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| 14:05 Uhr

Seltenes Jubiläum
Der Gründer kam aus dem Land der Kuckucksuhren

 Hinter den Altdöberner Schaufenstern mit der prunkvollsten Auslage repariert Gabriele Frey klassische Uhren.
Hinter den Altdöberner Schaufenstern mit der prunkvollsten Auslage repariert Gabriele Frey klassische Uhren. FOTO: Uwe Hegewald
Altdöbern. Uhrmacherfamilie Frey feiert 150-jähriges Bestehen. In Altdöbern kümmern sie sich längst nicht nur um Zeitanzeiger und bewältigt dafür Treppenstufen und Leitersprossen. Von Uwe Hegewald

1869 gilt als bewegendes Jahr. Der Suez-Kanal wird freigegeben, der Grundstein für Schloss Neuschwanstein gelegt und in Frankreich die Margarine erfunden. Im beschaulichen Altdöbern eröffnet Josef Frey ein Uhrengeschäft. „1868 kam er aus dem Raum Villingen-Schwenningen (Schwarzwald) in die Niederlausitz, weil er in seiner bisherigen Heimat keine Zukunft mehr sah“, erzählt Christa Frey.

Mit ihrem Mann Hubert Frey (1939-2009) führte sie das Familienunternehmen in vierter Generation weiter und ist auch heute noch im Uhren- und Schmuckgeschäft in der Altdöberner Bahnhofstraße 17 tätig. Tochter Gabriele Frey setzt die Tradition als ausgebildete Uhrmacherin in fünfter Generation fort, wie auch Uhrmachermeisterin Uta Frey-Ciesielski in der Filiale Schwarzheide (Heidecenter).

Nach einem kurzen Aufenthalt in Finsterwalde entschied sich Josef Frey vor 150 Jahren, in Altdöbern sesshaft zu werden. „Die industrielle Entwicklung durch die Kohleförderung in der Niederlausitz war für ihn der Grund, hier eine Existenz aufzubauen. Wobei er nach unserem heutigen Verständnis immens schwierige Bedingungen vorfand. Seine Entscheidung erwies sich trotz allem als richtig“, so die Freys über den Mut ihres Vorfahren aus dem Land der Kuckucksuhren.

Mut, Beharrlichkeit oder Unternehmergeist wurden von Generation zu Generation weitervererbt. Sie gelten als die wichtigen Zahnräder im Familien-Uhrwerk der Freys, um dieses auch durch drei Kriege und mehrere Gesellschaftsordnungen hindurch zuverlässig am Laufen zu halten.

Ebenso bemerkenswert ist das Engagement der Familie Frey für Belange in ihrem Heimatort. Dort ist sie buchstäblich für die Zeit zuständig, was nichts anderes bedeutet, als regelmäßig 112 Treppenstufen und 24 Leitersprossen zu überwinden, um in die Uhrenstube im dortigen Kirchturm zu gelangen. Darin befindet sich eines der wenigen noch funktionierenden, mechanischen Kirchturmuhren-Laufwerke in der Lausitz, das von Gabriele Frey, gepflegt, justiert und mindestens zweimal im Jahr umgestellt wird.

„Sonst sind mir nur noch vergleichbare Uhrenwerke in Luckau und Elsterwerda und die Uhr im Spremberger Turm in Cottbus bekannt“, so die Uhrmacherin, die den „Job“ vom Vater Hubert übernommen hat. Seit 1957 kümmern sich die Freys um den Zeitanzeiger, dessen Gehwerk und die zwei Schlagwerke für den Stunden- und den Viertelstundentakt noch immer wie vor mehr als 90 Jahren arbeiten. Einzig das Aufziehen ist in den Jahren 2001 bis 2003 elektrifiziert worden.

Unvergessen bleibt eine Aktion im Vorfeld der Feierlichkeiten zum 725-jährigen Bestehen von Altdöbern im Jahr 2010: limitierte Armbanduhren für Damen und Herren mit dem Abbild der Kirche auf dem Zifferblatt sowie einem eingearbeiteten Stein aus der maroden Kirchenmauer. Wie Gabriele Frey seinerzeit erklärte, flossen pro verkaufter Uhr fünf Euro in die Renovierung der sanierungsbedürftigen Kirchmauer.

Bei so viel Engagement war es für Jens Lehmann, Udo Mai und Matthias Enge vom örtlichen Gewerbeverein eine Selbstverständlichkeit, der Familie Frey am Freitag einen Besuch abzustatten. „1869, 1. Januar (Freitag), Begründung der Uhrmacherei Frey“, hat Altdöberns Ortschronist Kurt Natusch (1932 bis 1996) in seiner „Chronik in Daten“ festgehalten. Aus diesem Grund klopfte das Trio an. Christa Frey zeigte sich überrascht: „Jubiläum ja, aber erst am 16. April“, sagte sie. „In unserer Familienchronik ist dieses Datum fest verankert.“

Soll sich etwa Ortschronist Natusch getäuscht haben, dem nachgesagt wird, dass seine Aufzeichnungen so zuverlässig sind wie die Tatsache, dass Heiligabend und der 24. Dezember auf einen Tag fallen? Die Gratulanten stehen über den Dingen. „Am 16. April Glückwünsche aussprechen und erfahren, dass das Jubiläum schon auf den 1. Januar fiel, wäre schlimmer gewesen“, begründen sie.