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| 10:46 Uhr

Kittlitzer haben Angst vor Flüchtlingsheim

Das Gebäude der Förderschule in Kittlitz soll zum Jahresende etwa 130 Flüchtlingen ein Dach überm Kopf bieten.
Das Gebäude der Förderschule in Kittlitz soll zum Jahresende etwa 130 Flüchtlingen ein Dach überm Kopf bieten. FOTO: Jan Gloßmann
Lübbenau. In einer teils emotionalen, meist aber sachlichen Debatte haben die Einwohner von Kittlitz ihrer Angst, ihrem Ärger und ihrer Unsicherheit im Zusammenhang mit der Einrichtung eines Flüchtlingsheims im Lübbenauer Ortsteil Luft gemacht. Bei einer Bürgerrunde am Mittwochabend im Rathaus wurden sie offiziell informiert, dass bis Jahresende bis zu 130 Flüchtlinge in das Gebäude der heutigen Förderschule einziehen sollen. Jan Gloßmann

Dann steht ein noch junger Mann auf, eher schmächtig, tritt ans Mikrofon. Viele wissen, wer das ist. Er nennt seinen Namen, akkurat, während andere vor und nach ihm ihre Namen eher nuscheln. Ordnung soll sein. Der junge Mann verweist auf das Bundesamt für Migration und sagt, es kämen 75 Prozent männliche Flüchtlinge zwischen 18 und 35 Jahren, meist allein, nach Deutschland. Denn die Frage steht im Raum: "Was für Leute kommen da nach Kittlitz?" Der junge Mann, der da die Antwort sät, ist bekannt von einschlägig rechten Internetseiten, aus Verfassungsschutzberichten und ähnlichem. Er bekommt Beifall.

Eine seriöse Antwort, was für Menschen nach Kittlitz kommt in ein Flüchtlingsheim mit bis zu 130 Plätzen, kann derzeit niemand geben. "Die Leute werden zugewiesen. Wir haben einen Vorlauf von knapp einer Woche", erklärt Landrat Siegurd Heinze (parteilos). Der Druck auf die überfüllte zentrale Aufnahmestelle in Eisenhüttenstadt ist groß. Dass es dort zu Schlägereien gekommen ist unter Flüchtlingen, weiß der noch junge Mann zu berichten, "und die Leute werden nach hier verteilt".

Die Kittlitzer fühlen sich bestätigt. "Was kommt im Dorf an, außer das, was keiner haben will", schimpft eine junge Frau. Es gebe, sagt sie, Nationalitäten, in denen Frauen nichts wert seien. "Wie soll ich meinem Kind die Angst nehmen, wenn es mit 50 Asylanten im Bus sitzt?" Der Kreis habe sich die Entscheidung leicht gemacht, außerdem sei ihr Grundstück damit "auf Null gesetzt, das kauft keiner".

Ein Herr aus der Neustadt berichtet von einem Kellereinbruch. Polizei? "Da hat einer nach zehn Minuten zurückgerufen, er sei allein und habe kein Fahrzeug. Erzählen Sie also nichts von Polizei."

Eine ältere Frau aus Kittlitz sagt, sie können schon jetzt nicht mehr schlafen vor Sorgen. Dem Kreis-Konzept hat sie entnommen, dass derzeit etwa sechs Prozent der im Landkreis befindlichen Asylbewerber in Lübbenau seien - "und wir haben dann 108 Prozent", ruft sie empört. Wie so oft fühlen sich vor allem Alteingessene aus den Ortsteilen nicht Lübbenau zugehörig. Und, sagt die Frau: "Wer beschützt uns, wenn nachts einer mit einem Messer vor der Tür steht, der kann nicht mal deutsch."

Vielen Kittlitzern scheint klar, dass zum Jahresende ausschließlich 130 Diebe, Drogendealer, Kinderschänder und Vergewaltiger in den Ort einfallen. Wer sonst gebe denn seine Heimat auf? Dass Bürgermeister Helmut Wenzel (parteilos) eingangs von Kriegen in der Welt und Diktaturen sprach, hat kaum jemand im Ohr. Er hoffe, dass "die Bürger Herz und Hände öffnen, um zu helfen". Doch von einem "Wir" als Minderheit ist die Rede, und das "alles" auf dem Rücken eines Dorfes ausgetragen werde.

Angst macht sich breit, Unsicherheit, manch Vorurteil wird hervorgeholt. Die Kittlitzer sehen sich als die Gekniffenen in einem Spiel, in dem jeder Verständnis für die Lage von Flüchtlingen aufbringt, die Betreuung vor der eigenen Haustür aber ablehnt. In Kittlitz steht nun mal die Förderschule, die im Sommer in die Neustadt umzieht. Das Haus ist dann frei, es gehört dem Landkreis, der händeringend nach brauch- wie bezahlbaren Quartieren sucht, per Anzeige auch nach Wohnungen. "Kittlitz ist kein optimaler Standort. Doch den gibt es ohnehin nicht, egal, wo wir hinkommen", sagt Heinze. Der Landrat erinnert daran, "was in Senftenberg los war, als das Schullandheim belegt wurde". Nichts von den Befürchtungen habe sich bewahrheitet; das Heim werde aber wie geplant aufgegeben. Doch, sagt eine Frau, in Senftenberg seien Hausschuhe gestohlen worden und Zeitungen. "Es ist nicht so einfach." Ja, sagt Heinze, er wolle auch nichts beschönigen, und seine Forderung stehe seit langem ans Land, die Polizeipräsenz nicht nur im grenznahen Raum, sondern auch im Hinterland spürbar zu erhöhen. Ein Großteil der Politik, die Kreise und Kommunen auszubaden hätten, werde halt in Brüssel, Berlin und Potsdam gemacht. Brüssel, Berlin und Potsdam äußern sich an dem Abend nicht.

Heinze hofft, dass es in Kittlitz genau so läuft wie in Sedlitz oder in Lauchhammer: nämlich weitgehend normal und unaufgeregt. Bislang fange der Süden des Kreises die Flüchtlings-Kontingente auf. Nunmehr sei der Norden dran, mit Kittlitz als Übergangslösung für drei Jahre - von der freilich heute niemand sagt, dass man sich nach drei Jahren tatsächlich zurückzieht. Heinze: "Ich kann das nicht versprechen, weil niemand weiß, was sich in der Welt entwickelt." Bis Ende 2016 soll dann das OSZ-Gebäude in der Neustadt als Dauerunterkunft hergerichtet sein für bis zu 200 Plätze.

Aber auch da meldet der erste Besucher Zweifel an. Werde da nicht nur "der Schwarze Peter hin- und hergeschoben"? Und, fragt eine Frau, soll denn die Neustadt künftig alles auf sich nehmen, oder wäre nicht auch die Lübbenauer Altstadt mal dran? Für Kittlitz hat der Ortsbeirat einen langen Katalog offener Fragen und Probleme vorgelegt. "Wir fühlen uns mit 130 Asylbewerbern erschlagen." Da geht es um die Sicherheit von Heim und Anwohnern, um fehlende Busverbindungen, Einkauf, Arzt, Beschäftigung, Sozialarbeit, Sprachkurse. Vor allem aber möchte der Beirat in die Klärung solcher Problem einbezogen werden. "Ich würde mir wünschen, dass wir das in den Griff kriegen."

Zum Thema:
Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz bietet mehrere Kontaktmöglichkeiten für Fragen rund um die Flüchtlingsunterkünfte: per E-Mail unter buergeranfrage@osl-online.de, in Bürgersprechstunden mit Anmeldung unter Telefon 03573 8701060. Das Konzept ist sowohl unter www.osl-online.de zu finden als auch auf www.luebbenau-spreewald.de .