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Hallo Nachbar: Heute Dörrwolf
Lesestunden mit dem Rauschen der Kiefern

Lesen gilt als Steckenpferd der Einwohner von Dörrwolf. Egal, ob die Tageszeitung, Prospekte, Anzeigenhefte oder Journale die Bernd Range, Mutter Margarete sowie Gerda (geborene Range) und Hubert Maschke täglich lesen (Foto links) oder bei der im Dorf lebenden Anke Sniegocki, die schon auf dem Altdöberner Weihnachtsmarkt (Foto rechts) in die Rolle der Märchenerzählerin geschlüpft ist.
Lesen gilt als Steckenpferd der Einwohner von Dörrwolf. Egal, ob die Tageszeitung, Prospekte, Anzeigenhefte oder Journale die Bernd Range, Mutter Margarete sowie Gerda (geborene Range) und Hubert Maschke täglich lesen (Foto links) oder bei der im Dorf lebenden Anke Sniegocki, die schon auf dem Altdöberner Weihnachtsmarkt (Foto rechts) in die Rolle der Märchenerzählerin geschlüpft ist. FOTO: Uwe Hegewald
Dörrwolf. Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Doch wer sind die Nachbarn? Station der Kreis-Reise heute: Dörrwolf. Von Uwe Hegewald

Für die wenigen Einwohner von Dörrwolf ist es zur Normalität geworden, die Lage ihres Heimatdorfes erklären zu müssen. „Wir haben diesen Ortsnamen noch nie im Leben gehört“, „wir wussten nicht, dass dort hinten am Waldesrand überhaupt Häuser stehen“ oder „ihr tischt uns doch hier ein Märchen auf“, gelten zu den Standardbemerkungen derer, die erstmals vom Dörfchen in der Gemeinde Neu-Seeland hören.

„Es gibt auch Personen, die uns mit Dörrwalde verwechseln und uns sogar deren Holländermühle zuschreiben“, erzählt Gerda Maschke. 1947 ist sie in Dörrwolf geboren und genießt hier an der Seite ihres Ehemannes Hubert den Ruhestand. Manchmal ist es der taffen Frau jedoch zu ruhig im Heimatdorf mit seinen vier Wohngrundstücken, dem gelegentlichen Wiehern von Pferden oder Rauschen der Kiefernwipfel. Dann geht’s zur Tanzgymnastik ins benachbarte Woschkow. „Unsere Tanzsportgruppe sucht noch Mitstreiterinnen“, so Gerda Maschke, der es nicht schwerfällt, auf Menschen zuzugehen. Die jährlichen Bowlingabende mit der fast kompletten Dorfbevölkerung liegen in ihren organisatorischen Händen. Darüber hinaus verführt sie Besucher mit dem leckersten Eierlikör-Napfkuchen der Region. Ehemann Hubert und der auf dem Hof separat wohnende Bruder Bernd bereiten die gemeinsamen Dorfausflüge ins Großkoschener Amphitheater vor. „Wir durchstöbern gemeinsam den Veranstaltungskalender, hören uns bei den Nachbarn um und schon wird gebucht“, beschreibt Hubert Maschke das Zustandekommen des jährlichen Kulturhöhepunktes. In diesem Jahr fiel die Wahl auf „Herr Pastor, ihre Kutte rutscht“. Kirche? Kneipe? Konsum? Kino oder Kulturhaus? In Dörrwolf Fehlanzeige. „Brauchen wir nicht. Bei uns gibt es den Dorfplatz“, halten die Einwohner dagegen. Zur Info: Beim Dorfplatz, auf dem jährlich ein kleines Osterfeuer entfacht wird, handelt es sich um eine kleine Lücke zwischen den Grundstücken der Familien Lutz Kaiser und Thomas Barsch. Beim Letzteren handelt es sich um den im Dorf lebenden Jäger. „Der beschützt uns vor dem bösen Wolf“, sagt Gerda Maschke mit einem Augenzwinkern. Gelegentlich soll Isegrims Nähe zum Dorf auch schon nachgewiesen worden sein, sagt sie und verweist auf historische Belege des Namensgebers. Auf alten Landkarten sei noch die Bezeichnung „Dürrer Wolf“ zu finden. Ein böser Wolf, ein Jäger und ein Kaiser sollten genügend Stoff für ein Märchen hergeben, doch Dörrwolf hat noch mehr Märchenhaftes zu bieten: Die ehemalige Zuckerstraße, die direkt am Dorf vorbeiführte. „Früher soll es sich um eine häufig befahrene Handelsstraße gehandelt haben“, erzählt Hubert Maschke. Ehegattin Gerda ergänzt: „Von der alten Frau Krause haben wir zu Kindeszeiten erfahren, dass es hier sogar eine Ausspanne für Pferde gegeben hat.“ Noch heute ist der Zuckerstraßenverlauf schemenhaft am Waldesrand zu erkennen. Stattliche Kiefern säumen diesen mit all ihrem Für und Wider. Im Sommer als Schattenspender willkommen sorgen sie im Winter dafür, dass auf den Höfen die Wäsche längere Zeit zum Trocknen benötigt und in Dörrwolf der Schnee immer länger als anderswo liegen bleibt. Früher dienten die Bäume noch als Lärmschutz für die benachbarte Rollbahn. Ihre Geschichte ist schnell erzielt: Mitte der 1950er Jahre als Zubringer von Flugzeugen des benachbarten russischen Militärflugplatzes Welzow errichtet, ist die Betonpiste inzwischen Geschichte. Nach der Wende erwies sich die schwach frequentierte Rollbahn als geeignete Strecke für angehende Führerschein-Absolventen und als willkommene Abkürzung, um auf die Bundesstraße 169 zu gelangen.

Übrigens: Flugzeuge wurden von den Einwohnern aus Dörrwolf auf der inzwischen abgetragenen Betonpiste nie gesehen. „Für unsere Einwohner gab es mal Passierscheine für die Rollbahn. Die ersparten uns die jetzigen Umwege von vier Kilometern über Leeskow und Lindchen. Dörrwolf ist quasi zum Sackgassendorf mutiert, in das sich nur selten Fahrzeuge verirren. Ratlosigkeit macht sich allenfalls bei Radtouristen breit, die die kürzeste Verbindung zwischen dem Altdöberner und dem Sedlitzer See von Lieske aus suchen und im abgeschiedenen Dorf dann plötzlich nicht weiter wissen. Radler vermissen eine halbwegs befahrbare Lückenschließung zwischen Bahnsdorf/Zollhaus und Dörrwolf.

Für Margarete Range klingt das wie Jammern auf hohem Niveau. „Als ich nach dem Krieg hierhergekommen bin, gab es noch nicht mal elektrischen Strom. Eine Wasserleitung wurde erst 1961 gelegt“, blickt sie zurück. Zum 95. Geburtstag der „Stammesältesten“, im kommenden Jahr, werden viele Gratulanten erwartet – vorausgesetzt, sie finden das versteckte Dörfchen am schönen Waldesrand.