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Dubrau zählt nur zwei besetzte Höfe

Dörfliche Gänse-Idylle pur. Fred Rinza ist nach Dubrau zurückgekehrt. Die Braunkohle hatte seine Familie einst vertrieben.
Dörfliche Gänse-Idylle pur. Fred Rinza ist nach Dubrau zurückgekehrt. Die Braunkohle hatte seine Familie einst vertrieben. FOTO: Peter Becker/peb1
Dubrau. Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Doch wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Die Station heute: Dubrau, Ortsteil von Koßwig (Stadt Vetschau). Peter Becker / peb1

Eigentlich ist dieser Koßwiger Ortsteil gar kein Ort, denn das einst blühende Dorf, auf der Höhe nordwestlich von Vetschau gelegen, beherbergt heute nur noch zwei Familien in zwei Häusern mit acht Personen.

Wenn dennoch über den einst fast 200 Einwohner fassenden Ort berichtet wird, dann ist es seine Geschichte, die er mit zahlreichen anderen weggebaggerten Dörfern teilt. Mit der Ausnahme, dass Dubrau in letzter Sekunde während der politischen Wende gerettet werden konnte. Von einer wirklichen Rettung kann aber keine Rede sein, denn "gerettet" wurden nur Feld und Flur. Die Menschen waren da schon umgesiedelt worden, ihre Häuser wurden vom Braunkohlenwerk (zwangs-)aufgekauft und dem Abriss zugeführt.

Der erstmalig 1460 urkundlich erwähnte Ort (er gehörte seit 1797 zur Herrschaft der Lynars) starb langsam vor sich hin. Eine, die von den 1988 umzusiedelnden 94 Einwohnern bis zum Schluss durchhielt, war Martha Rinza.

Sie kam 1945 mit ihrem Ehemann Otto als Flüchtling nach Dubrau. Der damals 100 Einwohner zählende Ort musste 143 Menschen aus Schlesien aufnehmen. Otto Rinza war Schmied und bis 1964 Bürgermeister in Dubrau. Die Familie durfte 1955 als Neusiedler ein Eigenheim errichten. In der behördlichen Genehmigung des Bergbauinstituts Senftenberg wurde bescheinigt, dass Dubrau nicht auf Kohle führenden Schichten steht und demzufolge der Bau genehmigt wird. Diesen Schein hat Martha Rinza stets vorgelegt und wie einen Schutzbrief jedem Funktionär unter die Nase gehalten: "Hier steht geschrieben, dass es keine Kohle gibt. Also, was wollt ihr von mir? Ich bleibe!"

Schweren Herzens aufgegeben

Und tatsächlich war sie die Letzte, die Dubrau verließ und nach Neu Zauche zur Tochter zog. Erst als der Abraumbagger auf dem heutigen Gebiet des Bischdorfer Sees nur noch wenige Hundert Meter entfernt war, erst als die Einsamkeit zu groß wurde (keine Nachbarn mehr, Zerstörung, Verfall und Vandalismus ringsum), gab sie schweren Herzens auf. Nach der Flucht aus dem Schlesischen musste sie erneut gehen und ihre lieb gewordene neue Heimat verlassen.

Sohn Fred, Jahrgang 1958, verschlug es schon zehn Jahre früher ins benachbarte Bischdorf. Mit der Plieskendorferin Christiane gründete er eine Familie. Kennengelernt hatten sich die beiden beim Tanz in Dubraus Nachbarort Kahnsdorf. Dieses Dorf findet man heute nur noch auf alten Karten - er verschwand vollständig im Tagebau. Heute erinnert nur noch der Kahnsdorfer See, am Weg zur Slawenburg Raddusch gelegen, an den Ort.

Den Rückkauf erreicht

"Irgendwie sah ich es als Vermächtnis meiner Mutter an, mein Elternhaus zurückzuerwerben. Es war noch nicht abgerissen und stand zehn Jahre leer", erinnert sich Fred Rinza an seine Rückkehr nach Dubrau. Mit Stehvermögen und Beharrlichkeit hatte er 2000 den Rückkauf von Haus und Grundstück geschafft.

Nur noch ein weiterer Ehemaliger hatte das erreicht: Frederico Graf zu Lynar übernahm 1996 das schon von den Nazis enteignete Gut, um die mehr als 150-jährige Familientradition auf Gut Dubrau fortzuführen. Sein Großvater Wilhelm Friedrich zu Lynar gehörte zu den Mutigen, die einen Putsch gegen Hitler gewagt und dafür mit dem Leben bezahlt hatten. Das Eigentum ging der Familie verloren.

Der 1968 in Lissabon geborene Frederico war zum Zeitpunkt der Wende Panzerleutnant der Bundeswehr, als ihm das Familienerbe, das gleichzeitig eine Pflicht war, angetragen wurde. Er schulte auf der Landwirtschaftsschule um, aus dem Panzer- wurde der Mähdrescherfahrer.

Heute müssen die beiden Familien, die gräfliche wie die bürgerliche, miteinander auskommen. Sie sind die einzigen Bewohner Dubraus und auch die einzigen Nachbarn. Man hilft sich, wenn mal was fehlt, wie Salz oder Backpulver, und man schaut mal nach dem Rechten beim jeweils anderen. Die Hunde beider Familien haben schon damals sehr schnell innige Freundschaft geschlossen. Rinzas "Bodo", ein Nachkomme aus der nachbarschaftlichen Paarung, wacht heute über das Grundstück. Er passt auf die Gänse ebenso auf, wie auf die ganz seltenen Besucher. Es lebt sich wieder einigermaßen gut auf Dubrau, wenn auch mit Einschränkungen. "Am schlimmsten ist es nach dem Schneefall", berichtet Fred Rinza. "Die Vetschauer schieben nur von Belten kommend bis zur Koßwiger Abzweigung. Wir müssen uns selbst helfen, was am frühen Morgen nicht so einfach ist. Vom Bischdorfer Angerhof bekommen wir dann manchmal Hilfe", erzählt der als Schlosser in Saßleben Arbeitende. Die Zufahrt zu seinem Grundstück, die Dienstbarkeit, musste er sich erst gerichtlich erstreiten.

Dubrau steht trotz des noch immer sichtbaren Niedergangs vor einer Blütezeit: Der nahe Bischdorfer See wird nach seiner Entlassung aus dem Bergbaurecht ganz sicher ein Freizeitparadies werden.

Zum Thema:
Zu DDR-Zeiten befand sich in Dubrau ein anerkanntes Volkseigenes Gut (VEG) mit Schaf- und Pferdezucht. Im ehemaligen Gutshaus wohnten vier Familien. Im Laufe der Zeit entstanden weitere Stallungen und Sozialgebäude. Im Jahr 1987 waren dort 48 Beschäftigte tätig. Der "Pfeiffenklub", der spätere Kriegerverein, war als Dubrauer Besonderheit ebenso bekannt, wie der Dubrauer Tretbrunnen: Männer traten in ein großes Antriebsrad, um Wasser aus der Tiefe zu fördern. Wegen seiner hohen Lage ("Dubrauer Höhe") war Trinkwasser ein knappes Gut und nur aus großen Tiefen förderbar. Die Pferdesportgemeinschaft in Dubrau wurde Ende der 1960er-Jahre vom Koßwiger Manfred Dutschk gegründet und 1987 nach Werchow umgesiedelt. Die Schafzucht mit mehr als 2000 Tieren wurde im gleichen Jahr in die neuen Stallungen nach Mlode überführt.