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| 02:32 Uhr

Einblicke in rechte Gewalt

Ibraimo Alberto erzählte im Gymnasium Lübbenau eindringlich von seinen Gewalterfahrungen. Journalistin Julia Oelkers moderierte.
Ibraimo Alberto erzählte im Gymnasium Lübbenau eindringlich von seinen Gewalterfahrungen. Journalistin Julia Oelkers moderierte. FOTO: Preikschat
Lübbenau. Es bedurfte erst eines Forschungsprojektes am Moses-Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien in Potsdam, bis feststand: Der Pole Andrzej Fratczak ist am 7. Oktober 1990 in Lübbenau ein Opfer rechtsextremer Gewalt geworden. Daniel Preikschat

Drei junge Deutsche hatten den Gastarbeiter aus dem Nachbarland damals auf der Terrasse der Gaststätte "Turbine" verprügelt und mit einem Messerstich tödlich verletzt. Vor dem Cottbuser Bezirksgericht, wo Haftstrafen von acht Monaten bis zu dreidreiviertel Jahren ausgesprochen wurden, hatte der rechtsextreme Hintergrund keine Beachtung gefunden. Dabei wurde im Strafmaß die Beteiligung von zwei der Angeklagten beim Angriff auf das Lübbenauer Asylbewerberheim im September 1992 berücksichtigt.

Michael Hensel vom Projektbüro Lübbenaubrücke ging gestern im Paul-Fahlisch-Gymnasium nur kurz auf dieses hässliche Kapitel Lübbenauer Stadtgeschichte ein, übergab dann das Wort an Ibraimo Alberto. Der Mosambikaner berichtete in der Aula vor mehr als 100 Schülern von seinen Erfahrungen mit dem Rechtsextremismus vor allem in der Stadt Schwedt. Als ehrenamtlicher Ausländerbeauftragter war er dort kurz nach der Wende Zielscheibe für gewaltbereite Rechtsextreme, die sogar seinen Sohn massiv bedrohten. Wohl am schrecklichsten für die Schüler indes war die Schilderung Albertos von der Ermordung eines Landsmannes von ihm zu DDR-Zeiten. Neonazis stießen ihn, an den Füßen gefesselt, aus dem Zug. Der Tote sei später kaum zu identifizieren gewesen, so der Mosambikaner. Ibraimo Alberto und seine Familie durften sich erst nach einem Umzug nach Karlsruhe nicht mehr verfolgt fühlen. In dem Buch "Ich wollte leben, wie die Götter" hat der 53-jährige Sozialarbeiter seine Erfahrungen aufgeschrieben.

Vor Ibraimo Albertos Besuch im Gymnasium hatte sich Michael Hensel bereits mit Schülern in der Ehm-Welk-Oberschule mit dem Thema rechtsextreme Gewalt auseinandergesetzt. Es ging dort allerdings um die Umstände der Ermordung Andrzej Fratczaks. Wie Elisabeth Jente von der Stadtverwaltung ergänzt, soll an die rechtsextremen Gewaltausbrüche kurz nach der Wende in Lübbenau auch künftig erinnert werden. Welche Form dafür gewählt wird, sei zu diskutieren. Eben auch die Schüler könnten sich hierzu Gedanken machen. Sie hätten beispielsweise schon bei dem Projekt Stolpersteine für jüdische Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns gut mitgearbeitet.

Zum Thema:
2013 wurde das Moses-Mendelssohn-Zentrum vom Land Brandenburg beauftragt, Tötungsdelikte in der der ersten Hälfte der 90er-Jahre auf mögliche rechtsextreme Motivation zu überprüfen. Im Abschlussbericht von 2015 wurde der Mord an Andrzej Fratczak in Lübbenau ganz klar "als Tat mit politischem Hintergrund" eingeordnet.