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| 02:51 Uhr

Lockeres Kabarett brachte Knast ein

Bekannt geworden ist Günter Georgi durch seine Fotografien, für die er mehrere Preise einheimste. Damit sich die Schüler ein Bild von seinem Wirken und seinen Reisen in 92 Länder machen können, befindet sich im Schul-Korridor eine kleine Ausstellung. In einer anschließenden Unterrichtsstunde informierte der Zeitzeuge von Erlebnissen während der SED-Diktatur.
Bekannt geworden ist Günter Georgi durch seine Fotografien, für die er mehrere Preise einheimste. Damit sich die Schüler ein Bild von seinem Wirken und seinen Reisen in 92 Länder machen können, befindet sich im Schul-Korridor eine kleine Ausstellung. In einer anschließenden Unterrichtsstunde informierte der Zeitzeuge von Erlebnissen während der SED-Diktatur. FOTO: Uwe Hegewald/uhd1
Altdöbern. "In Freiheit leben zu können ist das wichtigste Gut", sagt Günter Georgi. Der Saarländer weilte am Donnerstag in der Lilien-Grundschule Altdöbern, um aus seinem Leben zu erzählen. Dieses Mal als Zeitzeuge der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. 1958 musste er die Lausitz in Richtung BRD verlassen, zuvor saß er 100 Tage im Gefängnis. Uwe Hegewald / uhd1 uhd1

Schulleiterin Monika Krüger erinnerte die Mädchen und Jungen der 6. Klasse an Karikaturen von Angela Merkel (CDU) und daran, dass die Kanzlerin gelegentlich auf Kabarett- oder Karnevalveranstaltungen durch den Kakao gezogen wird. "Zu DDR-Zeiten drohte dafür Gefängnis", rief sie den Schülern während einer Unterrichtsstunde im Fach "Politische Bildung" ins Bewusstsein.

Günter Georgi kann das bestätigen. In Annahütte geboren und bereits fest im Berufsleben stehend, erwies sich ausgerechnet seine Leidenschaft fürs Kabarett als Stolperstein. "Ich hatte Hitler, Goebbels und Mussolini parodiert und wurde von einem aus dem Publikum gefragt, ob ich auch Walter Ulbricht imitieren könnte", erzählte der 85-Jährige. Für seine Antwort "ja, aber das würde mir zwei Jahre Haft bescheren" schickten ihn die Funktionäre für 100 Tage ins Gefängnis. Einen verteidigenden Anwalt habe er erst kurz vor Prozessbeginn zu sehen bekommen. "Ich saß mit weiteren politischen Häftlingen im Untersuchungsgefängnis Senftenberg und durfte nur einmal von meiner Frau Besuch empfangen", schilderte Georgi die "unerträglichen dreieinhalb Monate".

Aus der Haft entlassen, galt es für die junge Familie neue Hindernisse zu meistern. Die größte Hürde, eine Wiedereinstellung oder einen anderen Job zu finden, sollte sich jedoch als unüberwindbar erweisen - trotz eines später erfolgten Freispruchs. "Ungern haben wir die Heimat verlassen, mit der wir verwurzelt waren, und wo wir uns nach dem Krieg eine Existenz aufgebaut hatten", seufzte der Senior.

Noch im Jahr seiner Inhaftierung flüchtete Günter Georgi mit seiner Familie ins Saarland. Nach einer Amnestie waren ab 1964 auch wieder Familien-Besuche im Osten möglich. Den Mauerfall behält der Ex-Lausitzer als einen Tag in Erinnerung, der für "große Freude und Genugtuung" gesorgt habe. Um zu erfahren, wer ihn damals verpfiffen habe, beantragte Georgi Einsicht in seine 356 Seiten umfassende Stasiakte und sollte weitere Frevel der SED-Diktatur entdecken: "Jeglicher Briefkontakt zwischen den Familien im Saarland und der Lausitz sowie deren Inhalte waren dokumentiert. Die Stasi wusste sogar, wann ich krank war, welches Gehalt mir gezahlt wurde und welche Bankaktivitäten vollzogen wurden", zeigt sich der Zeitzeuge der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur noch heute entsetzt.

Für die Schüler erwiesen sich die Schilderungen als erdrückend und schwer nachvollziehbar. Auf die Frage, ob sich Eltern oder Großeltern gelegentlich über das Leben in der einstigen DDR unterhielten, meldete sich eine Schülerin und bemerkte: "Meine Eltern sagen immer, dass damals nicht alles schlecht war." Das stimme auch, entgegnete Monika Krüger und setzte mit pädagogischem Fingerspitzengefühl zu einem Vergleich an. "Gegenüber der damaligen Zeit könnt ihr euch heute frei entfalten, alles kaufen und frei wählen, welchen Radio- oder Fernsehsender ihr einschaltet. Ihr könnt mit euren Eltern reisen, wohin ihr wollt und auch sagen, was ihr wollt", befand sie. Nur verletzend dürften die Äußerungen nicht sein - das verbieten die Spielregeln der Demokratie.

Zum Thema:
Bereits 2007 bis 2009 besuchte Günter Georgi die Altdöberner Grundschule, um seine Arbeit als anerkannter Hobbyfotograf zu präsentieren. Inzwischen hat er 225 Ausstellungen organisiert und 92 Länder bereist, was zu Eintragungen im Guinness Buch der Rekorde führte. Im März dieses Jahres zählte er zu den ersten Empfängern der Medaille des Landtages Brandenburg zur Anerkennung von Verdiensten für das Gemeinwesen. Vom Deutschen Verband der Fotografie erhielt er die Verdienstmedaille in Gold. uhd1