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| 13:34 Uhr

Herrenhaus verkauft
Ein Dorf verabschiedet sich von seiner Kulturstätte

Eisenbahnfreunde des Lego-Brick-Vereins Leipzig stellten ihre Exponate im Herrenhaus aus.  Es wird künftoig nicht mehr zur Verfügung stehen.
Eisenbahnfreunde des Lego-Brick-Vereins Leipzig stellten ihre Exponate im Herrenhaus aus. Es wird künftoig nicht mehr zur Verfügung stehen. FOTO: Uwe Hegewald
Groß/Klein Mehßow. 35. Mehßower Dorffest soll das letzte in diesem großen Rahmen gewesen sein.

(uhd) Mit einem zünftigen Dorffest hat sich das Zwillingsdorf am Samstag und Sonntag von seiner beliebten Kultstätte verabschiedet. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir irgendwann mal wieder in diesem großen Stil an diesem Platz ein Dorffest veranstalten“, ist sich Roswitha Reiche sicher. „Mit dem Verkauf des Herrenhauses und des angrenzenden Parks sind uns die Flächen, das Begegnungszentrum aber auch das Ambiente verloren gegangen“, bedauert die Ortvorsteherin. Ihre Verbitterung kann und wolle sie nicht in sich „hineinstopfen“. „Wir sind alle noch von der Situation erschlagen“, betont sie, zeigt aber auch Verständnis dafür, wenn die neue Besitzerin des Objektes Feste in dieser Größenordnung ausschließt. „Wer findet es schon schön, wenn auf dem eigenen Grundstück fremde Personen eine Megaparty veranstalten“, räumt Roswitha Reiche ein. Eine Megaparty, wie sie am Wochenende über die Bühne gegangen ist. Mit anrollenden Traktoren aus den Landkreisen OSL, EE, LDS und sogar SPN, mit Livemusik, Kinderprogramm und üppiger Kaffee-Tafel an beiden Tagen.

„Erstmals ist das Traktorentreffen mit einem Salutschießen der Calauer Schützengilde gekrönt worden. Auch die Calauer Fanfaren waren erstmals mit von der Partie“, berichtet Gerd Kasprick Vorsitzender des veranstaltenden „Landvereins Mehßow“.

Ein Verein, den man erfinden müsste, wenn es ihn nicht schon geben würde. In seinem Dorffest-Rückblick hebt der Vereinschef hervor, dass Mehßow schon immer den Mut hatte, vorgezeigte Wege zu verlassen. „In bester Erinnerung werden wir das Fest im Jahr 2000 behalten. Im Millennium-Rausch war nahezu das komplette Dorf auf den Beinen. Jeder hatte eine Rolle oder Aufgabe übernommen“, blickt Gerd Kasprick zurück. Ebenso auf den Besucherrekord, als vor zwei Jahren die Schlossberg-Musikanten aufspielten. Auch wenn ihn die Situation schmerzt, ist der Mehßower bemüht, nicht ständig vom Kelch der Verbitterung zu trinken. „Der Landverein wird sich weiterhin einbringen und Feste gestalten – nur eben nicht in diesem Umfang“, erklärt er. Vielleicht probieren die Bewohner des „Drei-Länder-Ecks“ OSL, LDS und EE auch etwas völlig Neues aus. Dass sie das können, haben die Mehßower beim Programm-Wechsel vom früheren Teichfahren zum Traktorentreffen bewiesen. Mit Brühtrögen und anderen wasserunempfindlichen Fortbewegungsmitteln sei man damals über den Dorfteich in See gestochen.

„Inzwischen ist es das 9. Traktorentreffen, zu dem auch immer eine gemeinsame Ausfahrt gehört“, berichtet Gerd Kasprick. In Erinnerung an das 35. Dorffest wurden Basecaps gedruckt und den Traktoristen gereicht. Ob die grüne Farbe der Mützen ein Hoffnungszeichen für ein kommendes, zehntes Treffen verstanden werden darf, bleibt offen. „Wir werden schauen, wie sich alles entwickeln wird. An diesem Wochenende wollen wir alle noch einmal ein schönes Dorffest genießen“, kündigte Roswitha Reiche bereits vor dem Erklingen der ersten Unterhaltungsmusik an. Auch sehe die Ortsvorsteherin Zeichen eines notwendigen Generationswechsels. Schließlich hätten Mitgestalter, die den Mehßower Dorffest-Reigen vor 35 Jahren ins Leben gerufen haben, das „Mittelalter“ inzwischen überschritten. Nachwuchstalente seien gefragt, neue Ideen und Überlegungen, wie es ohne die Begegnungsstätte Gutshaus und -park weitergehen kann und soll. Einen kleinen Ansatz lieferten Leipziger Eisenbahnfreunde, die sich zu einem Lego-Brick-Verein zusammengeschlossen haben und ihre Sammelstücke im Herrenhaus präsentierten.

Neben der Faszination der Welt des Lego-Modellbaus konnten Besucher bei den jugendlichen, sächsischen Eisenbahn-Sammlern um Ken Kasprick auch eine versteckte Botschaft erkennen: So sei der Zug in Mehßow sprichwörtlich noch lange nicht abgefahren.