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| 17:45 Uhr

Das schweigende Klassenzimmer
Kinobesuch der kurioser Art in Calau

Angeregte Diskussion nach dem Film „Das schweigende Klassenzimmer“ mit Karsten Köhler, der Teil der verfilmten Geschichte ist.
Angeregte Diskussion nach dem Film „Das schweigende Klassenzimmer“ mit Karsten Köhler, der Teil der verfilmten Geschichte ist. FOTO: LR / Brendel
Calau. Ein Zeitzeuge lässt einen Film über die Jugend in der DDR lebendig werden. Von Philipp Brendel

Ein ungewöhnliches Bild begegnete den Gästen des Calauer Kinos in den Gemeinderäumen der Evangelischen Kirchgemeinde am Freitag. Jedem dürfte die allgemeine Aufbruchstimmung nach einem Kinobesuch bekannt sein – sobald der Abspann läuft, geht’s nach Hause. Ganz anders an diesem Abend: Nach Ende des Filmes „Das schweigende Klassenzimmer“, der erst dieses Frühjahr seine Premiere erlebte, entstanden unter den anwesenden Kinogästen angeregte Diskussionen. Der Film, welcher von einer Abiturklasse zu DDR-Zeiten handelt und auf einer wahren Begebenheit basiert, bietet ohnehin schon reichlich Gesprächsstoff. Doch die Vorführung eines Filmes mit historischer Thematik wird erst recht zu einem Highlight, wenn ein Zeitzeuge diesen durch die eigenen Erzählungen erlebbar macht.

Karsten Köhler, der ursprünglich aus Beeskow stammt, war Schüler jener Abiturklasse, an welcher sich vor allem die politischen Geister des Jahres 1956 in der DDR scheiden sollten. Der Ungarnaufstand in jenem Jahr bewegte damals nicht nur Europa, sondern die ganze Welt. Für viele Menschen, gerade in den sozialistischen Ländern wie der DDR, waren mit dem Aufstand Hoffnungen verbunden, dass es doch einen Weg für einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz geben könnte. Diese Hoffnung beflügelte damals auch die Abiturklasse, welcher Karsten Köhler angehörte und die der mittlerweile verstorbene Dietrich Garstka durch sein gleichnamiges Sachbuch, auf welchem der Film basiert, wieder lebendig werden ließ.

Die Geschichte der „schweigenden Klasse“ ist mittlerweile 62 Jahre her. Wie auch im Film dargestellt, informierten sich die Schüler einer Polytechnischen Oberschule in Storkow über den westlichen Sender Rias über die Geschehnisse in Ungarn. Der Rias empfahl damals, wie es Köhler nochmals Revue passieren ließ, Solidarität mit den Demonstranten zu bekunden, unter der Prämisse keine Gewalt anzuwenden. Weiterhin wurde über den aus DDR-Sicht feindlichen westlichen Radiosender empfohlen, Schweigeminuten abzuhalten. Dass diese Variante der Solidaritätsbekundung von den Abiturienten umgesetzt wurde, sollte ihr weiteres Schicksal tiefgreifend verändern. Das Vorgehen bei einer solchen Form politischer Demonstration, die aus Sicht der politischen Verantwortlichen der DDR ohne Diskussion als „Konterrevolution“ gebrandmarkt wurde, war vorgegeben: Von der Schulleitung übers Kreisschulamt bis zur Ministerebene in Berlin – eine einzige Schweigeminute hatte weitreichende Folgen, nicht nur für die Schüler, sondern auch für ihre Angehörigen, wie Karsten Köhler schilderte. Die Repressalien gegen die Schüler, wie es im Film sehr eindrücklich erlebbar wird, gingen soweit, dass sich die meisten der Schüler, die ohnehin vom Abitur in der DDR ausgeschlossen wurden, entschieden, der DDR mit dem Jahreswechsel 1956/1957 den Rücken zu kehren. Dass Köhler immer noch von diesem Film ergriffen ist, konnte er eindrücklich erlebbar werden lassen: „Auch wenn ich den Film mittlerweile sicher schon 20-mal gesehen habe, geht das nicht einfach so an mir vorbei. Das ist auch meine Geschichte, die da erzählt wird.“ Köhler machte mit Beginn der Diskussion nach dem Film an dieser Stelle nochmals deutlich: „In einem Film kann man nur bedingt darstellen, was das für uns bedeutet hat.“ Da der Film mit der Flucht der Abiturienten endet, entstand im Kinopublikum gerade unter dem Aspekt des weiteren Schicksals der Schüler eine angeregte Diskussion.

Für die geflüchteten Schüler war es das oberste Ziel, gemeinsam in Westdeutschland das Abitur zu beenden, wie Köhler weiter ausführte: „Wir mussten zusammenbleiben als Gruppe, um Abitur zu machen.“ Da man als Gruppe zusammengehalten habe, gerade in der schwierigen Anfangszeit in der neuen Heimat im hessischen Bensheim, konnten die Schüler ihr Abitur ablegen und einen Neustart vollziehen. An dieser Stelle war es interessant für die Kinobesucher zu erfahren, dass die Herausforderungen nach der Flucht für die Schüler also keinesfalls beendet waren. Vor allem der Kontakt zu den zumeist in der DDR verbliebenen Eltern, gestaltete sich schwierig. Da blieb meist nur der Briefkontakt, bis sich erst in den 1970er-Jahren die Besuchsmöglichkeiten zwischen Ost und West auch durch eine ausgesprochene Amnestie für DDR-Flüchtlinge erleichterten. Karsten Köhler hatte dahingehend Glück, da seine Mutter durch einen unterirdischen Gang unter der Charité in Berlin im Jahr 1957 in den Westen flüchten konnte. Er selbst betrat die DDR das erste Mal erst wieder im Jahr 1978.

Dass ein einziger Abend gar nicht ausreicht, um die Erfahrungen eines Augenzeugen ausführlich zu beleuchten, wurde den Besuchern des Kinos in Calau deutlich – es konnte nur ein kleiner, aber dafür faszinierender Einblick in vergangene Tage gewährt werden.