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Lübbenau
Ein Kandidat für die Kneipennacht

Erste Station war der Gemischtwarenladen, wo Dirk Ehrhardt (2.v.l.) den Besuchern die Funktion eines historischen Taschen-Kavaliers erläuterte.
Erste Station war der Gemischtwarenladen, wo Dirk Ehrhardt (2.v.l.) den Besuchern die Funktion eines historischen Taschen-Kavaliers erläuterte. FOTO: Uwe Hegewald / LR
Lübbenau. Spreewald-Museum Lübbenau taucht in lokale Kneipenhistorie ein und erweist sich als Bierlokal. Von Uwe Hegewald

Wenn Daniel Schmidgunst von der Lübbenauer Tourist-Info demnächst seine Gasthäuser und Bands für die Musiknacht zusammenträgt, könnte er auf einen zusätzlichen Partner zurückgreifen. Mit seiner historischen Erlebnisführung „Stadtfein! Feierabend anno 1900“ haben sich die Museumsleute am Samstag selbst für ein Mitwirken bei der populären Kneipennacht ins Gespräch gebracht. „Zusammen mit Museumsdirektor Stefan Heinz haben wir uns darüber verständigt, das Angebot des Spreewald-Museums im Winterhalbjahr aufzuwerten. Ziel ist es, unsere Besucher über die Kneipen- und Wirtshauskultur vor über 100 Jahren zu informieren“, erklärt Museumspädagoge Dirk Ehrhardt die Hintergründe.

Dass dem 35-Jährigen bei der Führung durch Objekt und Geschichte auch schauspielerisches Talent abverlangt wird, ficht ihn nicht an. „Mein Großvater war Schuldirektor und hieß Heinz Ehrhardt“, begründet er. Nicht zu verwechseln mit dem bekannten Komiker, Schauspieler, Musiker und Unterhaltungskünstler Heinz Erhardt (1909-1979), dem ein „h“ im Namen fehlt. Erster Job von Dirk Ehrhardt ist es, die Besucher in den Gemischtwarenladen zu locken. „Dort konnte man früher seine Bestellung aufgeben und sich zwischenzeitlich in einem externen Stübchen ein Bierchen gönnen. Es waren jedoch keine Wirtshäuser im klassischen Sinne“, stellt der seit Oktober 2015 zum Museums-Mitarbeiterstamm zählende Ehrhardt klar.

In der heutigen Zeit würden die Stübchen genutzt, um für „höhere Aufgaben“ in namhaften Gasthäusern vorzuglühen. Die trugen anno 1900 fast schon epochale Namen: „Schwarzer Adler“, „Deutsches Haus“ oder „Brauner Hirsch“, in dem sich 1859 ein prominenter Schriftsteller einquartierte: Theodor Fontane, so weiß es Dirk Ehrhardt zu berichten. Historische Bilder machen die Runde und bei fast jeder Aufnahme kann der Magister für Volkskunde und Kulturgeschichte eine Anekdote beisteuern.

Evelyn Tessmer zeigt sich beeindruckt vom Detailwissen des Museumspädagogen, der eigentlich in Thüringen aufgewachsen ist und in Jena studiert hat.

„Hut ab, wie er sich in die Thematik eingearbeitet hat. Selbst Lübbenauer können bei dieser Führung noch etwas dazulernen“, sagt die aus Groß-Klessow in ihre frühere Heimatstadt angereiste Teilnehmerin.

„Die historisch unterhaltsame Erlebnisführung ist nur zu empfehlen“, so Evelyn Tessmer. Ihre Begleiterin Elke Kocsis ergänzt: „Ein sehr schönes und kurzweiliges Angebot des Museums fürs Winterhalbjahr.“ Mit Wohlwollen verfolgen die Damen, wie Dirk Ehrhardt sein Sakko ablegt, Grammophon-Platten auflegt, frisches Babben-Bier zapft und seinen Kneipengästen serviert. Die sind schon mittendrin im Ausleben der Wirtshauskultur, spielen Skat, knallen Würfelbecher auf den Tisch oder schwelgen diskutierend in Erinnerungen. Gelebte Bier-Seligkeit, wie sie am Samstag, 10. März noch einmal zu erleben ist. Dann wird Dirk Ehrhardt erneut Ehefrau und Kind in Lübben zurücklassen, um Gästen im Spreewald-Museum an lokale Wirtshaus- und Braugeschichte zu entführen. Und die hatte es bekanntlich in sich: Bis zu vier Millionen Liter sind im 18. Jahrhundert aus Lübbenau ausgeführt und verzollt worden. Sogar im dänischen Kopenhagen wurde Gerstensaft aus der Spreewaldstadt geschlürft– lange bevor es die Lübbenauer Musiknächte gab.

Schade nur, dass die Museumskneipe nur maximal 20 teilnehmende Personen verkraftet und so gesehen keine Chance hat, sich angemessen in eine Musiknacht einzureihen. Daniel Schmidgunst muss woanders Ausschau halten.