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| 02:32 Uhr

Eine ganze Region fühlt sich abgehängt

Kein Platz gab es mehr in der Radduscher Kultur- und Sportscheune. Deshalb wurden alle Türen geöffnet, damit auch die Radduscher draußen die teils hitzige Diskussion drinnen mit verfolgen konnten.
Kein Platz gab es mehr in der Radduscher Kultur- und Sportscheune. Deshalb wurden alle Türen geöffnet, damit auch die Radduscher draußen die teils hitzige Diskussion drinnen mit verfolgen konnten. FOTO: Kuschy
Raddusch/Kolkwitz. "Brand bekommt den Vorzug und bei uns brennt es." Damit hat Oberspreewald-Lausitz-Landrat Siegurd Heinze (parteilos) zusammengefasst, was in der Diskussion mit Infrastrukturministerin Kathrin Schneider (parteilos) in Raddusch deutlich wurde. Denn ab Dezember hält der RE 2 in Raddusch, Kolkwitz und Kunersdorf tagsüber nicht mehr. Das bringt eine ganze Region auf die Palme. Hannelore Kuschy

Der RE 2 auf der längsten Regionalexpresslinie in Brandenburg muss pünktlicher werden. Das aber soll ab Fahrplanwechsel im Dezember für zwei Jahre auf dem Rücken der Fahrgäste ausgetragen werden - da sind sich Industrie- und Handelskammer Cottbus (IHK) und Fahrgastverband Pro Bahn sicher. Denn eine ganze Region wird vom Schienenverkehr abgehängt, um zwischen Königs Wusterhausen und Cottbus vier Minuten im Fahrplan gut zu machen. Raddusch, Kolkwitz und Kunersdorf werden nur noch mit wenigen Halten frühmorgens und spätabends abgespeist.

Der Bahnhalt in Brand bleibt erhalten. "Damit hat man dem Landrat ein Wahlkampfgeschenk gemacht", ist Andreas Rieger, bündnisgrüner Sprecher in Dahme-Spreewald, sicher. Nach seiner Überzeugung werden Verspätungen nicht durch die Zahl der Haltepunkte, sondern durch gravierende Probleme in der Linien- und Fahrplanstruktur ausgelöst.

Dass Brand mit Tropical Islands den Halt behält, begründet die Ministerin mit angekündigten Investitionen von 40 bis 50 Millionen Euro, den 500 Arbeitsplätzen und täglich bis zu 600 Ein- und Aussteigern. In Raddusch seien es 140, in Kolkwitz/Kunersdorf 70. Aus der Zuschauermitte kommt die Frage: Warum kann der Zug nicht abwechselnd in Brand und Raddusch halten? Werner Buchan schiebt nach: "2004 war Raddusch wegen der Bauarbeiten auf der Nord-Süd-Achse solidarisch mit Brand und verzichtete für anderthalb Jahre auf den Halt. Dafür bekam Vetschau 8000 Freikarten für Tropical Islands. Wie wäre es jetzt andersherum? Wir könnten Kahnfahrten im Spreewald spendieren." Kein Kommentar, die Entscheidung ist gefallen. "Ohne vorher mit den Betroffenen zu reden", beklagt ein Radduscher daraufhin. Einen Plan B gebe es nicht, so Kathrin Schneider auf eine Frage von Katrin Küster.

Verärgert reagiert auch Annette Ernst, Leiterin des Tourismusverbandes Spreewald, auf den Wegfall der Haltepunkte. "Auf der ITB haben wir mit dem Land noch über die Entwicklung eines Mobilitätskonzepts im Spreewald gesprochen. Einen Tag später machte mich die RE 2-Botschaft fassungslos", sagt sie. Zu bedenken gibt sie, dass mehr als die Hälfte der Berliner Spreewaldbesucher mit dem Zug anreist.

Ein erzürnter Kolkwitzer ist überzeugt davon, dass die Probleme hausgemacht sind. Er erinnert daran, dass vor Jahren das zweite Gleis in Kunersdorf beiseite gerückt wurde. Jens Krause, stellvertretender IHK-Geschäftsführer, macht deutlich: "Der Wiedereinbau des Ausweich- und Überholgleises dort muss wieder betrieben werden." Mit einer solchen Zugbegegnung bei Kunersdorf würde sich die Gefahr einer Übertragung von Verspätungen aus der Gegenrichtung halbieren und das Fahrplangefüge stabiler machen. Deshalb, so Vetschaus Bürgermeister Bengt Kanzler (parteilos), müsse für ein Ausweichgleis zwischen Cottbus und Vetschau Druck gemacht werden.

Welche Auswirkungen die Landesentscheidung auf Raddusch haben wird, machen Ortsvorsteher Ulrich Lagemann und Thomas Langlotz, Geschäftsführer der Regionalen Entwicklungsgesellschaft Vetschau, deutlich: Raddusch will sich um die Ausrichtung des Brandenburger Dorf- und Erntefestes bewerben, will anerkannter Erholungsort werden. Der noch junge Tourismusverein stellt ein touristisches Angebot nach dem anderen auf die Beine. Jährlich werden etwa 30 000 Übernachtungen und in der Slawenburg Raddusch 50 000 Besucher gezählt, von denen viele mit dem Zug anreisen. Das sind auch Schulklassen aus Berlin und Umgebung, "die das Umsteigen scheuen werden", befürchtet Lagemann. Der Bahnhof wurde attraktiver gestaltet. Geplante Investitionen stehen auf der Kippe. Der RE 2-Halt ist für all das ein wichtiger Standortfaktor.

Die Ministerin ermutigt die Radduscher dennoch, weiter zu investieren und verspricht Unterstützung - erntet aus der Menge jedoch nur Kopfschütteln.

Vorgeschlagene zeitliche Veränderungen am Cottbuser Nullknoten, wo die meisten Züge zur vollen Stunde an- und abfahren, werden abgeschmettert. "Den Knoten können wir nicht zerschießen lassen, das würde sich bis auf die Schulanfangszeiten auswirken", entgegnet die Ministerin.

Auch die Idee, den RE 2 ab 2018 zwischen Cottbus und Lübbenau mit der Regionalbahn zu verstärken, findet kaum Freunde. Zumal das sobald auch nicht möglich sein wird, weil wegen der Baustellen zwischen Berlin und Dresden beziehungsweise Frankfurt der Umleitungsverkehr über die hiesige Strecke geführt werden muss. Hinzu kommt der Güterverkehr. Aufgefangen werden sollen die Probleme "mit einem sinnvollen Buskonzept", so Schneider. Dazu würde mit dem Landkreis verhandelt. Die Haltestelle für den ÖPNV aber befindet sich außerhalb von Raddusch an der L 49.

Eine junge Radduscherin, die nach Cottbus zur Schule fährt, beklagt schon heute viel zu lange Anfahrtzeiten. "Wie soll das erst mit dem Bus werden?" Antwort: "Dann sollten Sie sich auf Vetschau konzentrieren." Aber dorthin geht es dann auch nur mit dem Bus, von dem heute noch niemand weiß, zu welchen Zeiten er fahren wird.

Im April will Ministerin Kathrin Schneider den Kolkwitzern die Entscheidung erläutern.