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"Ich werde sehenden Auges blind"

Peter Hnida betreibt in Lübbenau ein Fahrradgeschäft. Er verliert nach und nach sein Augenlicht.
Peter Hnida betreibt in Lübbenau ein Fahrradgeschäft. Er verliert nach und nach sein Augenlicht. FOTO: Gregor Balke
Lübbenau. 2016 berichtete die Rundschau über die schwere Augen-Diagnose des Lübbenauer Fahrradhändlers Peter Hnida. Wie geht es ihm ein Jahr später? Ein Zwischenbericht über Fahrradfahren in Italien, gemeinsam "Sinn-los" werden und die Schwierigkeit, Fisch zu essen. Gregor Balke

"Je schlechter ich sehen kann, desto klarer sehe ich die Prioritäten in meinem Leben", sagt Peter Hnida und meint die bedrückende Tatsache, dass seine Sehkraft bald ganz erloschen sein wird. Die Krankheit heißt Retinitis Pigmentosa, im Volksmund treffend "Flintenkrankheit" genannt, weil das Sichtfeld immer schmaler wird. Wo bei den meisten Menschen das periphere Sehen liegt, ist für Peter Hnida inzwischen nichts mehr - das Sichtfeld wird immer kleiner, die toten Winkel des Alltags stetig größer.

Genau vor diesem Alltag will der passionierte Radfahrer aber nicht kapitulieren. Die Diagnose steht seit knapp zwei Jahren und seitdem sucht der Lübbenauer Unternehmer den offensiven Umgang mit ihr. "Es ist ganz einfach: Ich werde sehenden Auges blind. Das kann ich nicht ändern. Aber ich kann mich dem stellen. Ich nutze das Leben intensiver und schiebe gewisse Ziele einfach nicht mehr auf." Anfang des Jahres radelten er und seine Lebenspartnerin einen Monat lang mit dem Fahrrad durch Italien. "Das war vorher undenkbar. Man hat sich einfach nie die Zeit genommen. Mit dem bekannten Argument, dass man das ja immer noch machen könne. Das Argument hat für mich seine Schlagkraft verloren." Die nächste Radeltour ist bereits geplant: Von der Landskron-Brau-Manufaktur in Görlitz über Prag nach Budweis geht es auf tschechische Biertour. "Geradelt wird bei bestem Tageslicht. Spätestens 18 Uhr könnte man also im Brauhaus sitzen."

Was für die meisten selbstverständlich ist, wird für ihn zu einer immer größeren Herausforderung. "Die Tage werden anstrengender. Schon normales Lesen wird zunehmend schwieriger. Eine ganze Zeitung einfach durchzulesen, kostet richtig Kraft, die Artikel werden daher sorgsamer ausgewählt. Das Hörbuch wartet auf seine baldige Entdeckung durch mich. Auch klassischen Spreewälder Fisch zu essen, ist inzwischen eine unlösbare Aufgabe, der Trend geht bei mir zum Filet", so der Lübbenauer Unternehmer. "Mein Zustand hat sich definitiv verschlechtert. Das findet in Schüben statt. Ich putze die Brille immer öfter und muss dann doch feststellen, dass sie längst sauber ist. Schnelle Wechsel zwischen Hell und Dunkel bereiten mir zunehmend Probleme. Auch große, nahe Gegenstände sind schwer zu erfassen. Aber all das war vorauszusehen".

Seit der Diagnose benutzt er viel bewusster visuelle Metaphern. "Das Sehen als Fähigkeit wird einem in seiner Allgegenwärtigkeit dann noch einmal richtig klar. Dieser Sinn wird mir nun bald fehlen, weshalb ich nach dem Motto lebe, ‚gemeinsam Sinn-los' zu werden." Denn seine Lebenspartnerin und seine Tochter begleiten ihn auf diesem schwierigen Lebenspfad, was keineswegs für selbstverständlich hält. "Wenn mir der Sehsinn einmal ganz abhanden gekommen ist, muss auch mein Umfeld damit und mit mir leben. Der Rückhalt in der Familie ist super. Meine Partnerin, meine Eltern, meine Schwester und meine Tochter geben mir Halt. Leider sagt man ihnen das nicht oft genug. Aber die emotionale und auch ganz alltägliche Unterstützung ist immens. Dafür bin ich dankbar."

Andere soziale Koordinaten verschieben sich hingegen, wie er feststellen musste. "Bekanntschaften brechen zum Teil weg, dafür festigen sich andere Freundschaften mehr. Dennoch bleiben Scheu und Hilflosigkeit. Ein Jahr lang Krankheit ersetzt zehn Jahre Lebenserfahrung."

Als ungeahnter Nebeneffekt der Diagnose ist sein Interesse für die Hirnforschung gewachsen. "Das Gehirn ist ein fantastisches Organ. Es merkt sich fein säuberlich alle im Röhrenblick aufgenommen Sequenzen und stellt mir permanent ein Gesamtbild zur Verfügung. Auf diese Weise bekomme ich ein Bild präsentiert, das alle meine Kopfdaten berücksichtigt, aber natürlich nie richtig mit der Realität übereinstimmt. Trotzdem bin ich froh, es zu haben, auch wenn die Aktualisierung immer nur über meine eingeschränkte Sehröhre erfolgt und im Gesamtbild hochgerechnet wird - ein umfassendes Update ist überfällig. Das Gehirn sieht also noch Sachen, die meine Augen nicht mehr sehen", sagt er und weiß natürlich um die damit verbundenen Schwierigkeiten. "Diese Illusion im Gehirn verwehrt mir gewisse Aktivitäten. Ballsportarten kenne ich nur noch als Zuschauer. Aber Kegeln geht noch gut. Das Ziel verändert sich nicht und ist auf einer langen Bahn weit hinten erkennbar - eine Sportart wie für mich gemacht!" Denn - obgleich schmal und immer kleiner werdend - sieht Peter Hnida in dem ihm zur Verfügung stehenden Sehfeld außerordentlich scharf und genau. "Als könnte ich die peripher ungenutzte Sehkraft bündeln und fokussieren. Aber auch das wird sich ändern. Das Krankheitsbild sieht vor, dass sich nach und nach ein Schleier auf mein scharfes Bild legt."

Auch wegen der ihm noch verbliebenen Sehschärfe ist er weiterhin berufstätig und in seinem Fahrradgeschäft Goyn anzutreffen, das er in dritter Generation mitführt. "Es ist ein beruhigendes Gefühl, dass der Kurs der Firma steht. Man muss aber selber aktiv bleiben. Die Arbeit macht Spaß, obwohl sich die Struktur des Handels so rasant ändert wie die Verschlechterung meines Sehradius'. Der klassische Einzelhandel existiert ja praktisch kaum noch, neue Vertriebswege eröffnen sich und müssen erkundet werden. Was zunehmend auffällt, sind ‚Kunden', die sich ausgiebig beraten lassen und dann doch lieber im Internet kaufen. Wenn unsere Kompetenz bei leer bleibender Kasse so ausgenutzt wird, ist das immer ärgerlich."

Dass Peter Hnida genau diese schnelllebige, anonyme Konsumkultur bewusster sieht, ist auch seinem neuen Blick auf die Welt geschuldet. "Natürlich bin ich da sensibler. Während ich langsam einen Sinn verliere, fallen mir die Menschen auf, die scheinbar so fahrlässig mit ihrer wertvollen Lebenszeit umgehen. Ich bin neidisch auf alle, die ihre Zeit mit allen Sinnen nutzen können und sich dann oftmals für viel Sinnloses entscheiden. Dann sage ich mir wiederum, dieses Jammern ist genauso sinnlos. Denn Jammerzeit ist Sehzeit", so Peter Hnida. "Wenn ich richtig niedergeschlagen bin, schaue ich einfach durch ein Schlüsselloch und sehe, wie meine Welt vermutlich in drei Jahren aussieht. Wenn das noch nicht hilft, halte ich ein Butterbrotpapier hinter das Schlüsselloch. Denn so - sagen die Ärzte - werde ich in etwa acht Jahren sehen.

Dann sehe ich die Welt plötzlich wieder mit ganz anderen Augen."Daher ist er froh über Kleinigkeiten, wie etwa einen ganz normalen Skat-Abend mit Freunden. "Aber natürlich bleibt auch da die Frage: Wann wird es sein, das letzte Spiel? Und wer gewinnt es?"