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| 01:28 Uhr

Ernestine Barth verließ als letzte Einwohnerin Tornow

Ein Erinnerungsfoto zum Abschluss des Treffens von mehr als hundert ehemaligen Tornowern und ihren Familienangehörigen durfte nicht fehlen.
Ein Erinnerungsfoto zum Abschluss des Treffens von mehr als hundert ehemaligen Tornowern und ihren Familienangehörigen durfte nicht fehlen. FOTO: Bernd Marx
Mehr als Hundert ehemalige Einwohner von Tornow, ihre Familienangehörigen und Freunde haben sich im Kittlitzer Gasthaus Schmidt getroffen, um in gemütlicher Runde an Vergangenes zu erinnern, Gegenwärtiges auszuwerten und Zukünftiges zu planen. Im Mittelpunkt des Treffens standen die Wiedersehensfreude und gesellige Gesprächsrunden. Mit einem Gedenkgottesdienst wurde an die Abbaggerung des Ortes vor 40 Jahren erinnert. Von Bernd Marx

"So ein Treffen ist immer eine Spurensuche nach der eigenen Familiengeschichte", erklärte der 15-jährige Lars Kutzer, der Tornow nur vom Hörensagen kennt. "Als letztes Kind wurde Heiko Tschammer in Tornow geboren und getauft", erzählte Manuela Müller (49) aus Drebkau. "Und im selben Jahr waren wir die letzten Konfirmanden im Ort", ergänzte Evelyne Plonka (56) aus Zerkwitz. "Meine Großmutter Ernestine Barth verließ als letzte Einwohnerin im April 1968 Tornow, als schon die Bagger fast vor ihrer Tür standen", erinnerte sich ihr Enkel Werner Barth aus Zerkwitz.
Der Ablauf des Treffens der ehemaligen Tornower hätte um den Tagesordnungspunkt "Wiedersehensfreude" erweitert werden können. Immer wieder gab es ein freundliches "Hallo" und herzliche Umarmungen der mehr als hundert angereisten Teilnehmer.
"Seit 1977 treffen wir uns regelmäßig und halten den Gemeinschaftsgeist aufrecht", erklärte Siegfried Rommeck (79), der zu den Organisatoren zählt. Gemeinsam mit Helga (73) und Rudolf Latarius (72), Fred Blümke (63), Werner Barth (62), Ingrid Kurzweil (59) und Hartmut Beyer bildet der ehemalige Tornower Lehrer das Vorbereitungskomitee der alle zwei Jahre stattfindenen Treffen.
"Ich kann mich noch gut an die vielen vergnüglichen Dorffeste erinnern, als wäre es erst gestern gewesen", erklärte Ida Heeger (86) aus Lübbenau, als sie im Saal Platz nahm. Immerhin 450 Kilometer musste Heinrich Jentsch anreisen, um auch beim Treffen 2008 dabei zu sein. "Ich freue mich schon seit zwei Jahren auf die heutigen Gespräche mit meinen ehemaligen Schulkameraden und Freunden aus dem Dorf", erzählte der 74-Jährige aus Herford.
Als vor 40 Jahren das Dorf mit 364 Einwohnern dem Tagebau Schlabendorf weichen musste, fanden die Einwohner in den Städten Lübbenau, Calau, Vetschau und Luckau sowie in den umliegenden Gemeinden ein neues Zuhause. Ruth Klose, Erika Pohle, Ingrid Kurzweil und Gerhard Schulz sind heute in Boblitz beheimatet. In einem kurzen Abriss schilderte Siegfried Rommeck die Entwicklung des Dorfes von der Gründung des Ortes im Mittelalter bis zur Abbaggerung 1968. So waren die Gedanken der Anwesenden bald bei der ehemaligen Schule und der Kirche, beim Schloss und bei den Gasthäusern, der Brennerei und der Mühle, beim Kaufladen und beim Ehrenmal.
Eine Ausstellung mit mehr als Hundert Fotos präsentierte zusätzlich das ehemalige Dorfleben unweit des kleinen Baches Schrake. Es wurden Momentaufnahmen von Taufen und Einschulungen, Einsegnungen und Kinderfesten, Tanzvergnügen und Fastnachten, Kirchgängen und Weihnachtsfeiern festgehalten.
"Auf den Fotos erkenne ich fast alle ehemaligen Tornower wieder", so Bernd Lehnigk (70) aus Groß Klessow und nannte die Abgelichteten beim Namen. "Das Foto zeigt meine Taufe im Jahr 1957", war sich Christa Teile (51) aus Roggosen sicher. "Eine wunderschöne Ausstellung", fand auch Renate Kurtzer (54) aus Kolkwitz, als sie sich auf den ehemaligen Schulfotos wiederfand.
Strahlender Sonnenschein herrschte, als der Lübbenauer Pfarrer i. R. Joachim Liedtke in bewegenden Worten einen Gedenkgottesdienst auf dem Areal des ehemaligen Dorfes Tornow hielt. Bevor die Versammelten den Rückweg antraten, suchten sie zwischen Kieferschonungen und Waldlichtungen, Kippengelände und Seenflächen noch nach Orientierungspunkten ihres vor 40 Jahren abgebaggerten Dorfes Tornow. Lediglich ein Holzkreuz stand als Markierung für die ehemalige Tornower Kirche auf dem weiten Wiesengrund.

Hintergrund Das ehemalige Dorf
Urkundlich wurde Tornow 1377 als Thornow erwähnt, eine Siedlung in deren Nähe es viele Dornensträucher, altsorbisch ‚torn‘, gab. Im ehemaligen Straßendorf Tornow, etwa neun Kilometer südwestlich von Lübbenau gelegen, konnten ur- und frühgeschichtliche Besiedlungen aus der Bronze- und der Eisenzeit, die Besiedlung durch die Germanen und Slawen sowie Mittelalterliche Dorfbefestigungen nachgewiesen werden. Zu den bedeutendsten Bauwerken im Ort gehörte der slawische Burgwall mit einem Durchmesser von 65 Metern. 1572 lebte Albin Moller in Tornow. Er ist der Verfasser des ersten Gesangbuches, Katechismus und Kalenders in niedersorbischer Sprache.