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| 06:00 Uhr

Hallo Nachbar
Kronen-Manufaktur im Niemandsland

Der Oberspreewald-Lausitz-Kreis umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Doch wer sind die Nachbarn? RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Station heute: Luckaitz.

Außergewöhnliche Begegnungen, tröstende Missionen, rauschende Feste, Anekdoten – in ihren 42 Jahren als nebenberufliche Gastwirtin hat sich bei Eveline Starick so viel zusammengetragen, dass sie darüber ein Buch schreiben könnte. Am 1. April 1975 übernahm sie Regie im „Gasthaus vor den Bergen“ in Luckaitz. Die Ortsbezeichnung, das vorbeiführende Fließ und der Namensgeber der Gemeinde Luckaitztal sind auf das sorbische Wort łuka für „Wiese“ oder łukojce für „Ansiedlung am Wiesenbach“ zurückführen. „Ein schönes Fleckchen Erde, das Außenstehende mitunter bewusster wahrnehmen als wir, die schon ewig im Dorf leben“, sagt Eveline Starick und führt ein Beispiel an.

1998 liefen am Dorfrand von Luckaitz die Dreharbeiten zum Film „Bis zum Horizont und weiter“ mit Wolfgang Stumph, Corinna Harfouch, Jörg Schüttauf und Urs Rechn in den Hauptrollen. „Für eine ganze Woche hatte sich die Filmcrew bei mir zum Mittagstisch und Abendessen angemeldet“, erinnert sich die Wirtin. Ebenso an das entspannte Feierabendbier am Tresen mit „Stumpi“. „Ein überaus bodenständiger und zugänglicher Typ“, sagt sie und fügt ein weiteres Beispiel an: „Einige Jahre später habe ich mit meiner Schwester Elke den Jahreswechsel in der Dresdner Altstadt gefeiert und durch ein Restaurantfenster Wolfgang Stumph entdeckt. Nach unserem Zuwinken trat er vor die Tür und konnte sich noch an die kurze Filmszene in Luckaitz erinnern: „Das war doch dort im Niemandsland“, schilderte er seine Sicht auf den Drehort mit dem besonderen Horizont.

Als ebenso drehbuchreif erweisen sich die Geschehnisse um die Luckaitztaler Erntekronen-Flechterinnen. Zum zweiten Mal in Folge ist das Ähren-Kunstwerk aus den Grundgetreidearten Weizen, Gerste, Roggen, Hafer und gebügeltem Maiskolbenstroh zur schönsten Erntekrone des Landes Brandenburg gewählt worden. Doppelte Ehrung, muss an dieser Stelle angemerkt werden, hatte das Flechterinnen-Team doch beim Wettbewerb in Raddusch sowohl die Fachjury als auch das Publikum überzeugen können.

Für das Amt Altdöbern war es Bedürfnis und Ehrensache zugleich, Anka Heizenreder, Yvonne Seidel, Rebekka Lorenz, Heike Noack und Beate Winzer bereits 2016 die Bürgerpreise des Gemeindebundes Altdöbern zu verliehen. „Es ist erstaunlich, wie sich die Mädels das alles angeeignet haben, wie viel Kreativität sie jedes Mal neu entwickeln und wie geschlossen sie als Team auftreten“, würdigt Eveline Starick. Während die Siegerkrone zwischenzeitlich im Plenarsaal des Landtages einen würdigen Platz gefunden hat, können Pokal und Urkunde bei der Wirtin mit angemeldetem Kleingewerbe bestaunt werden.

Eigentlich könnte die taffe Luckaitzerin ihren Ruhestand genießen. Nach ihrer Ausbildung zur Betriebs- und Verkehrsfachfrau, ihrem früheren Dienst auf dem Stellwerk in Neudöbern und ihrem späteren Job als Sachbearbeiterin an der Altdöberner Lilien-Grundschule (1989-2016) war ihr jedoch nicht nach „Hände in den Schoß legen“. „Dorfkneipen haben es heute nicht leicht. Die Zeiten, als jeden Abend Gäste zum Bierchen oder Plaudern kamen, sind lange vorbei“, sagt sie. Eveline Starick öffnet nach Bedarf oder Reservierung. Jubiläumsfeste, Trauerfeiern, angemeldete Eisbeinessen oder Besucher vom ein Kilometer entferntem Flugplatz Bronkow füllen das Gasthaus wie auch die jährlich zweimal stattfindenden Skatabende. Am kommenden Samstag, 25. November, rechnet sie wieder mit knapp 40 Liebhabern des Kartenspiels.

Für Gesprächsstoff an den Tischen dürften auch die jüngsten Vorgänge auf dem Luckaitzer Gestüt Paulick sorgen. Pfeilschnelle Rennpferde werden dort herangezogen und trainiert, die längst auf nationalen und sogar internationalen Galopprennbahnen für Furore sorgen. Ostana heißt die aktuelle Ausnahmestute, die dem Team Paulick am 29. Oktober auf der Galopprennbahn in Hannover den ersten Gruppensieg bescherte. Trainiert wird das Tier von Daniel Paulick auf dem Luckaitzer Gestüt, Besitzer ist Vater Ralf Paulick.

Am 16. September siegte Ostana bereits beim Jubiläumslauf in Leipzig, ließ Favoriten hinter sich und brachte das Fachmagazin „German Racing“ in Schwärmen: ein wahrer Teufelsritt mit Jockey Carlos Henrique im Sattel, der der ganzen Sache einen Löwenanteil beisteuerte.

Übrigens: Entfacht wurde die Pferderennsport-Leidenschaft der Brüder Ralf und Lothar Paulick Anfang der 90er-Jahre bei hiesigen Stollenreiten, die seinerzeit auch in Luckaitz stattgefunden hatten. Eveline Starick kann sich noch sehr genau an die Wettkämpfe und so manche Episode erinnern. Inzwischen hat sie begonnen, ein Buch über Luckaitz zu schreiben.