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Kittlitzer sorgen sich um Flüchtlinge

Nach links, nach rechts? Kittlitz will sich politisch nicht vereinnahmen lassen, kämpft aber weiter gegen die, so heißt es, zu hohe Zahl von Flüchtlingen, die in den Ort ziehen sollen.
Nach links, nach rechts? Kittlitz will sich politisch nicht vereinnahmen lassen, kämpft aber weiter gegen die, so heißt es, zu hohe Zahl von Flüchtlingen, die in den Ort ziehen sollen. FOTO: Gloßmann
Lübbenau. Vier Tage nach dem Rücktritt von Bernd Elsner hat Kittlitz mit Volkmar Schloßhauer einen neuen Ortsvorsteher – und die alten Sorgen: Die Zahl der Flüchtlinge im künftigen Heim dürfe die der Kittlitzer nicht übersteigen. Jan Gloßmann

Wir wissen nicht, ob "conny51" in den nächsten Wochen verhungern muss. "conny51" kommt sicher nicht aus Afrika oder dem Balkan, vermutlich aber auch nicht aus dem Lübbenauer Ortsteil Kittlitz. Die Frau, wenn sich in der Anonymität des Internets tatsächlich eine Frau hinter "conny" verbirgt, die Frau also hat Furcht vor Flüchtlingen. So kommentiert sie einen Leserbrief der Lübbenauer Malerin Simone Brüggemann-Riemer, die sich als eine der wenigen hervorgewagt hat aus der Anonymität derer, die Flüchtlinge nicht verteufeln wollen. "conny51" schreibt, Brüggemann-Riemer stelle in ihrem vor einer Woche veröffentlichten Brief "2 Personen gegen die Hunderttausende die hier ankommen, und am besten alles sofort haben wollen, wofür wir lange Jahre arbeiten mussten".

Die Kittlitzer, erschreckt und aufgeschreckt mittlerweile, bemühen sich nach dem Medienrummel der vergangenen Tage und manchem Missverständnis um mehr Sachlichkeit in der Debatte. Jedenfalls die, die am Donnerstagabend zur Sitzung des Ortsbeirates gekommen sind. "Wer schützt uns eigentlich", fragt eine Frau, "vor den Rechten?" Man wolle sich nicht vereinnahmen lassen mit seinen Problemen, von keiner Seite. Und auch nicht in eine Ecke gerückt werden. Und sie lassen gar ein wenig Sorge um das Wohlergehen der Flüchtlinge, die da zum Jahresende kommen sollen, erkennen. "Wie versorgen die sich eigentlich? Die haben doch gar keine Küchen in dem Schulhaus", fragt eine Kittlitzerin in der Ortsbeiratssitzung. Freilich ist diese Sorge nicht ganz uneigennützig. Man will die Kommenden ja nicht gleich zum Essen einladen, sondern sucht wohl eher Argumente, dass nicht wie geplant bis zu 130 Menschen in das Haus einziehen. Denn Kern-Kritik der Ortsteilbewohner - 137 sind es wohl - bleibt die, so sagen sie, zu hohe Zahl von Flüchtlingen, die in das Gebäude der heutigen Förderschule ziehen sollen. Geplant ist es als Übergangsheim, bis im ehemaligen OSZ-Haus in der Lübbenauer Neustadt etwa 200 Plätze zur Verfügung stehen werden. Eine Garantie, dass Kittlitz dann wieder aufgegeben wird, gibt allerdings niemand. "Wir können die Weltpolitik nicht beeinflussen", sagt Bürgermeister Helmut Wenzel in der Sitzung. Landrat Siegurd Heinze als der zuständige Kreis-Politiker hatte das schon im März erklärt. Wenzel versucht, die Sorgen der Kittlitzer auszutarieren mit den Aufgaben, die eine Kommune gemeinsam mit dem Landkreis in einem Rechtsstaat nun mal zu erledigen habe. Es gebe seit der Bürger-Runde am 18. März aber keine neuen Informationen. Damit begründet Wenzel auch die Interview-Verweigerung durch Landrat und Stadtoberhaupt.

Der neue Ortsvorsteher Volkmar Schloßhauer war mit dem verbliebenen Beiratsmitglied Ronny Noack sowie Wenzel und Vertretern des Landratsamtes am Freitag in der Flüchtlings-Unterkunft Sedlitz. Man wolle sehen, "wie das funktioniert im Dorf, das Zusammenleben, der öffentliche Verkehr, die Versorgung". Allerdings, das machte Schloßhauer deutlich, solle "Kittlitz mit einer der Zahl der Einwohner angepassten Größe von Flüchtlingen belegt werden". Es dürfe kein Missverhältnis geben.

Zudem werde es weitere Informationsrunden in Kittlitz geben; auch mit Leuten, die Erfahrung im Umgang mit den Fremden haben. Und das alles in den nächsten Monaten, "bevor diese Leute hier sind".

Die neuen Bewohner müssten zudem auch über die Ängste der Kittlitzer informiert werden. Dass diese bisweilen noch immer etwas krude formuliert werden, zeigt sich in der Ortsbeiratssitzung. Neue Busse seien ja nützlich; Flüchtlinge aber seien sparsam und würden "laufen, und gehen jeden Tag an unseren Grundstücken vorbei".

Kommentar zum Artikel: Ach ja, ein Satz aus Potsdam

Zum Thema:
Der Kittlitzer Ortsbeirat hat sich für den Bau eines Factory-Outlet-Centers im Industriepark ausgesprochen. Konkurrenz belebe das Geschäft, hieß es. Die Abstimmung wird allerdings kaum Auswirkungen haben auf das Votum der Stadtverordneten in der kommenden Woche. Diese müssen gesamtstädtische Interessen im Blick haben. Die Stadtverwaltung hat daher vorgeschlagen, einem Gutachten zu folgen - das die Investition als wenig verträglich für den Einzelhandel in der Stadt und umliegenden Kommunen einstuft. Daher sollen die Baupläne abgelehnt werden. Das Kittlitzer Ergebnis werde zur Kenntnis genommen, mehr aber nicht.