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| 14:56 Uhr

Herrenhaus Groß Jehser
Frauen behaupten ihren Platz

Prof. Thomas Naumann belegt seine Thesen mit Beispielen aus den verschiedenen Kunstbereichen und -epochen.
Prof. Thomas Naumann belegt seine Thesen mit Beispielen aus den verschiedenen Kunstbereichen und -epochen. FOTO: Ingrid Hoberg / LR
Groß Jehser. Zu allen Zeiten haben sie Geschichte geschrieben: Das belegt Thomas Naumann mit dem Vortrag „Heldinnen der Bibel“, musikalisch unterstützt von Almut Kühne und Christian Steyer. Von Ingrid Hoberg

„Heldinnen der Bibel“ - dieses Thema hat sich Prof. Thomas Naumann für den Monat März vorgenommen. Ob ihn nun der Frauentag inspirierte oder nicht - dem Physiker, der nicht nur den Spuren von Elementarteilchen im All, sondern auch gern den literarischen Spuren der Menschheit auf dem Planet Erde folgt, ist wieder ein Bildungs-Coup gelungen. Am Kamin im Salon des Herrenhauses Groß Jehser sprach er schon über Brecht und die Bibel, verglich Lieder und Texte von Francois Villon und Bertolt Brecht. Die Zuhörer gingen in jedem Fall mit großem Kenntnisgewinn nach Hause.

In der Bibel, einem unerschöpflichen Quell von Geschichten, gibt es mehrere Bücher im Alten Testament, die Frauen gewidmet sind. „Viele Frauen der Bibel handeln mutig und unabhängig. Sie verstehen sich als Werkzeug Gottes“, sagt Thomas Naumann. Das werde heute oft vergessen. Um ihr Volk zu retten, greifen Judith, Esther, Rahab, Deborah, Jael und die anderen, deren Geschichten im Alten Testament überliefert sind, zu ihren Waffen, die da sind: Sex und Erotik, List, Mord und Gewalt in einer Welt voller Gewalt, aber auch Klugheit. Es sind überlieferte Geschichten aus der Frühzeit der menschlichen Gesellschaft.

Wie auch in den vorangegangenen Vorträgen versteht es Prof. Naumann, unerwartete Wendungen in den Geschichten und Verknüpfungen zur künstlerischen Rezeption in den Jahrhunderten nachzuweisen. So zeigt er am Beispiel, wie Gustav Klimt die Darstellung seiner Muse mit der Geschichte der Judith verknüpft. Klimt, ein Protagonist der Wiener Moderne, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 100. Mal jährt, zeigt Adele Bloch-Bauer 1901 in voller Gold-Pracht. Der abgeschlagene Kopf des Holofernes ist nur bei genauer Betrachtung des Bildes am unteren Rand zu entdecken. Aus dem Buch Judith zitiert Prof. Naumann: „Sie hatte eine schöne Gestalt und ein blühendes Aussehen. Ihr Gatte Manasse hatte ihr Gold und Silber, Knechte und Mägde, Vieh und Felder hinterlassen, die sei in ihrem Besitz hielt. Niemand konnte ihr Böses nachsagen, denn sie war gottesfürchtig.“  In der Hochrenaissance zeigte Giorgione „Judith mit dem Kopf von Holofernes“ (1504). Das religiöse Gemälde hängt in der Eremitage. Auch Lucas Cranach d. Ä. stellt Judith mit dem abgetrennten Kopf des Kriegsherrn dar. Komponisten ließen sich von der Judith-Geschichte inspirieren. So schuf Antonio Vivaldi das Oratorium „Juditha triumphans“ (1716) in Venedig. „Gott, in Deinem Namen, haue ich ihm den Nacken durch“, zitiert Naumann. Er beschönigt die Taten der Frauen nicht, stellt sie aber auch in den Kontext ihrer Zeit.

Den Kontrast zu diesem Vortrag in Bild und Ton setzen die Sängerin Almut Kühne (Sopran) und der Schauspieler Christian Steyer, diesmal am Flügel. Beide arbeiten in anderen Projekten zusammen, beispielsweise im Berliner Solistenchor, und sind Meister der Improvisation. Tief aus dem Innern holt Almut Kühne berauschende Töne, eine Seele schwebt durch den Raum. Die Zuhörer möchten am liebsten den Atem anhalten. Das Piano nimmt diese Schwingungen auf.

Diese Improvisationen nehmen dem Stoff des Vortrags seine Schärfe. Auch wenn Prof. Naumann immer wieder auf die künstlerische Widerspieglung eingeht, verweist er auch auf die politischen Folgen der damaligen Kämpfe bis in die heutige Zeit. Was seinen Vater Friedrich Wolf bewogen hatte, sich Anfang der 1920er Jahre mit Tamar zu beschäftigen, die ihr Schicksal in die eigene Hand nahm, ist im Nachhinein nicht unbedingt erklärlich. Das Drama wurde am 20. Februar 1922 am Frankfurter Schauspielhaus uraufgeführt. Ihr Streben nach Unabhängigkeit passt zum Vortragsthema in der Nähe des Frauentags.

Am 14. April, 16 Uhr, gibt es eine Lesung aus dem Buch von Siegfried Kühn „Die Erdorgel oder Wunderbare abgründige Welt“. Unterstützt wird die Lesung von Schauspieler und Musiker Christian Steyer.

Im Herrenhaus Groß Jehser hat Prof. Thomas Naumann (l.) einen Vortrag zum Thema „Heldinnen der Bibel“ gehalten. Die Sängerin Almut Kühne und der Schauspieler und Musiker Christian Steyer improvisierten dazu.
Im Herrenhaus Groß Jehser hat Prof. Thomas Naumann (l.) einen Vortrag zum Thema „Heldinnen der Bibel“ gehalten. Die Sängerin Almut Kühne und der Schauspieler und Musiker Christian Steyer improvisierten dazu. FOTO: Ingrid Hoberg / LR