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| 02:50 Uhr

Göritz – gebeutelt und dennoch liebenswert

Bei dem alljährlichen Frühjahrsputz in Göritz packen viele Hände mit an, um die öffentlichen Flächen zu säubern.
Bei dem alljährlichen Frühjahrsputz in Göritz packen viele Hände mit an, um die öffentlichen Flächen zu säubern. FOTO: Peter Becker
Göritz. Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und Ortsteilen leben. Doch wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Die Station heute: Göritz. Peter Becker

Die knapp 200 Einwohner erweisen sich täglich als leidensfähig: Die Autobahn 15 durchschneidet das Dorf. Der Lärm ist allgegenwärtig, trotz der Schutzwand. "Im Sommer mal so im Garten liegen, geht nicht. Da bleibt nur die Wohnstube mit ihren schallgedämmten Fenstern", berichtet Anita Kullick. Sie arbeitet mit Anita Kischka im Ortsbeirat, dem Horst Welzk vorsteht.

Doch damit nicht genug: Parallel zur Autobahn durchschneidet die Landesstraße 49 den Vetschauer Ortsteil. Und da gibt es noch die Bahnstrecke, über die besonders nachts die Güterzüge rumpeln. Fast gäbe es am anderen Ortsende noch eine Bahnstrecke. Wäre die Kohleförderung nicht Anfang der 90er-Jahre eingestellt worden, würden vermutlich heute noch Kohlezüge im Stundentakt durch den Ort fahren.

Eine Müllkippe gab es auch. "Dort ist es jetzt wesentlich ruhiger, die ist saniert und stellt für uns keine Belastung dar", berichtet Waltraud Lewandowski. "Dafür sind zahlreiche Fahrten der Landwirtschaftsfahrzeuge durch den Ort hinzugekommen", sagt die Vorsitzende des Vereins zur Förderung des Heimatgedankens. Mit seinen 38 Mitgliedern bringt sich der Verein ins Dorfleben ein. Wenn auch die Lebensumstände in Göritz nicht gerade ideal sind, versuchen die Bewohner das Beste daraus zu machen.

Oft sind es die von den Eltern geerbten Grundstücke, die die Bewohner an das Dorf binden. Doch auch so mancher Neubau ist entstanden - ein Zeichen, dass es sich durchaus, wenn auch mit Einschränkungen, gut wohnen lässt.

Der rührige Verein organisiert die Traditionsfeste, wie das Kinder- und Erwachsenenzampern. Besonders Andrea Lewandowski und Kathi Sawinsky kümmern sich um die kleinen Zamperer. Der Heimatverein, wie er kurz genannt wird, organisiert Frühjahrs- und Herbstputzaktionen, kümmert sich um die Senioren und organisiert Dorfausflüge. Die Feuerwehr richtet das jährliche Osterfeuer aus. Besonders stolz sind die Göritzer auf ihr drei Jahre junges Gemeindehaus, in dem Feuerwehr und Verein ebenso Platz gefunden haben wie das Büro des Ortsbeirates. Ortsvorsteher Horst Welzk: "Wenn nun noch die Zufahrt, die eher einer Schanze gleicht, in Ordnung gebracht würde, könnten wir zufrieden sein. Das Vordach für das Gebäude sponsert uns Holger Neumann von der Firma MNM."

Horst Welzk ist zufrieden mit dem Dorfleben, weil es viele rührige Menschen gibt. So kümmerte sich Manfred Heinrich viele Jahre um Sauberkeit und Ordnung auf der Dorfaue mit der Schulbushaltestelle. Nadine Lewandowski hält den Friedhofsrasen kurz. Heinz Peschang kümmert sich um Obstbaumersatzpflanzungen. "Auch das Gelände der Göritzer Agrar GmbH macht einen sehr gepflegten Eindruck. Besonders gut kommt dort der neue Kinderspielplatz an", sagt der Ortsvorsteher.

Unzufrieden ist er mit dem Schandfleck Nummer 1, wie er es nennt. Die ehemalige Gaststätte ist seit 2014 verkauft. Der Eigentümer wollte darin eine Musikschule etablieren. "Doch nichts tut sich, die Birken wachsen schon aus dem Dach heraus, die Ziegel bröckeln, es gibt keine Absperrung. Langsam wird das Gebäude eine Gefahr", ärgert er sich. Vom Eigentümer selbst war auf Nachfrage der RUNDSCHAU keine Antwort zu bekommen.

"Auch die Zusammenarbeit mit der Stadt könnte besser sein", ergänzt der Ortsvorsteher. Die Laubhaufen der Herbstaktion sind immer noch nicht vollständig abgefahren worden, der Baumschnitt erfolgte nur oberflächlich und die Friedhofshalle habe nach wie vor keinen Stromanschluss, die Stühle sind alt, "aber wir zahlen für die Halle die gleichen Gebühren an die Stadt, wie andere auch, die wesentlich besser ausgestattet sind", so Horst Welzk. Vetschaus Stadtoberhaupt Bengt Kanzler (parteilos) verspricht Abhilfe.

"Die Bauaufsichtsbehörde des Landkreises ist wegen der ehemaligen Gaststätte bereits informiert. Diese muss nun prüfen, ob nach dem Bauordnungsrecht gehandelt wird. Alle anderen Probleme sind durchaus lösbar und werden Schritt für Schritt abgearbeitet", so der Bürgermeister. Die Zufahrt werde dieses Jahr angepasst.

Zum Thema:
Der Name Göritz geht wahrscheinlich auf die sorbische Bezeichnung "gorica" zurück, was so viel wie "kleiner Berg" bedeutet. Erwähnt wurde die Siedlung erstmalig 1452 als Rittersitz "Goricz". An der nördlichen Grenze des Ortes wurde durch das Göritzer Mühlenfließ eine Wassermühle betrieben. Aus der einstigen LPG hat sich in den 1990er-Jahren die Göritzer Agrar-GmbH & Co. KG entwickelt. Sie hat sich auf die Produktion spreewaldtypischer Gemüsesorten wie Gurken, Einleger, Kohl und anderes spezialisiert. Die Genossenschaft betreibt einen Hofladen und eine Bauernküche. Weitere Gewerbebetriebe in Göritz sind Autohändler, Werkstätten sowie die Hoch- und Tiefbau GmbH (MNM). Die Versorgung der Einwohner mit Lebensmitteln erfolgt durch mobile Einrichtungen.