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Sanierung
Bei Schneegestöber auf dem Turm

Unter schwierigen Witterungsbedingungen ist in Neupetershain-Nord die Turmbekrönung vollzogen worden. Vor dem endgültigem Aufsetzen wurde die Schatulle mit Wissenswertem aus der Petershainer Geschichte eingeschoben.  Foto: Uwe Hegewald
Unter schwierigen Witterungsbedingungen ist in Neupetershain-Nord die Turmbekrönung vollzogen worden. Vor dem endgültigem Aufsetzen wurde die Schatulle mit Wissenswertem aus der Petershainer Geschichte eingeschoben. Foto: Uwe Hegewald FOTO: Uwe Hegewald
Neupetershain. Restaurierte Kugel und Wetterfahne der Kirchturmspitze in Neupetershain-Nord ist unter widrigsten Witterungsbedingungen aufgesetzt worden.

Wenn Neupetershainer Heiligabend dann um 17.30 Uhr zum Gottesdienst in die evangelische Kirche aufbrechen, schwingt Erleichterung mit. Rechtzeitig vor dem Fest ist die Kirchturmspitze mit der restaurierten Kugel und der historischen Wetterfahne wieder komplett.

Fast vergessen sind die fesselnden Momente der Turmbekrönung vor wenigen Tagen. Regen prasselt vom Himmel, der sich während des bedeutenden Ereignisses immer mehr in Schnee verwandelt. „Es nützt alles nichts, wir müssen jetzt dort hoch“, gibt Pfarrer Christoph Schütt das Kommando zum Aufbruch. Kugel und Wetterfahne werden per Aufzug und mittels Seil nach oben gehievt. Udo Kittan lässt es sich nicht nehmen, die mit historischem und zeitgenössischem Material bestückte, kupferne Schatulle persönlich an den Punkt zu bringen, wo bekanntlich Himmel und Erde zusammentreffen.

Bevor er die 95 Treppenstufen und 70 Sprossen der Außenrüstung nach oben klettert, erzählt der Ortschronist, was genau in die Schatulle gekommen ist: „Die Schriften aus den Jahren um 1723, 1733 und 1901, die wir am 13. September der alten Kugel entnommen haben, sowie ein Flyer unserer 666-Jahrfeier von 2012 und vier weitere Bögen mit Informationen zur Ortsentwicklung von 1901 bis in die Gegenwart“, so Kittan.

Die Gegenwart zeigt sich am Donnerstag als ausgesprochen wetterlaunisch. Schnee fegt in die Gesichter der Leute, die Schritt für Schritt vorankommen. Schon jetzt sorgen die Eiskristalle auf den Handläufen für klamme Finger und mit jedem Höhenmeter nimmt auch noch der Sturm zu. Sogar ein Gewittergrollen ist von den Unerschrockenen zu vernehmen. Christoph Schütt versucht die Moral zu heben. „Eine kluge Wahl, wer sich heute für lange Unterhosen entschieden hat“, bemerkt er und lässt seine Begleiter wissen, dass er sich für das mittellange Beinkleid entschieden hat. Glaubhaft versichert Jana Mieth, von der Dachbau Thinius GmbH (Körba): „Unter solchen Witterungsumständen war ich noch nie bei einer Turmbekrönung dabei.“

Christoph Müller hat andere Erfahrungen gemacht: „Ich kann mich an Aktionen bei zehn Grad minus und bizarre Wetterkapriolen erinnern“, so der Seniorchef der gleichnamigen Metalldrückerei in Wurzen. Er begleitet seinen Sohn Thomas bei dem nicht alltäglichen Termin in Neupetershain-Nord. Seit sechs Jahrzehnten restauriert oder fertigt das Unternehmen Wetterfahnen, Zierelemente, Rinnenkästen und ähnliches, aber auch Kirchturmkugeln, die vergoldet werden. Den strahlenden Goldglanz bekommen nur die tapferen Himmelsstürmer aus unmittelbarer Nähe zu sehen. Ein „Wow“ mischt sich unter das Pfeifen des Windes, als Thomas Müller  mittels Cuttermesser vorsichtig die Schutzfolie von Kugel und Wetterfahne entfernt. Ein kurzes Hauchen von Atemluft muss reichen, um die eisigen Finger zumindest beweglich zu halten „Jetzt bekommen wir ein kleines Gefühl davon, was Polarforscher Amundsen durchgemacht hat“, sagt Christoph Schütt.

Zum Glück hat sich der Pfarrer bereits am Fuße des Turmes und im Beisein von Einwohnern bei den einzelnen Gewerken bedankt und insbesondere bei Verena Graf. Sie begleitete das Projekt Kirchturmsanierung von Beginn an, war jederzeit als Ansprechpartnerin und  begleitende Architektin vor Ort, würdigt Pfarrer Schütt „sein“ Gemeindemitglied. Leichte Euphorie stellt sich ein, als es nach knapp einer Stunde und mit durchnässter Kleidung wieder nach unten geht. „Passt bloß auf, die Stufen sind höllisch glatt“, warnt Udo Kittan, dem die Gemeinde viel zu verdanken hat. Nahezu 90 Prozent der alten Schriften in der vor drei Monaten geborgenen und teilweise durchschossenen Kugel hat er gescannt, übersetzt und somit der Nachwelt erhalten. Mehr Informationen wird es zu einem späteren Zeitpunkt oder bei der Gedenkveranstaltung nach Abschluss der Bauarbeiten geben. Dann mit Sicherheit ohne Schneegestöber.