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| 11:14 Uhr

Ein Vetschauer Holländer baut ein einzigartiges Windrad

Vetschau. Unterwegs auf der Autobahn A 9 vom Schkeuditzer Kreuz in Richtung Berlin reihen sich die Windräder aneinander. Aus der Ferne sehen sie alle gleich aus. Doch mit dem geübten Blick eines Windanlagen-Betreibers erkennt Eric Arts (38) sein neuestes Kind, das zehn Kilometer entfernt in die Höhe ragt, schon von weitem. Denn sein Windrad in Weißandt-Gölzau bei Köthen sieht anders als die anderen weißen Riesen aus. Von Claudia Laßlop

Bei Arts’ Anlage ist oben ist deutlich ein Absatz zu sehen, da wo der Windkonverter auf den alten Stahlbetonschornstein gesetzt worden ist. Das ist ein Unterschied zu den anderen Windrädern, der das Projekt europaweit einmalig macht. Ein Windrad – aufgesetzt auf einen Schornstein. Bei der Einweihungsfeier für den Riesen ist Arts jetzt für ein Projekt gewürdigt worden, das die Weiternutzung von Altlasten dem teueren Abriss des Stahlbetonschornsteins vorzieht. Es war die Geburtsstunde für ein neues Betätigungsfeld eines holländischen Geschäftsmanns, der in Cottbus lebt. Zuvor hatte sich Arts in den vergangenen 13 Jahren einen Namen als Geschäftsführer der Bolart GmbH Tornitz gemacht. Als Besitzer der Wurstproduktion in Vetschau und der Schweinemast mit firmeneigener Biogasanlage in Tornitz kennen ihn viele. Dass er sich auch schon seit langem mit dem umweltschonenden Energiegeschäft beschäftigt, wissen indes nur wenige. Wie er als Standort für das Windrad ausgerechnet auf Weißandt-Gölzau gekommen ist, erklärt sich aus der Geschichte des Projektes. Dort war es mit Zustimmung des Landkreises im Jahr 1996 in die Wege geleitet worden. Der Schornstein war von 120 Meter Höhe auf 68 Meter gekürzt worden. Als der damalige Investor Insolvenz anmeldete und die Arbeiten stoppten, erfuhr Arts über Kontakte von dem Vorhaben in Sachsen-Anhalt. Er schloss einen Übernahmevertrag für den bereits vorbereiteten Turm ab und vollendete das Projekt. Bis zum Tag seiner offiziellen Einweihung hatte der Windkonverter bereits 15 000 Kilowattstunden Energie erzeugt. Jährlich sollen es später bis zu vier Millionen werden. Damit können 2000 Haushalte versorgt werden. Die Vorteile dieser ungewöhnlichen Anlage lagen für Arlt auf der Hand: Es musste keine Baugenehmigung, sondern nur eine Umnutzung beantragt werden. Der Schornstein stand in einem erschlossenen Industriegebiet. Die hohe Abrisskosten entfielen. Der stabile Stahlbetonriese hat zudem eine lange Lebenserwartung: Er soll mindestens ein Jahrhundert überdauern. Dass hinter all der windigen Euphorie ein wirtschaftliches Ziel steht, leugnet Arlt nicht. Mehr als 1000 Stahlbetonschornsteine gibt es deutschlandweit, die früher oder später still gelegt werden. Sie könnten wie der Prototyp in Weißandt-Gölzau für die Energiegewinnung umgerüstet werden. Eric Arts kennt sich inzwischen selbst im Inneren seines Windrads aus. Bei der Einweihung bestieg er den Turm. Weiter als bis zum Absatz geht es aber für mich nicht, erklärte er mit einem verschmitzten Blick in die Höhe. Doch dann ließ er sich noch einmal die Sicherheitsgurte anlegen, ohne die der Aufstieg gar nicht erlaubt wäre. Und spürte dort oben, dass der Mensch Grenzen hat, dass auch er nur ein Teil der Welt ist.