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| 17:09 Uhr

Anwohner der Autobahn am Spreewald-Dreieck mit Gesundheitsproblemen
Ein Dorf kämpft gegen den Lärm

 Adina Flasch zeigt Richtung Autobahn, die sich direkt hinter den Bäumen in nicht einmal einhundert Metern von ihrem Haus entfernt befindet. Der Lärmpegel ist inzwischen so hoch, dass sie Tinnitus hat und Jörg Rohde (l.) nur noch mit Ohrstöpseln schläft.
Adina Flasch zeigt Richtung Autobahn, die sich direkt hinter den Bäumen in nicht einmal einhundert Metern von ihrem Haus entfernt befindet. Der Lärmpegel ist inzwischen so hoch, dass sie Tinnitus hat und Jörg Rohde (l.) nur noch mit Ohrstöpseln schläft. FOTO: Hofmann Rüdiger
Klein Beuchow/Groß Beuchow. Klein und Groß Beuchow liegen unmittelbar an der Autobahn am Spreewald-Dreieck. Anwohner halten die seit Jahren steigende Lärmbelastung an Auffahrt und Abfahrt nicht mehr aus. Die gesundheitlichen Folgen sind bedrohlich. Von Rüdiger Hofmann

Seit zwei Jahren wohnt Adina Flasch nun in Klein Beuchow. Seit ungefähr einem halben Jahr leidet sie an Tinnitus. „Das ist sehr wahrscheinlich auf den Verkehrslärm am Autobahndreieck Spreewald zurückzuführen“, sagt die junge Frau. Konkrete Untersuchungen dazu stehen im August an.

Ein ähnliches Leid klagt Jörg Rohde. „Ich kann bei offenem Fenster überhaupt nicht mehr schlafen“, so der Anwohner. Ohne Ohrstöpsel geht er nicht ins Bett. „Das nervige Brummen der Motoren macht uns alle wahnsinnig“, sagt Rohde.

Die beiden sind kein Einzelfall in Klein Beuchow. Durch die Lage des Lübbenauer Ortsteils am Spreewald-Dreieck sind sowohl Klein als auch Groß Beuchow dem immer stärker werdenden Lärm von vorbeirauschenden Pkw und Lkw ausgesetzt. Verkehrswege aus Berlin, Dresden und Cottbus kreuzen sich dort. Die Abbrems- und Beschleunigungsphasen der Fahrzeuge an Auf- und Abfahrt seien laut Anwohner besonders nervig geworden.

Auch die Polizei bestätigt: „Auf allen Tangenten erfolgt in Teilabschnitten eine Zusammenführung der Verkehrsströme von zwei auf einen Fahrstreifen, was zu einem verstärkten Fahrstreifenwechselverhalten aller Verkehrsteilnehmer führt.“ Erhöhtes Verkehrsaufkommen steigere dort außerdem die Unfallgefahr.

Vor 25 Jahren war der Fahrzeuglärm noch verhältnismäßig erträglich: Offizielle Verkehrszählungen belegen für den Bereich im Jahr 1993 eine Verkehrsdichte von 29 300 Kraftfahrzeugen täglich und einen Lkw-Anteil von 14 Prozent. 2015 waren es schon 40 800 Fahrzeuge täglich, davon 17 Prozent Lkw. Eine Prognose für 2020 macht deutlich: Dann werden rund 50 000 Fahrzeuge das Autobahndreieck täglich passieren, mindestens jedes fünfte Fahrzeug ist ein Lkw. Heißt im Klartext: Seit der Wende hat sich die Verkehrsdichte mehr als verdoppelt.

Für einige Anwohner, die teilweise nicht mal 100 Meter Luftlinie von der Autobahn entfernt wohnen, eine Katastrophe. Die Baustruktur im Ort in unmittelbarer Nähe der A 13 umfasst eine gemischte bauliche Nutzung mit Ausnahme von Hotelanlagen und einem nordwestlich gelegenen allgemeinen Wohngebiet in Klein Beuchow. „Unter den jetzigen Bedingungen wird hier keiner mehr ein Haus kaufen“, sagen die Betroffenen.

Viele der Bewohner klagen zunehmend über Schlafstörungen, was der seit der Wende im Ort wohnende Arzt, Christian Teuscher, bestätigt. „Lärm ist ein Stressfaktor. Das kann den Herz- und Pulsschlag beschleunigen und zu Schlaflosigkeit und Migräne führen“, so Teuscher. Die für den Körper so wichtigen Ruhephasen würden fehlen. Man sei tagsüber nicht ausgeruht. Die Mehrzahl der Einwohner sei einem Pegelbereich größer 45 Dezibel in der Nacht (zulässige Schalldruckpegel in Mischgebieten nachts sind maximal 45 Dezibel) ausgesetzt.

Hinzu komme neben dem hörbaren Lärm auch der spürbare Lärm durch Infraschall, also Schallbereiche sehr tiefer Frequenzen. Der Infraschall wird von den Betroffenen meist als Ohrendruck gespürt. Sie klagen vielfach über Unsicherheits- und Angstgefühle. Sichtbare und hörbare Belästigungen können zum Beispiel ein Rütteln von Fenstern und Türen oder Gläserklirren sowie spürbare Vibrationen von Gebäudeteilen und Gegenständen sein.

Das alles will man in Klein und Groß Beuchow nicht länger hinnehmen und auf das Problem nun öffentlichkeitswirksam aufmerksam machen. „Mit einer Versammlung am 6. August wollen wir unserem Anliegen einen Rahmen geben und eine Bürgerinitiative unter dem Titel ´Verbesserung der Wohnqualität durch Minderung des Verkehrslärms für unsere Bürger in Groß und Klein Beuchow´ ins Leben rufen“, sagt Mitinitiatorin Adina Flasch.

Vorausgegangen sind monatliche Treffen auch mit Anwalt in der ortsansässigen Gaststätte, bei denen sich immer mehr Betroffene zu einer Interessengemeinschaft zusammengefunden haben. Aktuell laufen auch Unterschriftensammlungen im Ort, um möglichst bald Lösungen unter Beachtung der Gesundheit und einer angemessen Wohnqualität einzufordern.

Konkrete Vorstellungen zur Lärmminderung hat die künftige Bürgerinitiative schon auf Tasche: „Eine kurzfristige Maßnahme an der A 13 wäre die Vergleichmäßigung der Geschwindigkeit auf 60 Kilometer pro Stunde für Lastkraftwagen ab 7,5 Tonnen und für den Personenverkehr auf 80 Kilometer pro Stunde in beiden Fahrtrichtungen und unter Beachtung eines ausreichenden Streckenabschnittes“, sagt Ulrich Metzdorf, ebenfalls Lärmgeplagter des Ortes. Denkbar sei auch die Montage eines stationären Geschwindigkeitsüberwachungssystems an der A 13 in Richtung Berlin unmittelbar nach der Autobahnauffahrt. „Wenn dann noch für die gesamte Ortsdurchfahrt Klein Beuchow die Geschwindigkeit auf 30 Kilometer pro Stunde begrenzt würde, fallen die Beschleunigungsstrecken von 30 auf 50 weg“, so Metzdorf.

Als langfristige Maßnahme plädieren die Bürger für die Errichtung aktiver Schallschutzmaßnahmen in Form von Schallschutzwänden. Die Inhalte von vorliegenden Lärmaktionsplänen und deren Umsetzung will die bald gegründete Bürgerinitiative im Gespräch mit der Ministerin für Infrastruktur und Landesplanung, Kathrin Schneider, am Ort des Geschehens vorantreiben. „Wir hoffen ebenfalls noch auf die Unterstützung der Stadt Lübbenau“, so Metzdorf.

Bis dahin bleibt das Brummen der Motoren vor allem in den ganz frühen Morgenstunden, wenn sich die Laster auf den Weg machen, um ihre Lieferzeiten einzuhalten.

 Blick von der Autobahnbrücke zwischen Klein und Groß Beuchow am Spreewald-Dreieck in Fahrtrichtung Cottbus und Dresden. Ein Laster reiht sich an den anderen, bevor die Fahrbahn einspurig wird.
Blick von der Autobahnbrücke zwischen Klein und Groß Beuchow am Spreewald-Dreieck in Fahrtrichtung Cottbus und Dresden. Ein Laster reiht sich an den anderen, bevor die Fahrbahn einspurig wird. FOTO: Hofmann Rüdiger