Von Daniel Preikschat

Der Tagesgruppen-Rap tönt durch die zweite Etage des Hauses im Lindenweg 9. „Es läuft nicht immer alles glatt / Ob Schule, Familie / Doch wichtig, dass man Rückhalt hat (...)“. Diesen Rückhalt finden Kinder aus Familien in Lübbenau, Vetschau und Calau in der Einrichtung der Diakonisches Werk Lübben gGmbH in Lübbenau seit nun schon 20 Jahren. Weshalb am Dienstag mit Freunden und Unterstützern zu Recht gefeiert werden durfte. Dieser Dienstag war zugleich ein Tag der offenen Tür in der Einrichtung. Leiterin Renate Zaddach und ihre fünf Kolleginnen führten die Gäste durch die Einrichtung und erklärten ihre Arbeit.

Mit einer Betriebserlaubnis für zehn Kinder startete das Team vor 20 Jahren, damals noch in der Straße der Einheit. Im Lindenweg, erzählte Leiterin Renate Zaddach, dürfe man seit 2018 nun sogar 16 Kinder aufnehmen, sodass man innerhalb der Tagesgruppe eine zweite Gruppe aufmachen konnte. Landkreisweit gebe es damit vier Tagesgruppen: die beiden in Lübbenau sowie je eine in Lauchhammer und Senftenberg. Offenbar reicht das aber immer noch nicht. Laut Renate Zaddach stehen in Lübbenau fünf Kinder auf der Warteliste. Der Bedarf für die Hilfeleistung werde größer, bestätigte auch ein Vertreter des Jugendamtes. Augenscheinlich bekämen immer mehr Kinder von ihren Eltern zu wenig Zuwendung. Man verbringe gemeinsam zu wenig Zeit. Ein verändertes Freizeitverhalten, aber auch Drogen- und Alkoholkonsum seien Gründe hierfür.

Von ihren 16 Schützlingen im Lindenweg kämen derzeit zwölf aus Lübbenau und je zwei aus Vetschau und Calau, so Renate Zaddach. Sie und ihren fünf Erziehern stehen zwei Räume für die Einzelförderung der sechs- bis 14-jährigen Kinder zur Verfügung, vier Gruppenräume, ein Speisezimmer und zwei kleinere Erzieherzimmer. Eine Hauswirtschafterin macht das Team komplett. Bis zu zwei Jahre können die Jungen und Mädchen in der Einrichtung verbleiben – und lernen vor allem: Empathie und Kompromissfähigkeit. Darauf sei die gesamte Unterstützung ausgerichtet, erklärt Renate Zaddach. Im Lindenweg werden den Kindern dafür zunächst elementare Verhaltensregeln vermittelt. Beim Mittagessen geht es schon los. Es wird mit Besteck gegessen, vorher sich die Hände gewaschen, es kommt alles auf den Teller und nachher putzt jeder seinen Platz ab. Der weitere Tagesablauf ist bis 18 Uhr durchgeplant. Dabei begleitet eine Erzieherin jeweils ihre feste Gruppe mit vier Kindern. Parallel werden sie auch einzeln gefördert. Renate Zaddach: „Die Stärken der Kinder sollen entwickelt werden. Es geht nicht vordringlich darum, ihre schulischen Leistungen zu verbessern.“ In kleinen Schritten soll es vorangehen. Für jedes Kind werden Wochenziele vereinbart. Ziel kann beispielsweise einfach nur sein, andere ausreden zu lassen. Jede Woche wechselt in der Gruppe außerdem der Gruppensprecher, was ebenfalls motiviere.

Wichtig sei aber auch, mal rauszukommen aus Lübbenau und ganz andere Eindrücke zu bekommen, so die Einrichtungsleiterin. Dank der drei Fahrzeuge, die der Tagesgruppe zur Verfügung stehen, unternimmt man regelmäßig Ausflüge, in den Tierpark zum Beispiel oder nach Berlin. Im Sommer wird ein mehrtägiger Ausflug unternommen. „Viele Kinder waren noch nie an der Ostsee“, so die Pädagogin.

Entscheidend ist das Einvernehmen mit den Eltern. Ziehen sie nicht mit, funktioniert das Ganze nicht, so die gelernte Erzieherin, die 30 Jahre in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Lübben gearbeitet hat, bevor sie vor zehn Jahren Leiterin der Lübbenauer Tagesgruppe wurde. Die Eltern müssen das Hilfsangebot auch wollen, es selbst beim Jugendamt des Landkreises beantragen. Sie müssen sich ferner bereit erklären, ein Mal im Monat mit den Erziehern des Diakonischen Werks einen Familiennachmittag mitzugestalten. Passiert das nicht regelmäßig oder kommt das Kind wiederholt nach der Schule nicht in die Einrichtung, wird die helfende Hand zurückgezogen. Allerdings: „In den zehn Jahren, in denen ich hier arbeite, ist das erst fünfmal geschehen“, sagt Renate Zaddach. Was dann aus den Kindern wurde? „Sie mussten ins Heim.“ Insgesamt aber habe man mit 133 Kindern, denen in 20 Jahren geholfen werden konnte, „Erfolgsgeschichte“ geschrieben.