| 02:43 Uhr

Höhenflüge eines Karikaturisten

Lübbenau. Die Hochschule für Bildende und Angewandte Kunst in Berlin-Weißensee schloss 1956 Reiner Schwalme wegen "künstlerischer Fantasielosigkeit" nach einem Jahr für das weitere Studium aus. Der Flüchtlingsjunge, der achtjährig mit seinen Eltern die schlesische Heimat verlassen musste und bei Sangerhausen unterkam, fand Zeichnen schon immer spannend und perfektionierte es im Laufe des Erwachsenwerdens. Peter Becker

Vielleicht war es letztlich der Rausschmiss aus der Hochschule, der ihn darüber nachdenken ließ, dass reine Zeichnungen, allein das Widerspiegeln von Beobachtungen nicht ausreichen, um eine Botschaft zu vermitteln.

Wenn zum Beispiel Trotz, Widerspruch oder Ärger in einer Zeichnung der Lächerlichkeit preisgegeben werden, kann man das wohl Karikatur nennen. Und dann ist die technische Zeichenfertigkeit eher Nebensache, die Botschaft wird zur Hauptsache. Das DDR-Satiremagazin Eulenspiegel war und ist Abnehmer seiner Karikaturen seit 1985. Karikaturisten, die sich (naturgemäß) anlegen, werden auch von der Obrigkeit nicht aus den Augen gelassen. Beim Eulenspiegel jedoch lag die Toleranzgrenze etwas höher, hier durfte schon eher Mal ein gesellschaftliches Problem auf die Schippe genommen werden, natürlich optimistisch, nach vorn weisend. Als Zeichner wusste Reiner Schwalme die Ironie gut zu verpacken, die Leser verstanden ihn. Institutionskritik und Porträtkarikaturen der politischen Prominenz schlossen sich dennoch aus. Seine flüssig wirkenden Arbeiten waren und sind immer noch pointenreich, oft zynisch und sozialkritisch. Reiner Schwalme bekam mehrere erste Plätze bei den jährlich ausgetragenen Wettbewerben der politischen Karikaturisten und viele andere Auszeichnungen.

Den Stift hat er immer noch bei sich, zu viele Themen, mehr denn je, mobilisieren den Kritiker. Auf einem seiner jüngsten Werke zur aktuellen islamistischen Bedrohung ist ein schlichtes Plakat zu sehen. Darauf ein Aufruf der Muslime zur Demonstration gegen Gewalt. Die Felder für wer, wann und wo - sie sind leer gelassen.

Seit 2015 lebt Reiner Schwalme mit seiner Gattin Martha in Lübbenau und ist hier regelmäßiger Teilnehmer des Spreewaldateliers. Jürgen Othmer von der Lübbenau-Brücke: "Reiner Schwalme ist seit vielen Jahren in verschiedenen Pleinairs in unserer Stadt dabei. Als Mitglied im Kuratorengremium ist er uns eine wertvolle Hilfe. Inzwischen verbindet uns ein herzlich-freundschaftliches Verhältnis. Wir freuen uns, eine Plakatausstellung seiner Werke Anfang nächsten Jahres im Rathaus zu zeigen - quasi ein Geburtstagsgeschenk zum 80."

Lübbenaus Bürgermeister Helmut Wenzel (parteilos): "Künstler sind irgendwie auch Seismografen unserer Gesellschaft. Reiner Schwalme hat uns in einigen Karikaturen den Spiegel vorgehalten, dafür sind wir ihm durchaus dankbar - und wir sind stolz, solch einen hochkarätigen Künstler in unserer Stadt zu haben. Als Bürgermeister wünsche ich ihm alles erdenklich Gute zum Geburtstag und freue mich schon auf noch möglichst viele kritischen Arbeiten."

Ein herzlicher Glückwunsch an den Karikaturisten geht auch von der RUNDSCHAU, die ebenfalls schon viele seiner Arbeiten zeigte, in den Norden, auf die Insel Hiddensee. Hier feiert einer der Größten seiner Zunft in aller Stille und Abgeschiedenheit, ganz allein mit seiner Frau, seinen 80. Geburtstag.