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| 19:00 Uhr

Schauspielerei im Freilandmuseum
Ein Dorf unter Mordverdacht

Spreewald-Gendarm alias Harry Lierka (Boblitz) sah sich zur 9. Auflage von „Lehde geht schlafen“ in einer tragenden Rolle wieder. Er durfte die Koffer des Weltstars Zeander tragen.
Spreewald-Gendarm alias Harry Lierka (Boblitz) sah sich zur 9. Auflage von „Lehde geht schlafen“ in einer tragenden Rolle wieder. Er durfte die Koffer des Weltstars Zeander tragen. FOTO: Uwe Hegewald
Lehde. Die Lichtnacht-Theater-Besucher werden diesmal in einen skurrilen Kriminal-Fall verwickelt. Von Uwe Hegewald

Nein, der Alltag der siebenfachen Witwe Mechthilde ist nun wirklich nicht zufriedenstellend. Ständig liegt sie mit Burgunde im Clinch, wer nun die Ober- und wer die Unterwäscherin im beschaulichen Lehde ist. Selbst am späten Samstagabend ist das Paar am Waschplatz noch am Streiten, obwohl sich die Lehdschen schon auf das große Dorffest im Gasthaus „Zur fröhlichen Forelle“ vorbereiten.

Bemerkenswert: Um der jährlichen Feier mehr Pepp zu verleihen, hat das gesamte Dorf Geld zusammengelegt und für das Bühnenprogramm einen Weltstar verpflichtet. Eine Diva namens Zeander reist mit den Städtern per Kahn an – aufgebrezelt, eitel und mit Starallüren behaftet, wodurch die Stimmung ins Kippen gerät.

Und ob bei Brunhilde und Mechthilde, am Suppenkessel von Betty und Roswitha, bei den Spreewald-Gärtnerinnen oder den Buchans – überall tritt die Diva so richtig ins Fettnäpfchen. „Aufgetakelte Fregatte“ oder „dürrer Zickenstrick“ bilden noch vermeintlich salonfähige Attribute, die sie über sich ergehen lassen muss.

Selbst ahnungslose Gäste werden ins Geschehen einbezogen. So sollen Christina und Wolfgang Bentsch aus Berlin für den Weltstar das freistehende Himmelbett anwärmen. „Dass wir hier noch zu einer Nebenrolle verdonnert werden, hätten wir nicht gedacht“, hält der Hauptstädter mit einem Augenzwinkern fest. Gattin Christina ergänzt: „Obwohl wir in Alt-Schadow (Neuendorfer See) ein Wochenend-Grundstück besitzen und öfter Ausflüge in den benachbarten Spreewald unternehmen, ist das hier eine Premiere. Eine schöne Idee und ein unterhaltsamer Abend“, charakterisiert sie das Lichtnacht-Theater „Lehde geht schlafen“.

Dass es auch ein unerwartet spannender Abend wird, hängt mit dem Auffinden des edlen Hutes des edlen Weltstars zusammen, an dem Blut klebt. „Ein Mörder in Lehde? Das gab es seit 500 Jahren nicht. Als es darum geht, Ermittlungen voranzutreiben und ein Täterprofil zu erstellen, um den Mörder oder die Mörderin zu überführen, laufen Burgunde und Mechthilde zu Hochform auf. Lachsalven und Zwischenapplaus garnieren die Lehdsche Mondscheinnacht – insbesondere bei improvisierten Dialogen zwischen Ensemble und Zuschauern.

Nur Eingeweihte wissen, dass es sich bei Burgunde und Mechthilde um das Dresdner „Wandertheater Schwalbe“ handelt. Seit 1993 sind die Geschwister Daniela und Thomas Schwalbe unter dieser Bezeichnung als freischaffende Künstler unterwegs. Seit vielen Jahren auch bei den Lübbenauer Lichtnächten. Auf die Frage, ob sich Thomas nicht freuen würde, bei „Lehde geht schlafen“ einmal in eine Männerrolle zu schlüpfen, antwortet der Elbestädter: „Die ersten beiden Jahre durfte ich einen Skatbruder verkörpern. Das war mir zu langweilig.“ Die Rolle der Wäscherinnen Burgunde und Mechthilde ist dem Geschwisterpaar auf dem Leib geschrieben. Als sich dieses dann in Miss-Marple-Manier auf Tätersuche begibt, gipfelt der Theaterabend in puren Genuss.

Doppelte Erleichterung macht sich breit, als die Kapelle „Fröhliche Hechte“ die Gäste musikalisch aus dem Museumsdorf hinausbegleitet. Von der Spreewaldbrücke winkt das komplette Schauspiel-Ensemble den Gästen zu, die Lehde per Kahn wieder in Richtung „Großer Hafen“ Lübbenau verlassen.

Auch Weltstar Zeander genießt noch einmal den Rummel um ihre Person. Zu keiner Zeit sei sie Opfer eines grauenvollen Mordes im Lagunendorf gewesen, stellt sie klar. Schuld sei die Begegnung mit einem Dorfköter gewesen, der erst ein Huhn aus einem Lehdschen Hof stibitzte und dann mit blutverschmierter Schnauze nach ihrem so edlen und teuren Hut schnappte, klärt die Diva den Irrtum auf.

Ob die feine Dame anno 2019 zur 10. Aufführung von „Lehde geht schlafen“ noch einmal in das „Dorf mit den undankbaren und seltsamen Leuten“ zurückkehrt, lässt sie noch offen.