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Im Optik-Mobil aufs Land

Welche Brille soll es sein? Melitta Werner (r.) bei der Kundenberatung in ihrem Geschäft an der Luckauer Hauptstraße.
Welche Brille soll es sein? Melitta Werner (r.) bei der Kundenberatung in ihrem Geschäft an der Luckauer Hauptstraße. FOTO: be
Luckau. Im Jahr 1891 gründete Fritz Kolleß in Luckau ein Uhrmachergeschäft. Das war der Beginn eines Unternehmens, das Urenkelin Melitta Werner in vierter Generation weiterführt. Carmen Berg

Von den Vorfahren bekam sie die Erfahrung mit: "Vielseitigkeit kann nicht schaden." So verstand sich ihr Vater Horst Kolleß nicht nur auf Uhren, sondern war zugleich Augenoptiker-Meister. Den Kunden schicke Brillen anpassen konnte er allerdings erst nach der Wende. Zu DDR-Zeiten hatten die staatlichen Stellen befunden, Luckauer habe Optiker genug. Stattdessen gab es damals dann bei Kolleß neben Uhren Kameras und Zubehör.

Nach der Wende rückte die Augenoptik in den Mittelpunkt. Ein Umbau des Geschäftes mit Werkstatt war gerade abgeschlossen, als Horst Kolleß mit nur 54 Jahren starb und seine Frau Ursula das Geschäft allein weiterführen musste. Melitta Werner hatte da schon ein Fachschulstudium als Bauingenieurin abgeschlossen und sich mit ihrem Mann in der Nähe von Bischofswerda ein Haus ausgebaut. Gemeinsam mit der Familie entschied sie, in Luckau noch einmal neu anzufangen. Sie machte eine Optikerlehre und anschließend ihren Meister. "Die halbe Woche stand ich mit der Mutter im Geschäft, die zweite Hälfte bis Sonnabendabend war ich zur Meisterschule in Celle", erinnert sie sich. Das sei schon hart gewesen. Doch bereut habe sie die Entscheidung nicht, wenngleich es für kleine Handwerksbetriebe und Geschäfte immer schwieriger werde. "Es sind zu wenige Leute unterwegs, früher hatten wir viel mehr Laufkundschaft", sagt sie. Zugpferde wie ein Textilmarkt seien aus dem Stadtkern weggezogen. Und man merke, dass an an der Hauptstraße kein Café mehr zur Einkehr lockt.

Melitta Werner hat ihren Weg gefunden, mit der Situation umzugehen: Sie fährt jetzt mit einem Optikmobil zu Kunden aufs Land, die nicht mehr zu ihr in den Laden kommen können. "Es gibt auf den Dörfern immer mehr ältere Menschen, die Hilfe brauchen", sagt sie. Das neue Auto ist eine rollende Werkstatt mit Laden und Rolli-Rampe. Es hat Geräte zur Bestimmung der Gläserstärke ebenso an Bord wie eine Auswahl an Brillen. Kunden können ihren Bedarf im Geschäft anmelden (Telefon 03544 3007). Die Optikerin will ihren mobilen Dienst außerdem Altenheimen und Tagespflegen anbieten, Fahrschulen könnten ihn für den Sehtest ihrer Schüler und Firmen für die Ausstattung mit Arbeitsschutzbrillen nutzen.

Sie sei gern selbstständig trotz der langen Arbeitstage, sagt Melitta Werner. "Man kann Ideen umsetzen, ohne dass man jemanden fragen muss." Deshalb sei es schade, dass Handwerksmeister und Geschäftsleute oft keine Nachfolger mehr finden. Ihre ältere Tochter studiere Optik, die jüngere, die noch zur Schule gehe, habe ebenfalls Interesse an der Branche. "Ich kann ihnen einen Grundstein legen, entscheiden müssen sie selbst", sagt die Mutter. Doch sie glaubt an eine Zukunft von Optik-Kolleß in Luckau. "Es gibt so viele Dinge, die man dafür tun kann: Sich spezialisieren, neue Bereiche erschließen wie Sportoptik oder Angebote für Sehbehinderte", sagt Melitta Werner. Sie ist überzeugt: "Wenn sich mehr Betriebe in Luckau was einfallen lassen, wird sich das bei Kunden herumsprechen."

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In der Folge am nächsten Samstag geht die RUNDSCHAU der Frage nach: City-Manager, Gewerbevereine, Werbegemeinschaften, Heimatmärkte - welche besonderen Aktionen und Konzepte gibt es?

Im neuen Mobil kommt die Optikerin zu Kunden aufs Land.
Im neuen Mobil kommt die Optikerin zu Kunden aufs Land. FOTO: privat