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| 02:33 Uhr

Lebenszeichen aus dem "gallischen Dorf" der Lausitz

30 Frauen und Männer der ehemaligen Dorfjugend von Klein Jauer schwelgten in der Altdöberner Orangerie in Erinnerungen.
30 Frauen und Männer der ehemaligen Dorfjugend von Klein Jauer schwelgten in der Altdöberner Orangerie in Erinnerungen. FOTO: uhd1
Altdöbern. Als Mitte der 1980er Jahre Kohlebagger über das beschauliche Dörfchen Klein Jauer rollten, wurde zwar der Ort von der Landkarte getilgt, nicht aber die Erinnerungen an die verlorene Heimat. In Altdöbern kam es kürzlich zu einem Treffen ehemaliger Einwohner des "versunkenen Ortes", dessen geografischer Punkt heute im Altdöberner See liegt. Uwe Hegewald / uhd1

Vor 30 Jahren mussten die Einwohner von Klein Jauer ihr Dorf verlassen, um Platz zu machen für die Kohlebagger des Tagebaus Greifenhain. Schmerzlich: Nur wenige Jahre später fiel die Entscheidung, die Braunkohleförderung 1994 einzustellen. 118 Personen (Quelle: LMBV) mussten nach einer Ersatzheimat suchen und umsiedeln.

An Unterstützungen, wie sie heute üblich sind, war nicht zu denken. An einen Neuaufbau des Dorfes schon gar nicht. Diese Gegebenheiten erklären, warum es die Devastierten - so die damalige Bezeichnung für die unfreiwilligen Umzügler - in alle Himmelsrichtungen verschlug.

Ausgerechnet ein Trauerfall sorgte nun dafür, die früheren Jauer-Treffen wieder aufleben zu lassen. Bei der Beisetzung der unvergessenen Emmi Noack schworen sich Trauergäste aus dem ehemaligen Klein Jauer, die einstige Dorfjugend zusammenzutrommeln. Hans-Joachim Pohle (Calau) und Schwester Renate Donath (Großräschen) ließen dem Vorsatz Taten folgen.

"Wir haben einfach zum Telefonhörer gegriffen und Bekannte angerufen, die wussten, wohin es unsere einstige Dorfjugend verschlagen hat", berichten die Initiatoren. Das letzte Jauer-Treffen datiert aus dem Jahr 2002, vorbereitet von Renate Klausch, die insgesamt elf Zusammenkünfte organisiert hatte. Zwischendurch hatte eine kleine Gruppe von Ex-Dorfbewohnern mit der Errichtung eines Gipfelkreuzes auf der Kippenhöhe 105 die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es sollte an die vom Tagebau Greifenhain betroffenen Orte Buchholz, Neudorf, Nebendorf, Pritzen, Klein- und Groß Jauer erinnern sowie an die 26 Bergleute, die in diesem Betrieb ihr Leben ließen.

Das im August 2008 als Symbol der Erinnerung und Versöhnung aufgestellte Kreuz wurde jedoch von Unbekannten als Affront wahrgenommen und umgesägt.

"Was die Leute bewogen hat, zur Säge zu greifen, ist mir bis heute unerklärlich", haderte während des Treffens Ralf Schneeweiß, der Fotos vom Errichten des Gipfelkreuzes mitgebracht hatte. Als Renner erwiesen sich historische Aufnahmen, die das Leben im ehemaligen Ortsteil von Altdöbern widerspiegelten. Mit Gasthaus, Dorfteich, Wassermühle, kleinem Konsum, DFD-Ortsgruppe, Freiwilliger Feuerwehr, Jugendgruppe, Fußballmannschaft, einem mitten durchs Dorf fließenden Bach und der Musikschule Harry Müller besaß Klein Jauer so manches Alleinstellungsmerkmal.

Erinnerungen und Anekdoten prägten das Treffen der letzten Generation von Jauerschen aus dem "gallischen Dorf". Gleich mehrfach ist in Geschichtsbüchern von Widerständen gegen die Obrigkeit zu lesen. Dorfbewohner beklagten bereits im 16. Jahrhundert die Unterdrückung und wurden dafür als "Aufsässige" und "Rebellen" beschimpft. Beim geselligen Treffen der ehemaligen Dorfjugend in der Altdöberner Orangerie war davon jedoch nichts zu spüren.

Zum Thema:
1749 wurden dem Bauern Mudra 15 Beete Feld und das darauf stehende Holz entzogen, weil er Gerichtskosten in Höhe von einem Taler und sechs Groschen nicht zahlen konnte oder wollte. Später forderte Frau Friederike von Heineken, "an diesem boshaften und ganz incorribilen (unverbesserlichen) Subjekt ein Exempel zu statuieren und ihn mit Zuchthaus zu bestrafen, damit nicht Übleres folge unter den in ihrer Aufsässigkeit berühmten Leuten von Klein Jauer." Carl Heinrich von Heineken sorgte dafür, dass Mudra ins Zuchthaus Luckau gesteckt wird, wo er nach siebenjähriger Haft verstarb.