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| 02:59 Uhr

"Etwas Besseres konnte mir nicht passieren"

Karin und Jürgen Völpel haben vor zehn Jahren zu zweit angefangen. Heute können sie sich noch zwei Angestellte leisten.
Karin und Jürgen Völpel haben vor zehn Jahren zu zweit angefangen. Heute können sie sich noch zwei Angestellte leisten. FOTO: Krömer/Völpel
Calau. Die RUNDSCHAU hat vor zehn Jahren drei Frauen begleitet, die mit der Ich-AG aus der Arbeitslosigkeit in die Selbstständigkeit gegangen sind. Gitta Bäde aus Kemmen, die Säritzerin Karin Völpel und Ramona Kernke aus Vetschau stehen nach wie vor auf eigenen Füßen. Alle auf ihre Weise. Was sie eint: Sie würden es wieder tun. Jan Augustin

Gitta Bäde aus Kemmen sitzt im gläsernen Vorraum ihres Hauses und berät gerade ein junges Pärchen mit Baby. Bei der anstehenden Hochzeit sollen Tauben in den Himmel steigen und den romantischen Tag abrunden. Ihr Mann Wolfgang wird sich dabei als Schornsteinfeger verkleiden und eine festliche Rede halten. "Hochzeitstauben Service Bäde" heißt das Angebot. Die Bädes haben sich vor sieben Jahren ein zweites Standbein aufgebaut.

Das Hauptgeschäft von Gitta Bäde ist aber ihre Heimtierpension. Zwölf bis 15 Katzen kann sie aufnehmen. Die Übernachtung kostet sechs bis acht Euro - alles inklusive. Sauber machen, Füttern, Spielen und Streicheln gehören zum Paket. Im Premiumzimmer liegt sogar ein Teppich, mehr Kratzbäume gibt es hier auch. "Die Qualität ist heute eine andere." Gitta Bäde gründete ihre Pension vor zehn Jahren als sogenannte Ich-AG. Die Arbeitsagentur unterstützte damals Arbeitslosengeld-II-Empfänger in den ersten drei Jahren mit einem monatlichen Zuschuss von 600 Euro im ersten, mit 360 Euro im zweiten und mit 240 Euro im dritten Jahr.

Große Sprünge konnte Gitta Bäde damit nicht machen. Von der Gewinnzone war sie weit entfernt. Heute läuft das Geschäft zwar "sehr gut." Allein davon leben, könne sie aber nicht. "Wenn ich meinen Mann nicht hätte, würde es nicht gehen." Dennoch - für die Kemmerin sind die vergangenen zehn Jahre eine Erfolgsgeschichte. Und sie würde es jederzeit wieder wagen. "Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Etwas Besseres konnte mir nicht passieren", sagt die 54-Jährige.

Mit "Werbeservice und Dienstleistungen rund ums Haus" starteten Karin und Jürgen Völpel aus Säritz vor zehn Jahren in die Selbstständigkeit. Dahinter stand der Gedanke, ihre und die Fähigkeiten ihres Mannes zu verknüpfen. Er als Dachdecker und sie als gelernte Bürokauffrau und Multimedia-Assistentin. Das Konzept ging auf, wenn auch heute unter anderem Namen. "Völpel Dienstleistungen, Dach, Haus, Garten" heiß das Unternehmen nun. Mittlerweile sind sie zu viert. Neben ihrem Mann hat Karin Völpel noch zwei weitere Angestellte. Das Angebot reicht von Dacharbeiten, Klempnerleistungen bis hin zum Verkauf und Beratung. Karin Völpel geht auch in fremden Wohnungen sauber machen. "Was machbar ist, ist machbar", sagt sie.

Auch eine Erfolgsgeschichte? "Eigentlich ja", sagt die 43-Jährige. Zweifel bleiben aber, und Angst. Karin Völpel hatte 2005 eine Hirnblutung. Nach zwei Stunden Arbeit muss sie eine Pause machen. Mann Jürgen stürzte vor zwölf Jahren vom Dach. Ein Fixateur hält seine gebrochene Wirbelsäule zusammen. "Durch die Krankheit merkt man, wie wertvoll das Leben ist", sagt Karin. Jürgen hat Angst um die Gesundheit: "Wie lange geht das noch?", fragt er sich.

Die Völpels sind "im Großen und Ganzen" zufrieden. Den Schritt in die Selbstständigkeit bereuen sie jedenfalls nicht. Und ihr damals gestecktes Ziel sei auch erreicht. Irgendwann einmal soll der Sohn die Firma übernehmen.

Ramona Kernke - die dritte Frau, die die RUNDSCHAU schon vor zehn Jahren aufsuchte - musste ihren Geschenkeladen in Vetschau drei Jahre nach der Öffnung wieder schließen. Der Markt für Schmuck und Parfüm war ausgereizt, außerdem begannen die Bauarbeiten am Markt. Kunden blieben aus. Seitdem ist sie Verkäuferin in einem Matratzengeschäft in Cottbus, und zufrieden. Sie ist dort gewissermaßen ihr eigener Chef, kauft das Sortiment selbst ein, entscheidet. Aus den Erfahrungen der Ich-AG habe sie viel gelernt. "Ich würde es jederzeit wieder machen."

Zum Thema:
In den Landkreisen Oberspreewald-Lausitz und Dahme-Spreewald sind in der Zeit von 2003 bis 2006 insgesamt 2641 Ich-AG's genehmigt worden (OSL: 910, LDS: 1731). Ein gutes Viertel aller Existenzgründer wurde sechs Monate nach Beendigung der Förderung wieder arbeitslos. Das Konzept der Ich-AG trat am 1. Januar 2003 in Kraft. Seit 1. Juli 2006 wird der Zuschuss nur noch gezahlt, wenn der Anspruch auf Förderung vor diesem Tag bestanden hat. Die Maßnahme wurde durch den Gründungszuschuss abgelöst - dieser kann von Arbeitslosengeld-I-Empfängern seit dem 1. August 2006 beantragt werden. Empfänger von Arbeitslosengeld II können das Einstiegsgeld beantragen.