„Zeit für familiäre Weihnachtsstimmung gab es bei uns immer nur zwischendurch“ , erinnert Pfarrer Joachim Liedtke sich lächelnd an die hinter ihm liegenden gut 30 Jahre in der Lübbenauer Neustadtgemeinde. Jahr für Jahr war sein Weihnachtsfest straffer Dienst. Schon die Adventszeit hat es in sich. Jeder Kreis, der sich in der Gemeinde begegnet, wünscht sich einen Jahresabschluss, eine Adventsfeier.
Und dann ist da das alljährliche Adventssingen, zu dem Joachim Liedtke gemeinsam mit den Konfirmanden zu den Menschen geht, die für ein wenig Aufmerksamkeit, ein wenig gesungene Harmonie besonders dankbar sind: die Bewohner des Pflegeheimes. Mit der Gitarre in der Hand, vielen gebastelten Kleinigkeiten in der Tasche und den jungen Menschen im Schlepptau war er für die Pflegebedürftigen all die Jahre eine feste Größe. Dabei tat das Adventssingen nicht nur ihnen gut, sondern auch den Konfirmanden. „Die Kinder bekamen ein Gespür dafür, wie es ist, krank und hilfebedürftig zu sein. Das ist Lernen im Vollzug. Das ist das Leben“ , erinnert sich Pfarrer Liedtke an die vielen Dezember-Nachmittage im Heim zurück.
Die drei Weihnachtstage bergen wieder viel Arbeit in sich. Aber auf den Kartoffelsalat und die Würstchen verzichten auch Liedtkes nicht, wenngleich das Essen bis nach der letzten Christvesper warten muss. Dann ist endlich Zeit für die Bescherung ganz in Familie. Doch langes Verschnaufen ist nicht drin, denn im Wechsel mit seinen Kollegen hat Joachim Liedtke den 23-Uhr-Gottesdienst am Heiligabend zu halten. Und an den beiden darauf folgenden Feiertagen füllt sich die Kirche wieder, oft mit Menschen, für die Weihnachten einer der wenigen Anlässe ist, sich dort einzufinden.
Wenn einige Pfarrer darüber nicht erfreut sind, so zeigt Joachim Liedtke Verständnis. „Wer fünf oder sechs Tage in der Woche hart arbeiten war, braucht einfach seinen Sonntag zum Ausruhen.“ Vielleicht kann er das so gut nachempfinden, weil auch er einst körperlich hart arbeiten musste, bevor seine Berufung ihn Pfarrer werden ließ. Nach seiner Maurerlehre spürte er, was es heißt, mit Muskelkraft sein Brot zu verdienen. „Ich verstehe die Leute, die es sich einmal im Jahr in der Kirche gut gehen lassen“ , bekräftigt er.
Die Tanne vor dem Haus ist mit einer Lichterkette geschmückt. Der Herrnhuter Stern begrüßt jeden, der das Grundstück des Neustädter Pfarrhauses betritt. „Er ist für mich wie ein freundlicher Gruß, wie ein Zeichen des Nachhausekommens“ , beschreibt der Pfarrer den Stern, den er als Symbol mag. Worauf er sich mindestens schon genauso freut, ist die klassische Weihnachtsmusik, die er dann zu Hause wie im Büro leidenschaftlich gern hört. „Davon bekomm ich nie genug“ , gesteht er.
Der Weihnachtsbaum der Liedtkes, natürlich ein gewachsener, ist mit Holzfiguren geschmückt. Pfarrer Liedtke lässt da gern seinen Kindern, die die farbenfrohere Variante bevorzugen, freie Hand. Dass zwei seiner vier Kinder das Weihnachtsfest in diesem Jahr im Ausland verbringen, kann er vielleicht mit dem Blick auf die kommenden Jahre, in denen er mehr Zeit für seine Familie haben wird, ganz gut aushalten.
Weihnachten 2007 ist das letzte Fest, zu dem er in Amt und Würden ist. Nur zwei Monate später beginnt seine Ruhestandszeit - und er freut sich darauf. Endlich mal selbst in den Reihen der Kirche zu sitzen, keinen Dienst zu haben, darauf freut er sich ebenso sehr wie auf all die Dinge, die er sich für diese Zeit gut vorstellen kann. „Ich brauch Kultur, und da hab ich viel nachzuholen“ , hat er sich vorgenommen. Ohne Termine, ohne Verpflichtungen zu leben, das will er genießen. Und er will in Lübbenau bleiben, denn, so sagt er: „Hier sind meine Freunde.“ Es gibt ebenso Dinge, die ihm wichtig sind. Der alte Friedhof, der ihm so ans Herz gewachsen ist. „Ich will helfen, dass es hier weiter geht“ , so seine Vorstellung. Endlich mal zu tun, was er will, zu lesen, vielleicht selbst Theater zu spielen, in einem Chor zu singen, sich bei amnesty international zu engagieren, auf jeden Fall weiter in der Notfallseelsorge dabei zu bleiben - Joachim Liedtke freut sich darauf.
Mit dem Blick zurück auf seine Zeit in der Lübbenauer Neustadtgemeinde ist er zufrieden. Die Seelsorge war ihm dabei immer besonders wichtig. Er sei als Pfarrer er selbst geblieben, habe den Menschen auf einer gemeinsamen Ebene begegnen können und seinen Verstand nie an der Kirchentür abgegeben. Er ist ein Pfarrer, dem das Frommsein nie das Wichtigste war. Das ließ ihn nahe bei den Menschen seiner Gemeinde sein - eben auf Augenhöhe.