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Heimliche Fotos aus der Hüfte: Das Grau(en) der Mauer im Hinterland

Detlef Matthes' großformatige Schwarz-Weiß-Fotos sind in den Fluren des Rathauses in Lübbenau zu sehen.
Detlef Matthes' großformatige Schwarz-Weiß-Fotos sind in den Fluren des Rathauses in Lübbenau zu sehen. FOTO: Jan Gloßmann
Lübbenau. Dass er der Stasi mal gewissermaßen zu Dank verpflichtet sein würde, hat Detlef Matthes nicht geahnt, als er in den 1990er Jahre seine Akten durchsah. Vier Leitz-Ordner voll mit Berichten, Einschätzungen, Vernehmungsprotokollen und – Fotos. Jan Gloßmann

Diese Bilder hatte Matthes Mitte der 1980er Jahre in Berlin gemacht. 179 Aufnahmen und 35 Negativ-Filme hat die Stasi später bei ihm gefunden. Dank der Sammelwut der Spitzel haben sie überdauert und können heute gezeigt werden - teils beklemmende, teils Kopfschütteln auslösende Dokumente einer Abschottung, die viele damals als gegeben hingenommen haben.

"Ich wollte in die Stadt, nach Berlin", erzählt der in Biesenthal aufgewachsene gelernte Instandhaltungsmechaniker über seine Jugend. Dass er in der DDR Verbotenes tat, als er die Mauer - vor allem die im Hinterland - fotografierte, ahnte er erst später. 1987 geriet er bei Unruhen rund um das Berlin-Jubiläum und Rock-Konzerte in die Fänge der Stasi. "Zur Klärung eins Sachverhaltes" ging es für sechs Wochen in die U-Haft nach Hohenschönhausen. Bei einer Hausdurchsuchung fanden die Spitzel die Fotos. Matthes hatte Glück: Erich Honecker reiste im September 1987 nach Bonn; vorher gab es eine Amnestie. Matthes kam raus, stellte einen Ausreiseantrag und konnte 1988 ausreisen. Die Fotos, so Lübbenaus Bürgermeister Helmut Wenzel, erzählten "von der Sehnsucht eines jungen Mannes nach Freiheit". Matthes bietet heute in Berlin Touren an zu den Orten, an denen er einst aus S- oder Straßenbahn oder eben aus der Hüfte heraus fotografierte. Er will, dass die Mauer nicht aus dem Gedächtnis verschwindet. "Die Pflastersteine, die heute in den Wegen liegen, zeigen nicht das Grenzsystem. An der Hinterlandmauer begann der Todesstreifen."

Und er will erinnern, dass es anderswo auf der Welt wieder Mauern gibt.