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| 14:26 Uhr

Innovation
Ein Meilenstein für Hörgeschädigte

Gregor Obst und Sylke Bärbock testen die neue Induktionsanlage für Hörgeschädigte in ihrem Wohnzimmer. Bald wird die Anlage in der Calauer Stadthalle zum Tag des Hörens zum Einsatz kommen und künftig das Leben zahlreicher Hörgeschädigter erleichtern.
Gregor Obst und Sylke Bärbock testen die neue Induktionsanlage für Hörgeschädigte in ihrem Wohnzimmer. Bald wird die Anlage in der Calauer Stadthalle zum Tag des Hörens zum Einsatz kommen und künftig das Leben zahlreicher Hörgeschädigter erleichtern. FOTO: Rüdiger Hofmann
Calau. Calauer Verein „Seelsorger der Ohren“ präsentiert neue Induktionsanlage. Von Rüdiger Hofmann

„Test, Test“, spricht Gregor Obst in das Mikrofon. Sylke Bärbock nickt und hebt Daumen und Zeigefinger, um zu zeigen: Es funktioniert. Das Paar testet soeben im heimischen Wohnzimmer in Calau eine Revolution auf dem Markt für Hörgeschädigte – die neue Induktionsanlage. Seit etwa 14 Tagen sind die beiden vom Verein „Seelsorger der Ohren“ im Besitz der neuen Apparatur. Schwarz, flach, nicht größer als ein DVD-Player, zuzüglich Kabelrolle, Mikrofon und Kopfhörer-Sets.

„Die neue Induktionsanlage ist eine technische Einrichtung, mit der Audiosignale wie Musik oder Redebeiträge in Veranstaltungsräumen für schwerhörige Personen zugänglich gemacht werden können“, erläutert Sylke Bärbock, die im Jahr 2012 aufgrund eines Innenohrtumors vollständig ertaubt ist. Die Tonsignale werden dabei in elektrische Signale umgewandelt und über eine im Raum ausgelegte Induktionsschleife ausgesendet. „Mit Hörgeräten oder Hörsystemen, die eine spezielle eingebaute Empfangsspule haben, können diese Tonsignale dann störungsfrei und verstärkt empfangen werden“, sagt Sylke Bärbock.

Nach ihrer Diagnose 2012 hatte die inzwischen 48-Jährige Kontakt zu einer Spezialklinik für Hörgeschädigte in Bad Nauheim aufgenommen. Dort bekam sie die Chance auf ein neues Leben: Mittels Operation implantieren die Fachärzte ihr ein „Cochlea Implantat“ – bestehend aus einem Mikrofon, einem digitalen Sprachprozessor, einer Sendespule mit Magnet und dem eigentlichen Implantat. Seitdem kann Sylke Bärbock – wenn auch verzerrt – wieder hören, und testet nun die neue Induktionsanlage – zunächst im privaten Kreis.

Für Hörgeschädigte ist die Erfindung ein Meilenstein, denn diese Personen leben oft zurückgezogen. Zu größeren Veranstaltungen trauen sich die Betroffenen nur noch selten in die Öffentlichkeit. An Orten, wo die Induktionsanlage aufgebaut wird, können sie nun wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. „Sie nehmen dann einen Klang störungsfrei auf, als würde der Redner direkt vor ihnen stehen“, sagt Sylke Bärbock. Veranstaltungen in der Stadthalle, Vorträge, Konzerte, Kabarett – all das wird Hörgeschädigten durch die neue Technik möglich gemacht. Auch an kommunalpolitischen Diskussionen wie Stadtverordnetenversammlungen können Betroffene dann mitmischen. Normalhörende nehmen das Gerät hingegen nicht wahr. Ungewünschte technische Überschneidungen mit anderen Geräten sind bisher nicht bekannt.

Etwa 2000 Euro haben Sylke Bärbock und Gregor Obst in die Hand nehmen müssen. Der Betrag konnte  durch Mitfinanzierungen wie öffentliche Mittel und Spendengelder abgefedert werden. „Wir als Verein stellen die Anlage künftig bei gemeinnützigen Veranstaltungen kostenfrei zur Verfügung. Außerdem übernehmen wir den Auf- und Abbau, die Tests und die Wartung“, sagt Gregor Obst. Entwickelt wurde die Induktionsanlage von der Firma Humantechnik GmbH aus Berlin, die als Partner der Hörgeräte-Akustik technische Lösungen für mehr Hörqualität und Flexibilität in der Lebensgestaltung produziert.