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| 15:34 Uhr

Blick in die Geschichte
Hoffnung im verschollenen Dorf

  Die Situation am Aussichtspunkt „Randriegel“ im ehemaligen Dorf Groß Jauer sorgt für Betroffenheit und ruft nach Lösungen. Regelmäßig ist das Objekt mit Blick auf den Altdöberner See, Ziel von Vandalismus. Selbst eine Glas-Panoramascheibe, auf dem die frühere Dorfstraße von Groß Jauer abgebildet war, wurde Opfer blinder Zerstörungswut.
Die Situation am Aussichtspunkt „Randriegel“ im ehemaligen Dorf Groß Jauer sorgt für Betroffenheit und ruft nach Lösungen. Regelmäßig ist das Objekt mit Blick auf den Altdöberner See, Ziel von Vandalismus. Selbst eine Glas-Panoramascheibe, auf dem die frühere Dorfstraße von Groß Jauer abgebildet war, wurde Opfer blinder Zerstörungswut. FOTO: Uwe Hegewald
Groß Jauer. Im ehemaligen Groß Jauer sollen bessere Zeiten anbrechen. Von Uwe Hegewald

In vielen Lausitzer Dörfern und Städten sind in den zurückliegenden Wochen die Wintergeister und -dämonen vertrieben worden. Fragt sich nur wohin? Böse Zungen behaupten „nach Groß Jauer“, wird das verschwundene Dorf doch regelmäßig von Unheil und Bösewichten heimgesucht.

„Verschwunden“, weil der Ort Mitte der 1980er-Jahre dem Tagebau Greifenhain weichen musste. Mit ihm alle 54 Einwohner und bis auf den ehemaligen Rinder- und Kälberstall auch alle Gebäude. Heute werden die einstigen Stallanlagen von der Schützengilde Altdöbern 1862 e.V. genutzt, die dort ihr Domizil hat und ursprünglich eine Schießhalle etablieren wollte. „Dieses Vorhaben ist in weite Ferne gerückt“, erklärt Vereinspräsident Uwe Böhm. Als Gründe führt er „hohe Auflagen seitens der Behörden“ an, von denen die Gesetze 2013 verschärft worden sind, sowie die „dünne Personaldecke“. „Schade eigentlich, wo wir doch mit unserer Anlage so gute Voraussetzungen besitzen“, so der Präsident der Schützengilde, die schon einmal einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen musste. Als Kyrill 2007 über das Objekt hinwegfegte, bedurfte es einen riesigen manuellen und finanziellen Kraftakt, um die Orkanschäden zu beheben.

Es scheint so, als ziehe Groß Jauer das Unglück geradezu an, was ein Blick in die Historie bestätigt. 1653 brennt im Dorf das Haus des „Ackermanns“ ab sowie die herrschaftliche Schäferei. 1693 brennt das Herrenhaus nieder, 1681 das Viehhaus und zwei bäuerliche Häuser. Auslöser des Übels: „Der Vogt habe nach einer Krähe geschossen; dabei sei glimmendes Werg auf das Dach gefallen (zeitgenössisch).“ Vor 200 Jahren erwischt es Groß Jauer gleich zweimal. Am 18. April 1719 brennen das Viehhaus und etliche Ställe des Gutes, in dem zehn Rinder und andere Tiere verenden. Sechs Wochen später (3. August 1719) brennt auch noch die herrschaftliche Schäferei nieder.

200 Jahre später sorgt das 1508 erstmals urkundlich erwähnte Groß Jauer abermals für Gesprächsstoff. Kritik richtet sich gegen den Aussichtspunkt „Randriegel“, der regelmäßig Opfer von Vandalismus ist. Am 2008 eingeweihten Objekt ist zuerst das fest installierte Fernrohr gestohlen worden. Später war die dargestellte Blechröhre immer wieder Ziel von illegalen Graffiti-Sprühern.

Auf der zurückliegenden Altdöberner Einwohnerversammlung, im Beisein der LMBV und des Zweckverbandes Lausitzer Seenland ist über eine Aufwertung des Aussichtspunktes diskutiert worden. Amtsdirektor Frank Neubert regte Handlungsbedarf an. Als eine umsetzbare Idee wurde von Versammlungsteilnehmern das künstlerische Besprühen der Flächen durch einen ausgewiesenen Graffiti-Künstler ins Gespräch gebracht. Darüber hinaus gilt es, eine Lösung für den verwaisten Bilderrahmen zu finden. In diesem war ursprünglich ein gläsernes Panoramabild angebracht, das die einstige Dorfstraße von Groß Jauer zeigte. Aber auch die bedruckte Glasscheibe ist von Unbekannten mutwillig zerstört worden. „Dafür fehlen mir einfach die Worte“, schimpft Hartmut Rex. „Auf der Ansicht war auch unser Haus abgebildet“, so der heutige Altdöberner.

Als 17-Jähriger musste er seinerzeit das Heimatdorf verlassen, an dem heute nur noch wenig erinnert. Ebenso an das benachbarte Klein Jauer, über das sich heute der Altdöberner See ausbreitet. „Vielleicht gelingt es im Zuge der touristischen Entwicklung des Sees, Groß- und Klein Jauer in Erinnerung zu rufen. Bis ein richtiges Konzept steht, ist der Aussichtspunkt Randriegel in meinen Augen eine Zwischenlösung“, fasst Hartmut Rex zusammen.

Zumindest in der Jauerschen Straße von Altdöbern erinnert eine Gedenktafel an die verschwundenen Zwillingsdörfer. Die Einweihung (2009) der Gedenktafel durch Johanna Wanka (CDU), Ex-Bundesministerin für Bildung und Forschung, jährt sich in diesem Jahr zum zehnten Mal. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass der geschundene Ort nicht ausschließlich mit Negativ-Schlagzeilen behaftet ist. Am 4. Juli 1645 kommt es infolge eines Blitzschlages zu einem Brand eines Schlosstürmchens in Altdöbern. Pfarrer Churisius verspricht dem „gaffendem Volk“ (das gab es also damals schon) ein ganzes Fass Bier (seinerzeit rund 393 Liter) worauf der Brand schnell gelöscht wird. Zu den besonders aktiven Helfern zählt dann auch Vogt Bartol aus Groß Jauer.