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| 14:37 Uhr

Herzensmensch
Die Kräuterfee

 Renate Stadelmayer vor ihrer Kräuterstube im heimischen Garten in Lehde.
Renate Stadelmayer vor ihrer Kräuterstube im heimischen Garten in Lehde. FOTO: LR / Daniel Preikschat
Renate Stadlmayer weiß Herausforderungen zu meistern. Ohne sie hätte ihr Mann wohl nicht erst versucht, mit seinen 78 Jahren nochmal neu zu starten und eine Arztpraxis in Lübbenau zu eröffnen.

Wie sie sich eigentlich kennengelernt haben? Renate Stadelmayer muss weit ausholen, um diese Frage zu beantworten. Ihr Zuhörer hat zum Glück etwas Zeit mitgebracht, die er auch braucht, um die schick frisierte Lehdsche in Tracht in Ruhe erzählen zu lassen.

Jahrzehnte bevor beide geheiratet haben, nämlich erst 2015, hat Renate Hoffmann, wie sie damals noch hieß, dem jungen Arzt, der in der damaligen Kreispoliklinik Calau einen Teil seiner Facharztausbildung absolvierte, manchmal den Notfallkoffer mit Medikamenten aufgefüllt. Stadelmayer sei damals schon eine Kapazität gewesen und habe mit Professor von Ardenne gearbeitet. Die Wissbegier Stadelmayers, sein Drang, sich weiter zu entwickeln, haben ihr damals schon imponiert. Sauerstoffmehrschritt-Therapie und Ultraviolettbehandlung des Blutes waren damals etwas Neues.

 Herzensmenschen
Herzensmenschen FOTO: LR / Schubert, Sebastian

Die junge Frau arbeitete zu dieser Zeit im Rahmen ihrer Berufsausbildung als Apothekenhelferin in Calau. Ein Beruf, den sie liebend gern ausgeübt hat. „Ich bin über die Pflanzen darauf gekommen“, erzählt sie. Pflanzen, vor allem Kräuter aller Art, hatten es ihr schon auf dem kleinen Hof ihrer Eltern in Gosda angetan. Das Mädchen musste dort kräftig mit anpacken. Sie war das einzige Kind der beiden am Kriegsende aus Schlesien und Pommern Geflüchteten, wurde dafür von ihren Eltern aber auch bedingungslos gefördert und liebevoll begleitet. „Mit 18 Jahren hat mir mein Vater einen Mos­kwitsch geschenkt.“ Er muss sich schon um den Wagen für seine Tochter bemüht haben, fügt Renate Stadelmayer an, kurz nachdem sie eingeschult worden war.

Mit diesem Wagen sei sie an den Wochenenden zum Tanzen gefahren. Vor allem aber leistete ihr das Gefährt gute Dienste, um vom Dorf zu den Ausbildungsstätten und Apotheken zu kommen. „Ich bin viel herumgereicht worden.“ Die Arztfrau berichtet von ihrer Zeit in Apotheken in Calau, Cottbus, Lübben, Altdöbern und Lübbenau.

Renate Stadelmayer redet fast hingebungsvoll von ihren Eltern. Ihre Mutter pflegte sie nach dem Tod ihres Vaters zu Hause, als ihre eigenen beiden Kinder bereits ihrer Wege gegangen waren. Nebenbei arbeitetet sie weiter als Apothekenhelferin, hatte also eigentlich genug zu leisten. Doch die ehrgeizige Frau wollte mehr. Nach der politischen Wende wurde aus der Pharmazie-Ingenieurin nach einem Fernstudium in Leipzig eine Diplom-Pharmazie-Ingenieurin, die sich im Anschluss an der Uni Göttingen im Fach Pharmakologie weiter qualifizierte.

Pillen, Salben, Zäpfchen und Tropfen – Renate Stadelmayer hat noch „von der Pieke auf“ gelernt, sie selbst herzustellen und ihren Wert zu bemessen. Kräuter zu sammeln oder selbst zu pflanzen, sie zu verarbeiten, ist ihre liebste Freizeitbeschäftigung. Das verschaffe ihr Ruhe und Entspannung. Sie macht Tee oder Tinkturen aus Buchweizen, Kamille, Liebstöckel und Co., fertigt Aufgüsse, Säfte oder Brei. „Die Kräuterfee“ als die sie sich selbst bezeichnet, könnte lange – und sehr überzeugend – auf die gesundheitsfördernde und wohltuende Wirkung der Mixturen eingehen oder auch darauf, dass Drogen an sich Heilpflanzen sind. Erst in jüngster Zeit werden Suchtmittel als Drogen bezeichnet.

Renate Stadelmayer zieht sich in ihrem Garten in Lehde gern in ihre Kräuteroase zurück. Eine Massivholzlaube steht dort, in der sie sich einen museal anmutenden Raum geschaffen hat. Ein dicker Teppich mit alten Möbeln, Decken- und Tischleuchte, die vor 100 Jahren modern gewesen sein mögen, antiquarische Bücher zum Thema. Weiter sieht man Mörser, Glaskolben und Krüge, in denen ihre besonderen Flüssigkeiten lagern.

Wer weiß, vielleicht haben ihr diese Kräutertränke die Kraft gegeben, mit Ehemann Siegfried die Praxis zu gründen. Stadelmayer hatte seine erste Frau Anfang der 2000er-Jahre bei einem tragischen Verkehrsunfall verloren. Er und seine künftige Frau seien damals eher so etwas wie gute Bekannte gewesen. Aufgrund der Diagnose des Lübbenauer Arztes hatte Renate Stadelmayers schwerkranker Vater einen Herzschrittmacher bekommen, der sein Leben um einige Jahre verlängerte. Und selbstverständlich, so die Lübbenauerin, habe sie dem Arzt nach dem Verlust seiner Frau ihr Mitgefühl ausgedrückt und ihm Hilfe angeboten.

Doch auch Renate Stadelmayer traf ein Schicksalsschlag, sie verlor ihre Mutter. Da ihre beiden Kinder längst ihrer eigenen Wege gegangen waren, sie außerdem von ihrem Ehemann getrennt lebte, hielt sie eigentlich nichts mehr in Lübbenau. „Ich wollte nach Nürnberg ziehen, wo mein Sohn arbeitet.“ Doch Siegfried Stadelmayer habe zu ihr gesagt: „Du bleibst.“ 2015 heirateten die beiden. Und schon 2018 hatte das Ehepaar eine große Bewährungsprobe zu bestehen. Stadelmayer wurde 2018 im Ärztehaus MZL in Lübbenau gekündigt. Ihr Siegfried hätte gern dort weiter gearbeitet. Er brauche die Arbeit, sagt seine Gattin, den Umgang mit Menschen, denen er helfen kann. Gemeinsam fasste das Ehepaar  den Entschluss, eine Praxis zu eröffnen. Sie habe Siegfried Stadelmayer tief in die Augen geschaut und gefragt: „Schaffst du das?“ Er habe sie gefragt: „Machst du mit?“ Beide sagten Ja.

Es sei enorm viel Arbeit gewesen, sagt die Frau an der Seite des ältesten Mediziners bundesweit, der noch eine Praxis eröffnet hat. Bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) wurde die Niederlassung des „verdienten“ Dr. Stadelmayer sofort begrüßt. Das Land Brandenburg mit seinem Ärztemangel in der Provinz brauche solche Initiativen, hieß es. Entsprechend entschied der zuständige Zulassungsausschuss der KV.

Nun mussten geeignete Räume gefunden werden. Als sich das Ehepaar in der Karl-Marx-Straße 14 umsah, entstand die fertig eingerichtete Praxis gleich vor dem geistigen Auge Renate Stadelmayers. Sie habe ihre Vorstellungen dann auch genau so umgesetzt. Eine gute Arzthelferin fand sich ebenfalls. Stadelmayer hatte sie einst selbst ausgebildet und viele Jahre mit ihr zusammengearbeitet. Dann war noch die Ausstattung vorzufinanzieren. Und Renate Stadelmayer musste sich nochmals fortbilden, bei einer Qualifizierung in einer Arztpraxis in Cottbus. Sie lernte Spritzen zu setzen und Blut abzunehmen, fuhr dafür an den Wochenenden zu Fortbildungen.

In der Praxis, die am 4. Februar 2019 eröffnet werden konnte, nimmt Renate Stadelmayer ihrem Arzt-Ehemann zudem einen Großteil der Bürokratie ab. Sie musste dazu unter anderem eine entsprechende Software anschaffen. Doch es laufe gut, Stadelmayers alte Patienten kommen zu ihm und viele neue, fast zu viele. „Das war es wert“, sagt Renate Stadelmayer stolz blickend. „Mein Mann fühlt sich wohl, er freut sich jeden Tag auf seine Arbeit, er ist glück­lich.“

In den vergangenen Wochen hat die RUNDSCHAU jede Woche Herzensmenschen vorgestellt. Jetzt machen wir eine Sommerpause.

Wenn Sie Vorschläge haben, welche Männer und Frauen, die mit Leidenschaft und großem Engagement ihre Sache verfolgen oder in ihrem Leben eine Herzensentscheidung treffen mussten, nach der Pause vorgestellt werden sollten, schreiben Sie an die LR, am besten per E-Mail an red.spreewald@lr-online.de.

 Renate Stadelmayer vor ihrer Kräuterstube im heimischen Garten in Lehde.
Renate Stadelmayer vor ihrer Kräuterstube im heimischen Garten in Lehde. FOTO: LR / Daniel Preikschat