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| 01:03 Uhr

„Ich brauche die Bewegung“

Vetschau.. Zu einem besonderen Tag bedarf es meistens eines besonderen Erlebnisses. Etwa, Geschichten und Vergangenem andächtig zu lauschen in erhabenen Bauten, still und stimmig zu wandeln auf den Spuren guter und schlechter Zeiten, die sich quer durch das Gebäude erstrecken. In diesem Fall eine Doppelkirche. Adelheid Geisler führt dort seit zwei Jahren einfühlsam und kundig Gäste durch die Gemäuer, für Margit Nosal Grund genug, die Frau für die Aktion „Vetschauer des Jahres“ vorzuschlagen. Von JANA SEMT

Im Frühjahr 2001 wendet sich das Arbeitsamt an die arbeitslose Adelheid Geisler. Eine ABM-Stelle sei zu vermitteln, mit den Worten „Sie machen das schon“ bekommt sie den Zuschlag und wird fortan in der Wendisch-Deutschen Doppelkirche als Touristenführerin eingesetzt. „Am Anfang habe ich meine Vorgängerin bei deren Führungen begleitet, habe mir angehört, was sie ihrem Publikum erzählt und natürlich jeden Menge Literatur im Stadtschloss und in den Archiven gewälzt. Ich war ja überhaupt nicht vertraut mit der Materie“ , erinnert sie sich heute an den Sprung ins kalte Wasser. „Ich habe mich dann regelrecht eingearbeitet, mir Stichpunkte gemacht und meine ersten Führungen zunächst mit Notizzetteln absolviert. Heute kann ich die Geschichte der beiden Kirchen im Schlaf aufsagen“ , berichtet die 57-jährige Vetschauerin.
Inzwischen hat sie viel erlebt in den dicken Kirchmauern, „eine interessante Arbeit“ , wie sie selbst sagt: „Es kommen viele Leute, die aufgeschlossen sind und auch etwas mitnehmen von dem, was ich erzähle. Aus Australien hatte ich schon Besucher hier, einen Journalisten aus Brasilien, in der vergangenen Wochen ein englisches Ehepaar.“ Internationale Eintragungen finden sich auch im ausliegenden Gästebuch, und stets wird deutlich: Danke für die spannende Führung. Stets weiß sie dabei mehr als über die Gotteshäuser zu berichten, „Oft werde auch ich gefragt, was es noch so zu beschauen gibt in der Region.“
Ende des Monats nun läuft ihre ABM-Stelle aus, „mitten in der Saison“ , stellt sie verständnislos fest. Der „Förderverein Wendische Kirche Vetschau“ , ebenso die Stadtverwaltung, versuchten bis zuletzt vergeblich, das Beschäftigungsverhältnis wenigstens bis zum Herbst aufrechtzuerhalten.
Die Situation der Arbeitslosigkeit ist ihr dabei nicht unbekannt: „Ohne Beschäftigung bin ich im Prinzip seit 1992, habe dann gleich eine Umschulung gemacht, mal als Verkäuferin, mal im Lübbenauer „Verein zur Hilfe Obdachloser“ gearbeitet. Das beruhte alles auf Eigeninitiative, denn als Frau über 40 hat man eigentlich keine Chance mehr, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen“ , stellt Adelheid Geisler fest. Persönliche Schicksalsschläge hat es auch immer wieder gegeben, zwei Männer hat sie verloren, hat ihre Kinder größtenteils von klein auf allein erzogen. Heute sind sie groß und „vernünftige Leute“ geworden, findet die lächelnde Mutter.
Und wie wird es nun weitergehen? „Ich kann mich endlich wieder um meinen Garten kümmern, der hat es zwar nicht nötig, aber ich brauche die Bewegung. Außerdem kommt meine Enkeltochter zu Besuch“ , so Frau Geisler. Und für ehrenamtliche Führungen habe sie sich auch schon eingetragen.

Hintergrund Der Vetschauer gesucht
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