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| 18:02 Uhr

Interessante Einblicke
Ein Herrenhaus lädt in die Geschichte ein

 Das Herrenhaus  Groß Jehser ist ein echtes Schmuckstück.
Das Herrenhaus  Groß Jehser ist ein echtes Schmuckstück. FOTO: Philipp Brendel
Das Herrenhaus Groß Jehser öffnet seine Tore, um Einblicke in die Baugeschichte und Anekdoten preis zu geben. Von Philipp Brendel

Die Liste der ursprünglichen Besitzer des Herrenhauses in Groß Jehser ist lang: Minkwitz, von Patow, Vité, Noack. Heute sind es Irma Kühn-Grefte und Siegfried Kühn, die den altehrwürdigen Fachwerkbau ihr eigenes Heim nennen dürfen. Dabei war die Geschichte des Hauses zeitweise mehr als turbulent, wie Irma Kühn-Grefte einer interessierten Gruppe von 30 Personen am Tag des offenen Denkmals bei einer öffentlichen Führung detailreich schildert. Nicht nur die häufigen Besitzerwechsel zeugen von der bewegten Geschichte. Ursprünglich befand sich an jener Stelle des Herrenhauses ein Barockschloss, welches jedoch im Jahr 1786 abbrannte. Der Stil des Barocks ist dem Ort Groß Jehser jedoch erhalten geblieben: Das Herrenhaus besticht durch sein barockes Mansardendach und sein herrliches Fachwerk.

Erworben hat das Ehepaar das Gebäude im Jahr 2009. Irma Kühn-Grefte, die ursprünglich aus dem niederländischen Enschede stammt, hat ihren Mann Anfang der 2000er-Jahre kennengelernt. Siegfried Kühn, der vielen als Defa-Regisseur bekannt sein dürfte (Das zweite Leben des Friedrich Wilhelm Georg Platow, 1973), widmet sich heute dem Schreiben von Büchern und lässt zusammen mit seiner Frau das kulturelle Leben in der  Umgebung von Groß Jehser durch öffentliche Lesungen und Führungen aufleben. Das ist schließlich auch für Irma Kühn-Grefte ganz entscheidend: „Es ist gerade in unseren Zeiten ein wichtiges Zeichen, unsere Türen zu öffnen, in Anbetracht von Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit. Wir wollen unsere Türen nicht verschließen.“

Am Tag des offenen Denkmals werden die Gäste nicht nur mit Kaffee und Kuchen verköstigt, sondern bekommen zahlreiche Einblicke in das rund 40 Meter lange und circa 20 Meter breite Anwesen. Ein Höhepunkt ist der heute wieder liebevoll hergerichtete Festsaal, welcher für Lesungen genutzt wird. Einigen wird der Raum aus DDR-Zeiten noch anders in Erinnerung sein: Gekachelte Wände, eine plump eingezogene Abhängdecke, flackernde Leuchtstoffröhren – so präsentierte sich der heutige Festsaal damals noch als Konsumverkaufsstelle. Wie so oft war auch dieses ehemalige Herrenhaus zu DDR-Zeiten zu ganz pragmatischen Zwecken genutzt worden: Arztpraxis, Kindergarten, Einkauf. Das Gebäude war damals wie auch heute der Mittelpunkt des Ortes, wie Irma Kühn-Grefte verdeutlicht: „Da das Haus immer Kern des Dorfes war, wollen wir es auch regelmäßig öffnen.“

 Irma Kühn-Grefte gibt Einblicke in die Geschichte ihres Anwesens.
Irma Kühn-Grefte gibt Einblicke in die Geschichte ihres Anwesens. FOTO: Philipp Brendel

Die zuweilen sehr pragmatische Nutzung des Objektes in Zeiten der DDR war jedoch auch Glück im Unglück, wie Kühn-Grefte weiter ausführt. Zwar sind Wände ohne Achtung der ursprünglichen Raumgegebenheiten eingezogen worden, die nach dem Erwerb durch das Paar wieder herausgerissen werden mussten. Dafür jedoch war alles in einem vergleichsweise gepflegten Zustand. Zudem hatte das Auftragen von Ausgleichsmasse und Linoleumboden zur DDR-Zeit auch sein Gutes, erklärt Kühn-Grefte: „Dadurch wurde der Holzwurm in den alten Holzdielen getötet.“ Zur Besichtigung können die Besucher die alten Holzdielen in ihrer alten Schönheit wieder bestaunen.

Ein wahres Highlight ist die Besichtigung des originalen Dachstuhles von 1794: „Hier taucht man richtig in die Geschichte ein – ganz visuell“, so Kühn-Grefte. Sie berichtet von einigen Gästen, die sich im Dachstuhl ganz wohlfühlen beziehungsweise hier ihr zu Hause gefunden haben, ob es die Spechte, Spatzen, Fledermäuse oder Hornissen sind.

Eine besondere Anekdote hält Irma Kühn-Grefte für die Besucher bereit. Das Haus soll einen Geist beherbergen. Es sei der Geist einer verstorbenen ursprünglichen Besitzerin des Hauses, auf der ein Fluch liege. Doch Kühn-Grefte beruhigt die staunenden Zuhörer: „Es ist ein guter Geist. Wir sind froh, dass wir ihn hier haben, denn es ist ja hilfreich, einen guten Geist im Haus zu haben.“