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Letzte Einkehr vor der Grenze

An der Nahtstelle der Landkreise OSL, LDS und EE gelegen, gilt Groß Mehßow als Dorf im "Dreiländereck" und der Gasthof Kasprick als letzte Einkehr vor der Grenze.
An der Nahtstelle der Landkreise OSL, LDS und EE gelegen, gilt Groß Mehßow als Dorf im "Dreiländereck" und der Gasthof Kasprick als letzte Einkehr vor der Grenze. FOTO: Uwe Hegewald/uhd1
Groß Mehßow. Gastlichkeit wird im Spreewald großgeschrieben. Sie hat in der Lagunenlandschaft, in der Calauer Schweiz und entlang der Berste eine lange Tradition. Die RUNDSCHAU stellt historische Gasthäuser vor. Heute: der Gasthof Kasprick in Groß Mehßow. Uwe Hegewald / uhd1

Im beschaulichen Groß Mehßow (Oberspreewald-Lausitz) ist ein kleines Phänomen zu erleben. Biegen Durchreisende an der Dorfkreuzung rechts ab, gelangen sie nach Fürstlich Drehna und somit in den Landkreis Dahme-Spreewald. Links entlang führt der Weg direkt nach Crinitz, ins Elbe-Elster-Land.

Wer Rasten und Einkehren möchte, entscheidet sich in der Regel für die "goldene Mitte" und gelangt so in den Gasthof Kasprick - der letzten Einkehr vor der Grenze. "Früher galt das Haus nicht nur für Postkutschen als wichtige Umspannstation. Die Lage an der stark frequentierten Kaufmannsstraße und der Vorzug, in der gegenüberliegenden Schmiede/Stellmacherei reparaturbedürftige Fahrzeuge in Ordnung gebracht zu bekommen, sorgten für entsprechende Kundschaft", erzählt Lutz Kasprick von den Anfängen der Schankwirtschaft.

Der in Plessa wohnende Mehßower Ortschronist Rainer Kamenz kann eine erste Erwähnung um das Jahr 1750 belegen. Im Familienbesitz befindet sich der Gasthof Kasprick seit dem Jahr 1860. Bärbel Kasprick, die im historischen Anwesen bis 2002 Regie geführt hatte, erwähnt die Namen Weßnick und Zwickert als familiäre Vorfahren.

Durststrecken überstanden

Bis heute haben es die Mehßower Wirtsleute verstanden, sich mit den Gegebenheiten mehrerer Gesellschaftsordnungen zu arrangieren, Durststrecken zu überstehen oder Erfolge zu feiern. Ehrgeiz und Rastlosigkeit sind dabei zuverlässige Begleiter: Lutz Kasprick, der tagsüber mit einem Grillwagen übers Land zieht und abends sowie an den Wochenenden den Kochlöffel schwingt, weiß die tüchtige Mitarbeit "seiner" Mädels zu schätzen. Während Gattin Brigitte im Service zaubert, erweist sich Mutter Bärbel insbesondere beim Backen und in der Küche als unentbehrliche Hilfe. Insbesondere, wenn im 1912 errichteten Saal Feierlichkeiten stattfinden.

Haben die jährlichen Schlachtefeste, Kirmes- und Fastnachtstänze inzwischen legendären Status erlangt, so erwies sich der bis zu 100 Gäste fassende Saal einst als Adresse von multifunktionellem Format. Bis zur Schließung der Dorfschule (1973) diente der Raum als Turnhalle, aber auch als Kino- oder Theatersaal (Marionettentheater). "Hier hat sogar schon einmal ein Zirkus gastiert", weiß Lutz Kasprick zu berichten.

Auffanglager für Flüchtlinge

Ende des Zweiten Weltkrieges galt der Gasthof als Auffanglager für Flüchtlinge. Bedenklich: Unter Klein- und Groß Mehßow schlummert Braunkohle, die zu DDR-Zeiten auch abgebaut werden sollte. "Im Bergbauschutzgebiet liegend, durften Betroffene nur noch das Nötigste für den Erhalt der Gebäudesubstanz tun. Welche Auswirkungen das hatte, wissen alle, die seinerzeit in den dadurch wenig einladenden Ortschaften lebten", erinnert Lutz Kasprick.

Nach politischer und energiepolitischer Wende bündelte die Familie wieder einmal Mittel und Kräfte. Gaststube, Vereinszimmer, Saal und Toiletten wurden komplett erneuert, später ein nicht mehr benötigter Pferdestall ausgebaut. "Jüngster Schrei" ist eine gemütliche Pension, die nicht nur Gästen ein Nachtquartier bietet, die zuvor bei einer Familienfeier Geselligkeit pflegten.

Groß Mehßow liegt im Herzen des Niederlausitzer Landrückens und gilt als Tor zum Naturschutzgebiet Tannenbusch mit seinen idyllischen Teichen. Das lockt gleichermaßen Erholungssuchende, Naturliebhaber, Wanderer oder Radtouristen ins "Dreiländereck". So nennen die Mehßower ihr Fleckchen Erde im "Grenzgebiet". Durch die kurzen Entfernungen ins geschichtliche Fürstlich Drehna (LDS), in die Töpfer-Gemeinde Crinitz (EE) oder nach Calau sind Mehßow und der Gasthof Kasprick längst zum Geheimtipp gereift.

Der Gasthof Anfang des 20.Jahrhunderts.
Der Gasthof Anfang des 20.Jahrhunderts. FOTO: Familienbesitz