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Lesung
„Ich kann nur Dinge machen,die mit mir zu tun haben“

Siegfried Kühn (r.) wird bei der Lesung im Herrenhaus Schloss Groß Jehser von Schauspieler und Musiker Christian Steyer unterstützt.
Siegfried Kühn (r.) wird bei der Lesung im Herrenhaus Schloss Groß Jehser von Schauspieler und Musiker Christian Steyer unterstützt. FOTO: privat
Groß Jehser. Siegfried Kühn, eigenwilliger Filmregisseur zu Defa-Zeiten, legt ein Buch mit skurrilen Geschichten aus seinem Leben vor: Er liest aus „Die Erdorgel“ im Herrenhaus Groß Jehser. Von Ingrid Hoberg

Ist einer ein Lügenbaron, nur weil er auf dem Land in einem historischen Herrenhaus lebt und Geschichten erzählt, die in einem verschwundenen Land spielen? Sicher nicht, und doch ist es eine „wahrheitsliebende Lügengeschichte“, die Siegfried Kühn in seinem Buch „Die Erdorgel oder Wunderbare abgründige Welt“ aufgeschrieben hat. So steht es jedenfalls auf dem Umschlag. Und so sieht es auch der Autor, der gern Martin Walser aus dessen neuestem Buch „Gar alles“ zitiert: „Jede Wahrheit hat das Zeug zur Lüge.“

Dabei geht es Siegfried Kühn bei seinen Erinnerungen um die Entdeckung der Wahrheit, die sich manchmal leichter findet, wenn  vom Pfad des Realen abgewichen wird. Diese Prinzip hat er auch als Regisseur in den Filmen verfolgt, die ihm nahe sind, wie die beiden autobiografisch geprägten Defa-Filme „Don Juan, Karl-Liebknecht-Straße 78“ (1979/80) und „Kindheit“ (1986/87). „Ironie und Satire, das sind meine Mittel, das gehört zu mir, das liegt mir - auch in den Filmen“, sagt er. Seine Wurzeln sieht er folgerichtig literarisch bei E. T. A. Hoffmann, Rainer Maria Rilke, Michail Bulgakow, Martin Walser. „Sie alle lieben das Schwebende, Ironische“, stellt Siegfried Kühn fest.

Geschrieben hat er immer – Drehbücher, Vorlagen für Filme. Doch dieses Buch ist etwas anderes. „Literarisches Schreiben ist eine der schwierigsten Kunstgattungen“, betont er. „Jeder Satz muss stehen wie ein Baum – nicht nur der erste!“ Viele Tausend Seiten habe er geschrieben, viele Varianten der „Erdorgel“ seien so über Jahre entstanden. Als es die Defa, seine künstlerische Heimat als Regisseur, nicht mehr gab, begann er mit dem Schreiben. „Es war schon lange da, tief im Bewusstsein“, sagt Siegfried Kühn. Die Möglichkeit, Kino-Filme zu drehen, gab es nicht mehr, fürs Fernsehen wollte er nicht arbeiten. „Ich kann nur Dinge machen, die mit mir zu tun haben. Fernsehen ist Unterhaltung für die Leute“, ergänzt er. Und er habe etwas tun wollen, was er bisher nicht gemacht hatte. Die Zeit war reif für ein Buch.

Bis zur Veröffentlichung zur Leipziger Buchmesse 2018 war es dennoch ein weiter Weg. Immer wieder hieß es von Verlagen, es müsste noch daran gearbeitet werden, das Manuskript sei eine „Baustelle“. Siegfried Kühn machte sich immer wieder ans Überarbeiten. Eins stand allerdings von Anfang an fest – der Titel „Die Erdorgel“. Der Begriff kommt aus der Geologie, Kühn war Mitte der 1950er-Jahre Bergbauingenieur. „Der Titel hat sich über die Jahre nicht geändert – den zweiten Teil hat mir Christian Steyer geschenkt“, sagt er. Es seien die Worte des Vaters auf dem Sterbebett gewesen. Welche Geschichten noch in dem  224 Seiten umfassenden Buch mit Illustrationen von Ida Michl und Fotos aus den Filmen stecken, können Besucher der Lesung und Buchvorstellung in Groß Jehser erfahren.

Siegfried Kühn ist in diesen Tagen viel unterwegs. Schauspieler Christian Steyer liest und begleitet ihn, wo möglich, auf dem Piano oder auf der Orgel. Jede Lesung ist anders, wie Siegfried Kühn feststellt. Schauspielerinnen wie Gudrun Ritter, Ulrike Krumbiegel, Heidemarie Wenzel, Christel Bodenstein, mit denen er bei der Defa gearbeitet hat, kommen manchmal dazu. So ist jede Lesung dem Ort angepasst. Und natürlich auch als ein eigenes Ereignis inszeniert. Im Berliner Café Sybille war die erste Station. „Es gab tolle Reaktionen“, sagt Siegfried Kühn, der die Intimität kleinerer Räume liebt: „Da ist man näher dran an den Reaktionen der Zuhörer.“ Bis Ende des Jahres sind bereits weitere Lesungen geplant, beispielsweise am 31. Mai in der Akademie der Künste Berlin und dann am 21. Oktober auf Gut Geisendorf.