Bänken gekratzt, damit irgendwann mal die Farbe haltbar aufgetragen werden kann“, lobt sie seine Arbeit. Ebenso so still und unauffällig, aber völlig überraschend, floss Geld auf das Spendenkonto für die Kirche. Einer schwer kranken Berlinerin, Erika Sticks, fiel eines Tages ein Buch über die Brandenburger Kirchen und ihre Hüter in die Hände. Sie las dort vom Sanierungsbedarf der Ogrosener Kirche und überwies in einem ersten Schritt 10 000 Euro. Später folgten weitere und größere Summen. Mehr als 100 000 Euro waren es am Ende. Die Wissenschaftlerin wollte ihr in Jahrzehnten angespartes Geld nutzbringend angelegt wissen. Bei der Glockenweihe 2010 war sie noch anwesend, verstarb aber bald danach.

Die nicht enden wollenden Beispiele von Helfern und Spendern ließ die auf ihrem Stuhl geduldig ausharrende Carola Fischer leicht frösteln. Die Herzen wurden warm, als sie mit ihnen gemeinsam das erste Lied an diesem Nachmittag sang. Der Altdöberner Horst Bernstein spurtete an die Orge. „Bitte, Meistro“, forderte sie ihn zum Spielen auf. Ogrosener Frauen reichten dazu heiße Getränke.

Die Vetschauer Siegfried und Gudrun Engelmann sind treue Besucher dieser Kirche. „Wir kamen über Pommerenings dazu und halten dem Projekt die Treue“, sagt Gudrun Engelmann. „Obwohl wir keiner Religion angehören, sehen wir im Erhalt der Kirchen einen wesentlichen Beitrag zur Wahrung unserer Kulturgüter“, ergänzt ihr Mann Siegfried. Mit Blick auf die vielen frisch-weißen Wände ergänzt der Vetschauer Maler noch: „Hier könnte Kunst Platz finden, vielleicht spült das am Ende auch noch etwas Geld aufs Spendenkonto.“

Noch ist die Kirche nicht komplett saniert. Es gäbe weiter zu tun, lässt Christel Paulick während der Veranstaltung wissen: „Die Epithapien derer zu Stutterheim müssen aufgearbeitet werden – und so langsam müssen wir auch an die Werterhaltung denken, damit alles recht lange Bestand hat.“

Carola Fischer lädt zu einem letzten Singen ein, bevor sie sich schnell  wieder ins Theater aufmacht. „Der Mond ist aufgegangen...“, singen alle mit, und die restaurierte Orgel klingt. In das Spendenkörbchen am Ausgang legen die Besucher schließlich insgesamt 126 Euro. Am 23. Dezember um 15 Uhr sind alle wieder eingeladen zum Weihnachtskonzert. Carola Fischer selbst werde im Anschluss nicht bleiben können. „Ich steh’ und singe noch am selben Abend auf der Cottbuser Bühne. Die Konzertstunde in Ogrosen aber, die sei für sie Weihnachten, Abstand vom hektischen Alltag, Besinnung auf das wirklich Wichtige im Leben. Alle rückten zusammen, auch wenn es auf kalten Kirchenbänken sei.

In der kalten Kirche hatten die Ogrosener für heiße Getränke und Gebäck gesorgt. Die Besucher waren dankbar.
In der kalten Kirche hatten die Ogrosener für heiße Getränke und Gebäck gesorgt. Die Besucher waren dankbar. FOTO: Peter Becker