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| 16:15 Uhr

Interview der Woche  mit Heiko Förster
Herrenhäuser wie Grabsteine

Das Herrenhaus in Neudöbern (Gemeinde Luckaitztal) ist nicht mehr zu retten. Immer mehr einbrechende Wände verbieten ein Betreten des Objektes.
Das Herrenhaus in Neudöbern (Gemeinde Luckaitztal) ist nicht mehr zu retten. Immer mehr einbrechende Wände verbieten ein Betreten des Objektes. FOTO: Uwe Hegewald
Historischen Gebäuden im Oberspreewald-Lausitz-Kreis droht eine neue Stufe des Verfalls.

Nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und bewusst herbeigeführten Sprengungen von Schlössern und Gutshäusern zur Gewinnung von Baumaterial, ist über einzelne historische Gebäude im Landkreis Oberspreewald-Lausitz eine dritte Stufe des Zerfalls hereingebrochen. So etwa beim Herrenhaus in Neudöbern (Gemeinde Luckaitztal), das wohl nicht mehr gerettet werden kann. Die RUNDSCHAU sprach über Gründe mit Heiko Förster, der sich im Rahmen einer Masterarbeit mit den dortigen Gegebenheiten auseinandergesetzt hat.

Herr Förster, in Ihrer Masterarbeit haben Sie das Herrenhaus Neudöbern (Amt Altdöbern) zum Thema gemacht. Das Gebäude ist einsturzgefährdet und dürfte wohl kaum noch zu retten sein. Warum fiel Ihre Wahl ausgerechnet auf dieses Gebäude?

Förster Genau aus diesem Grund. Von Kindesbeinen an bin ich unterwegs, um Burgen und Schlösser zu besichtigen. Eines meiner Lieblingsschlösser ist das benachbarte Schloss in Altdöbern. Allerdings fehlten auf meiner Liste immer noch die „kleinen“ Güter in der Umgebung. Ich fuhr schon das eine oder andere Mal durch Neudöbern und wusste von der Existenz eines Herrenhauses. Im Archiv der Lausitzer Rundschau stieß ich auf Berichte zum drohenden Verfall des Objekts und Fotos mit Rissen in der Fassade.

Können Sie ihre Eindrücke vom ersten Besuch vor Ort schildern?

Förster Ich war erschüttert über den Zustand. Die auf den Bildern von 2010 noch mit Rissen versehene Nordwestecke hatte sich komplett vom restlichen Bau gelöst. Auf der Rückseite des Herrenhauses klafften an beiden Ecken riesige Risse; vereinzelte Fenster hatten sich schon gelöst. Wie mir das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum (BLDAM) bestätigt, würde sich das Haus aufgrund der fehlenden finanziellen Mittel von Eigentümer und Land nicht mehr retten lassen.

Trotz alledem verfolgten Sie das Ziel, sich mit dem Objekt in einer Masterarbeit auseinanderzusetzen.

Förster In meiner Masterarbeit wurde der Bau dokumentiert, die Nutzungsgeschichte zusammengefasst und das Gebäude in den Kontext anderer Herrenhäuser in der Niederlausitz gestellt. Für den Tag, wenn das Baudenkmal nicht mehr visuell erlebbar ist. Es war mir eine Herzenssache.

Was hat Sie mehr gefesselt: die Geschichte um das Gebäude oder die Architektur? Schließlich soll das Herrenhaus auf einem Eichenrost/Eichenpfählen errichtet worden sein, wie auch das Altdöberner Schloss, das inzwischen jedoch ein solides Fundament erhalten hat.

Förster Ich glaube, das Spannende war die Entwicklung, die das Gebäude genommen hat, inkl. des mittelalterlichen Bauplatzes. Bei der Auseinandersetzung mit den schriftlichen Quellen und Literaturhinweisen, Befunden des Gebäudes und dem Vergleich mit anderen Herrenhäusern aus dem Barock habe ich viel über die Wechselwirkungen in der Region erfahren und sehe nun die Niederlausitz nach dem Dreißigjährigen Krieg in einem neuen Licht. Aber zurück zum Fundament. Tatsächlich kann dieselbe Gründungsart wie beim Schloss Altdöbern angenommen werden, da beide Anlagen in einem feuchten Umfeld zur ähnlichen Zeit errichtet wurden. Die Erfahrungen aus dem etwas früher gebauten Schloss in Altdöbern dürften in Neudöbern hilfreich gewesen sein, und die Gründung auf Eichenpfählen kommt lange Zeit vorher und nachher zum Einsatz.

Wäre die Altdöberner Lösung auch für Neudöbern umsetzbar und finanzierbar gewesen?

Förster Finanziell dürfte das aufwendige Verfahren zur Neuunterfangung für Privatpersonen nicht leistbar sein. Allein ein Gurtsystem zum Zusammenhalten von Fassadenteilen hätte 2010 rund 300 000 Euro gekostet, und ich meine mich zu erinnern, dass für die Beton-Fundamente in Altdöbern mehr als zwei Millionen Euro aufgewendet wurden. Das konnte dort nur dank der Stiftung Denkmalschutz und der Brandenburgischen Schlösser GmbH umgesetzt werden. Das Herrenhaus in Neudöbern hat - leider - nicht die historische Bedeutung wie das benachbarte Schloss, so dass öffentliche Fördermittel nur schwer einzuwerben sind.

Was haben Sie in Sachen Standortwahl des Bauwerks in Erfahrung bringen können?

Förster Erbauer Florian Gottlieb von Thielau nutzte den Standort der mittelalterlichen Burg auf der vom Graben umgebenen Insel südlich des Ortskerns. In Neudöbern stand sicher bis zum Dreißigjährigen Krieg eine typische Wallburg, die den Ort und die Güter kontrollierte. Insofern übernahm Thielau die Lage, um seinen Herrschaftsanspruch zu festigen. Er und sein Bruder waren erst kurze Zeit vorher vom heutigen Schlesien an den sächsischen Hof gekommen und hatten Karriere gemacht. Während der ältere Hans Gottlieb in der Nähe von Dresden ein großes Schloss - ebenfalls auf einer kleinen Insel - errichtete, erhielt der jüngere Bruder sein Lehen in der sandigen Niederlausitz.

Um den Bau ranken sich spannende Geschichten. So soll Thielau das Herrenhaus von seiner „Leibcompanie“ errichtet haben. Grund war das Quittieren der Dienste für Kurfürst Friedrich August I. (der Starke) aufgrund seines Wechsels zur katholischen Kirche (1697), um König von Polen zu werden. Können Sie das bestätigen?

Förster Den Sammlungen des Verlegers und Buchhändlers Alexander Duncker (1813-1897) ist zu entnehmen, dass sein Regiment bei den Urbarmachungen und beim Bau des Herrenhauses beteiligt war. Bei meiner Recherche konnte ich feststellen, dass Florian Gottlob sicher seine Ideen vom Bau seines Bruders in Lampertswalde (bei Oschatz, mittlerweile abgerissen) ableitete, jedoch in seinen Möglichkeiten begrenzt war. Es war bei seiner Erbauung ein Parade-Beispiel, wie der sächsische Barock auf dem Land übernommen wurde. Später, zwischen 1850 und 1900 wurden kleinere Veränderungen vorgenommen, wie Dachöffnungen, Wintergarten und schließlich der Anbau im Westen. Im Inneren wurden in der Zeit neue Türen und Wandverkleidungen aus Holz eingebaut sowie wahrscheinlich das 2. Obergeschoss eingezogen. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten die Räume zum Teil neue Fenster, und zur Nutzung als Wohnungen wurden die Grundrisse leicht verändert.

Bis Ende des Zweiten Weltkrieges bewohnte Familie Pourtalés das Herrenhaus, deren Nachkomme in Schleswig-Holstein lebt. Gab es Ihrerseits eine Kontaktaufnahme und konnte Graf Wilhelm von Pourtalés mit weiteren, wissenswerten Informationen dienen?

Förster Tatsächlich besuchte ich Graf Wilhelm von Pourtalés in Stawedder in der Hoffnung, noch Informationen und historische Dokumente und Fotos zu finden. Und ich wurde nicht enttäuscht. Er empfing mich herzlich, lud mich zu einem gemeinsamen Mittagessen und frischen Erdbeeren ein und erzählte mir über seine Erlebnisse vor seinem Wegzug aus Neudöbern. Darüber hinaus über seine Bemühungen, die Gemälde und Stiche, die im Herrenhaus gelassen wurden, zurückzuerhalten. So hängt nun in seinem Wohnzimmer das Gemälde von Florian Gottlob von Thielau, dem Begründer der Linie Neudöbern. Die Geschichten aus der Familie brachten Licht in das Dunkel, wie etwa um die Säule in der Küche und die Raumaufteilung in der östlichen Gebäudeseite. Außerdem hat Graf Wilhelm noch alte Fotos vom Herrenhaus, die für den baulichen Vergleich sehr hilfreich waren.

Mit Heiko Förster sprach
Uwe Hegewald

Herrenhäuser wie Grabsteine – auch das Herrenhaus von Leeskow (Gemeinde Neu-Seeland) ist dem Verfall preisgegeben.
Herrenhäuser wie Grabsteine – auch das Herrenhaus von Leeskow (Gemeinde Neu-Seeland) ist dem Verfall preisgegeben. FOTO: Uwe Hhegewald / Uwe Hegewald
Der in Cottbus geborene und in Senftenberg aufgewachsene Heiko Förster lebt heute in Berlin und ist Mitarbeiter des Auswärtigen Amts. Seine Reisen führten ihn u.a. schon nach Äthopien oder nach Marokko, wo er einem Intarsien-Handwerker über die Schulter blickte.
Der in Cottbus geborene und in Senftenberg aufgewachsene Heiko Förster lebt heute in Berlin und ist Mitarbeiter des Auswärtigen Amts. Seine Reisen führten ihn u.a. schon nach Äthopien oder nach Marokko, wo er einem Intarsien-Handwerker über die Schulter blickte. FOTO: Uwe Hegewald
Der in Cottbus geborene und in Senftenberg aufgewachsene Heiko Förster lebt heute in Berlin und ist Mitarbeiter des Auswärtigen Amts. Seine Reisen führten ihn u.a. schon nach Äthopien oder nach Marokko, wo er einem Intarsien-Handwerker über die Schulter blickte.
Der in Cottbus geborene und in Senftenberg aufgewachsene Heiko Förster lebt heute in Berlin und ist Mitarbeiter des Auswärtigen Amts. Seine Reisen führten ihn u.a. schon nach Äthopien oder nach Marokko, wo er einem Intarsien-Handwerker über die Schulter blickte. FOTO: Uwe Hegewald
Zu seinen Hobbys zählt das Graben und Stöbern in Geschichte. Im Sommer dieses Jahres nutzte er ein paar Urlaubstage, um als ehrenamtlicher Helfer an einer Grabung in Kuckenburg (bei Querfurt) mitzuwirken
Zu seinen Hobbys zählt das Graben und Stöbern in Geschichte. Im Sommer dieses Jahres nutzte er ein paar Urlaubstage, um als ehrenamtlicher Helfer an einer Grabung in Kuckenburg (bei Querfurt) mitzuwirken FOTO: Uwe Hegewald