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| 18:41 Uhr

Kunstprojekt
Landschaftssicht bedeutet Weltsicht

Bildende Künstler aus mehreren Bundesländern haben sich drei Wochen lang vom Spreewald inspirieren lassen und die unterschiedlichesten Werke geschaffen.
Bildende Künstler aus mehreren Bundesländern haben sich drei Wochen lang vom Spreewald inspirieren lassen und die unterschiedlichesten Werke geschaffen. FOTO: dpa / Patrick Pleul
Lübbenau. Lübbenauer Kulturzentrum Bunte Bühne lädt zu einer Aktion ein.

Drei Wochen haben neun bildende Künstler aus Berlin, Chemnitz, Chorin, Neuwerder, Leipzig, Potsdam und Steinreich in Lübbenau und der Spreewaldregion – im Kunstraum Spreewald – gezeichnet, fotografiert und gemalt. Herausgekommen sind unter anderm kleinformatige und zum Teil rätselhafte Acrylbilder, Collagen mit natürlichen oder organischen Schichtungen, versetzt mit typografischen Einlassungen, surreale Landschaften und Fotografien, die sich mit diversen Hinterlassenschaften menschlichen Tuns in der Landschaft auseinandersetzen und den touristisch geprägten Reservatgedanken hinterfragen.

Aktuelle Bedrohungen wie die Ver-
ockerung der Spree und gesellschaftliche Verantwortung spielen ebenfalls eine wesentliche Rolle. Es wird in jedem Fall spannend für Freunde der Kunst, sich von den zeitgenössischen Interpretationen und der ästhetischen Gestaltung überraschen zu lassen und sich mit Lust den Gegenentwürfen zur häufig strapazierten Motivwelt des Spreewaldes zu nähern und möglicherweise einige der Werke zu ersteigern.

Wer dies vorhat, sollte sich vorher genau informieren. Dazu besteht bereits am Freitag, 7. September, in der Zeit von 10 bis 14 und 15 bis 17 Uhr die Möglichkeit. Dann können die zur Versteigerung kommenden Kunstwerke am Gleis 3 besichtigt werden. Am Samstag werden sie dann auf sicher unterhaltsame Weise vom Kurator Herbert Schirmer unter den Hammer gebracht.

Die Künstlerinnen und Künstler des von der Lübbenaubrücke veranstalteten Symposiums sind anwesend und werden in kurzen Interviews vorgestellt.

Die Landschaft bzw. die Umwelt des Spreewaldes sind ein Raum, der gestaltet, benutzt und insbesondere zu DDR-Zeiten durch den radikalen Braunkohleabbau auch bedrängt und zerstört wurde. In diesem Spannungsfeld haben die neun Künstler aus Brandenburg und Sachsen den Ort zum Ausgangspunkt ihres künstlerischen Prozesses gemacht, um raumbezogen, prozessual und unter Einbeziehung sozialer, politischer und kunstspezifischer Themen Neues zu schaffen. Dabei sind in unterschiedlichen Medien Bilder entstanden, die auf die differenzierte Vorstellungskraft der jeweiligen Teilnehmer verweisen, die weit über die Wahrnehmung des rein Faktischen hinausweist.

Im Fokus steht dabei nicht nur ein Stück belassener oder durchgestalteter Natur oder eine angeblich authentische Wiedergabe, sondern schlicht eine Vision von Landschaft, die vor allem auf der inneren Sicht wie auf der Weltsicht und der Deutung der Künstler aufbaut.

Diese haben im Verlauf des dreiwöchigen Zusammenseins kollektive und individuelle Perspektiven gebündelt und sich mit gesellschaftlichen Modellvorstellungen ebenso wie mit privaten Befindlichkeiten oder Sehnsüchten befasst und auseinandergesetzt.

Jeweils aktuelle gesellschafts- und kulturgeschichtliche Entwicklungen werden dabei zuweilen differenziert gespiegelt oder sogar vorweggenommen; in anderen Fällen können träumerische, melancholische oder kritische Gegenbilder zur erlebten Realität entstehen.

Der Chemnitzer Künstler Thomas Ranft war der Initiator des Lübbenauer Landschafts-Symposiums. Der 1945 geborene Grafiker gehört zu den Gründungsmitgliedern der legendären Künstlergruppe Clara Mosch, die von 1977 bis 1982 existierte. Zum Zeitpunkt der Gründung waren Carlfriedrich Claus, Thomas Ranft, Dagmar Ranft-Schinke, Michael Morgner und Gregor-Torsten Schade (seit 1980 Kozik) Mitglieder. Mit Ausnahme des zehn Jahre älteren Carlfriedrich Claus, der in Annaberg lebte, waren sie alle Absolventen der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, die zwischen 1961 und 1972 ihr Studium abgeschlossen hatten. In den 1970er-Jahren waren sie mit der Vorstellung nach Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) zurückgekehrt, abseits der gängigen Kunstzentren Berlin, Dresden und Leipzig/Halle ein kreatives Umfeld, vorzufinden, in dem sie ihre künstlerischen Ideen leichter zu realisieren hofften.

Sie hatten kein verbindliches Gruppenkonzept, ihnen genügte die Ablehnung des Sozialistischen Realismus und die gemeinsame Zielsetzung, jenseits staatlicher Bevormundung ein freies bildnerischen Schaffen zu ermöglichen.

Von 1977 bis 1982 betrieben sie eine private Produzentengalerie. In dieser Zeit entstanden mehrere Mappenwerke und Kataloge, 26 Plakate sowie etwa 120 Künstlerpostkarten und Mail-Art-Objekte. Neben den Ausstellungen wurden Künstlerfeste und eine Reihe von Pleinair-Veranstaltungen, bei denen zum gemeinsamen Arbeiten unter freiem Himmel befreundete Künstler aus allen Teilen der DDR zusammenkamen.

Zur Auktion und dem anschließenden geselligen Abend sind nicht nur Kunstinteressierte herzlich eingeladen.

Was über die Künstler zu sagen ist

Thomas Ranft
Bereits in den 1970er-Jahren nutzt der Grafiker Thomas Ranft aus Amtsberg-Dittersdorf, der in Chemnitz zu den maßgebenden Signalgebern des Aufbruchs in der Kunst gehörte, die Möglichkeiten der surrealen Phantastik. In seiner meist kleinformatigen Motivwelt vereinigen sich Erscheinungen aus der Alltagsrealität, traumhafte Züge, Verbindungen zur Kultur der Antike und wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Molekularbiologie zu einem spannungsvollen Mikrokosmos.

Helge Leiberg

Der Berliner Helge Leiberg geht von der menschlichen Figur aus. Dabei bevorzugt er Leiber in extremer Bewegung, männliche und weibliche Figurenkürzel, die gelegentlich ekstatisch in anonymen Räumen tanzen, sich lieben, bekämpfen oder sich zerstören. Alles befindet sich in unaufhörlichem Fluss, in dynamischer Kraftanstrengung oder geht unmerklich in spielerische Auflösung über. Aus wilden Pinselschlägen und Farbspritzern entwickeln sich zeichenhafte Figuren, die von Lust und Last des Daseins getrieben, Erlösung im Unbestimmten suchen.

Christiane Bergelt

In der Bildwelt von Christiane Bergelt aus Chorin finden malerisches Temperament, ausdrucksvolle Pinselstriche, schnelle Bewegungen und spontane Zufälle gleichberechtigt zueinander, um sich als offenes Kraftpotential zu malerischem Ausdruck zu steigern. In einer Mischung aus rationalen und intuitiven Momenten entwickelt sich die volle Dynamik ihrer abstrakten Kompositionen, die sich, während des Malprozesses aus Kontrast, Bewegung und Struktur konstituieren.

Madeleine Heublein

Point of no retourn. Alles Neue beginnt unmerklich. Jede Veränderung, ob nun Zerstörung oder Aufbau, hat ihren Anfang im Stillen. Hierin gleicht sich Inneres wie Äußeres. Nicht Ausbrüche, Explosionen oder dergleichen gewaltsame Zeichen mehr bestimmen den Punkt, an dem etwas beginnt, sondern meist mikroskopisch kleine Bewegungen, scheinbar unsichtbar. Was uns als plötzlich erscheint, Sinneswandel, bestürzende Gefühle wie auch Ausbrüche von Aggression, haben ein Vorher, das weit zurückgreift, weiter als wir manchmal unsere Erinnerung reichen lassen, sagt die Leipzigerin.

Ulrike Hogrebe

Die Bilder der Neuwerderin Ulrike Hogrebes  geben sich zunächst als stille, unaufgeregt erzählte Geschichten zu erkennen. In den auf das Zeichenhafte reduzierten Motiven dienen figürliche und landschaftliche Fragmente dazu, Irritationen zu erzeugen, die jeder Betrachter, bezogen auf seinen Erfahrungshorizont, selbst interpretieren kann und soll. Die Dinge und Erscheinungen verlieren ihr vereinbarte Eindeutigkeit.

Osmar Osten

Ostens Gemälde entstehen nicht konzeptuell, „sie folgen einem Lebensrhythmus“, wie der Chemnitzer Künstler sagt. „Ich brauche bei der Arbeit Abwechslung. Der Alltag ist langweilig genug. Es ist reiner Zufall, dass ich eine gewisse Zeit Vögel male, und dann eben Brücken. Wenn es langweilig wird, höre ich auf. Der Witz an diesen Brückenbildern liegt am Mond, der nicht im Bild stillhalten will, der sich nicht entscheiden kann, an welcher Stelle des Himmels er nun hängen will.

Gregor-Torsten Kozik

In den 1970er-Jahren hat ihn Lothar Lang als hemmungslosen Wildling im Unruhepotenzial der „Mosch“ Künstler bezeichnet. Bekannt wurde Kozik zunächst als Zeichner, Grafiker und Aktionskünstler, bevor er sich auch den Objektinstallationen zuwandte. Seine Bilder, sagt der Chemnitzer, entstehen „aus der Meditation heraus“ - sie sind ein Ertasten, Erfühlen, Erkunden der Fläche, bei den plastischen Objekten ein Erforschen des Raumes, fern jeder Alltagsbanalität, fern aller Bedürfnisse nach Illustration, Bebilderung des ohnehin von vergänglichen Bildern überfluteten modernen Lebens.

Micha Brendel

Die Evolution als fundamentale Grundlage bietet den wissenschaftlichen Hintergrund, um etwas über die Veränderungen zu erfahren, die bei der Entschlüsselung des Lebens anstehen. Indem Micha Brendel aus Steinreich vertraute Objekte gleichermaßen verfremdet und diese dann mehrdeutig benennt, erhellt er auf eindringliche Weise unseren begrifflichen Zugang zur üblichen Wirklichkeit. Der Weg der Erkenntnis führt dabei über ungewöhnliche, bisweilen irritierende organische Materialien.

Anne Heinlein

Die Potsdamer Fotografin Anne Heinlein thematisiert in ihren Fotografien den Begriff Heimat zwischen Gewinn und Verlust. In großformatigen Schwarz-Weiß-
Fotografien setzt sie sich mit dem Verschwinden von Dörfern und Siedlungen an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze zwischen 1951 und 1987 auseinander. In aufwendigen Recherchen spürt sie Orte und Geschichten auf, die in ihren Fotos zur Projektionsfläche vom Verlust und zu einem Erinnerungsort werden.