| 17:12 Uhr

Interview mit Petra Reski
„Ich habe Angst vor der Feigheit der Anständigen“

Petra Reski wurde im Ruhrgebiet geboren und lebt in Venedig. Seit 1989 schreibt sie über Italien – für Die Zeit, Geo, Merian, Focus und Brigitte – und immer wieder über das Phänomen Mafia. Ihr neuester Krimi „Serena Vitales dritter Fall“ ist im Sommer im Verlag Hoffmann und Campe erschienen.
Petra Reski wurde im Ruhrgebiet geboren und lebt in Venedig. Seit 1989 schreibt sie über Italien – für Die Zeit, Geo, Merian, Focus und Brigitte – und immer wieder über das Phänomen Mafia. Ihr neuester Krimi „Serena Vitales dritter Fall“ ist im Sommer im Verlag Hoffmann und Campe erschienen. FOTO: Schirnhofer
Im Schloss Lübbenau hat in der Lausitzer Lesart die Mafia ihre Hand im Spiel. Eine Schriftstellerin berichtet.

Am Montag um 19 Uhr gibt es wieder Lausitzer Lesart im Schloss Lübbenau. Schauspieler Joachim Król liest aus Petra Reskis Roman „Bei aller Liebe. Serena Vitales dritter Fall“. Vor der gemeinsamen Veranstaltung des Schlosses Lübbenau, des Brandenburgischen Literaturbüros und der RUNDSCHAU wollten wir von der Schriftstellerin und Journalistin wissen, was hinter dem mysteriösen Fall steckt.

Petra Reski, verraten Sie bitte für Nichteingeweihte: Wer ist diese Serena?

Reski Serena Vitale ist eine sizilianische Antimafia-Staatsanwältin, die in Deutschland aufgewachsen ist — als Tochter eines italienischen Gastarbeiters, der in Dortmund als Stahlarbeiter gearbeitet hat. Sie arbeitet bei der Antimafia-Staatsanwaltschaft von Palermo, hat einen Hang zu engen Röcken, hohen Absätzen und zu  Ermittlungen, mit denen sie sich extrem unbeliebt macht – nicht nur bei den Mafiosi, sondern auch bei ihren Vorgesetzten. In „Bei aller Liebe“ ermittelt sie, wie die Mafia an der Flüchtlingskrise verdient.

Sie selbst sind im Ruhrgebiet geboren. Wie sind Sie in Venedig gelandet?

Reski Ich habe mir nicht Venedig ausgesucht, Venedig hat sich mich ausgesucht, beziehungsweise der Venezianer an meiner Seite. Venedig und die Liebe der Deutschen zu Italien ist ja schon seit vielen Jahrhunderten ein Gemeinplatz. Der „Stern“ hatte mich für ein Interview mit der Regisseurin Lina Wertmüller nach Venedig geschickt. Und da ist mir ein Venezianer zugelaufen. Ich war nur einen Tag da und aß allein im Restaurant. Und da ist mir ein ebenfalls allein essender Herr aufgefallen. Das Interview mit Lina Wertmüller hat dann übrigens nicht geklappt, dafür habe ich den allein essenden Venezianer kennengelernt, mit dem ich bis heute verheiratet bin.

Waren Sie schon einmal im Spreewald, manche nennen ihn auch schon mal Klein-Venedig?

Reski Nein, ich war noch nie hier, aber immerhin kann ich mich damit schmücken, bei einem Abendessen in Venedig mal den Spreewald-Kommissar kennengelernt zu haben, Christian Redl. Und was das Klein-Venedig betrifft, da kann ich Ihnen nur wünschen, dass Sie das auch bleiben. Denn das Groß-Venedig wird pro Jahr von 30 Millionen Touristen überrannt.

Sie beschäftigen sich auch in Sachbüchern mit der Mafia, wurden für Ihre Reportagen, Bücher und Ihr Engagement mehrfach ausgezeichnet. Was beeinflusst die Mafia Ihrer Einschätzung nach heute weltweit, und welche Gefahren gehen von ihr aus?

Reski Wer bei „Mafia“ immer noch an Mord und Totschlag und die Blutfehden mafioser Clans denkt, beweist nur, wie gut es der Mafia gelingt, ihren wahren Charakter zu verbergen. Egal ob es der Fall der Mauer, die Globalisierung, der gemeinsame europäische Markt, der Stabilitätspakt oder die andauernde italienische Wirtschaftskrise ist – die Mafia wusste stets, sich anzupassen: Sie wurde zu einem strukturellen Bestandteil des internationalen Finanzkapitalismus. Folgerichtig wird sie auch nicht verabscheut, sondern als Bestandteil des Marktes geschätzt. Die Europäische Gemeinschaft scheint das genauso zu sehen: Die Mafia wurde 2014 legitimiert, als die Europäische Gemeinschaft verfügte, auch den Umsatz aus Drogenhandel und Prostitution zum Bruttoinlandsprodukt zu rechnen, eine Schizophrenie ohnegleichen: Einerseits soll die Kultur der Legalität gepflegt werden, andererseits legitimiert die Europäische Union die mafiose Wirtschaft. Und da es Journalisten speziell in Deutschland sehr schwer gemacht wird, über die Mafia zu berichten, werden die Deutschen vermutlich auch in Zukunft nicht viel von den Machenschaften der Mafia in Deutschland erfahren.

Welche Rolle spielen die Mafia-Frauen, über die Sie sogar schon einen Film gedreht haben?

Reski Die Frauen sind die andere Hälfte der Mafia. Ohne sie wäre die Mafia gar nicht überlebensfähig gewesen. Sie erziehen die Kinder mit den Werten der Mafia, sie fordern sie zu Rache-Feldzügen auf, sie übernehmen die Geschäfte, wenn ihre Männer im Gefängnis sind. Die Mafiafrauen sind keine Opfer, sondern Protagonistinnen. Nur nach außen hin werden sie von den Mafiabossen selbst als untergeordnet dargestellt – das soll nur dazu dienen, dass die Frauen milder bestraft werden.

Haben Sie keine Angst, mit Ihren Recherchen  jemandem gehörig auf die Füße zu treten? Wie gefährlich ist das für Sie selbst?

Reski Ich schließe mich einem Satz meiner Protagonistin Serena Vitale an, die sagte: „Ich habe keine Angst vor der Mafia. Ich habe Angst vor der Feigheit der Anständigen“. Dass man sich mit diesem Thema keine Freunde macht, wusste ich von Anfang an. Gelegentlich wurde ich in Italien während Recherchen bedroht, ein Mal in Corleone, und ein Mal in San Luca. Viel bedrohlicher habe ich jedoch die Drohungen in Deutschland empfunden, nach dem Erscheinen meines auf Geheiß deutscher Gerichte geschwärzten Buches „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“. Von den Klagen gegen mich ganz zu schweigen, denen ich ausgesetzt war und immer noch bin. Das deutsche Presserecht macht es sehr leicht, Journalisten in Grund und Boden zu klagen, das war auch ein Grund dafür, dass ich dazu übergegangen bin, Romane zu schreiben.

Noch einmal zurück zu Serena. Wird Sie Ihren dritten Fall lösen können, und denken Sie schon über einen vierten Fall nach? Oder wo­rüber sonst?

Reski Sie löst diesen Fall, natürlich, was aber am grundsätzlichen Problem nichts ändert. Serena Vitale ist realistisch genug, um das zu wissen. Ich denke über einiges nach, nicht nur über Fälle, sondern auch darüber, dass es für mich ein großes Privileg ist, in Italien zu leben. Das denke ich jedes Mal, wenn ich aus Deutschland wieder zurück nach Hause komme, mein Lieblingsgericht (Spaghetti mit Tomaten und Basilikum) esse und mich darüber freue, in einem Land zu leben, in dem Selbstironie ein Nationalsport ist: Nach dem Fußball-WM-Aus der Italiener kam im Radio, dass Italien immerhin an der Weltmeisterschaft der Synchronschwimmer teilnimmt.

Die Fragen an Petra Reski stellte Ida Kretzschmar