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| 19:40 Uhr

Gleichwertige Lebensverhältnisse
Gegen den Schwarm – und die Wanderung in die großen Städte

 Lübbenaus Bürgermeister Helmut Wenzel sieht auch Vorteile in kleinen Städten.
Lübbenaus Bürgermeister Helmut Wenzel sieht auch Vorteile in kleinen Städten. FOTO: Preikschat
Lübbenau. Die kleinen Kommunen bleiben mit ihren Problemen zurück. In Lübbenau sucht der Städte- und Gemeindebund nach Auswegen aus dem Dilemma. Von Christine Keilholz

Was wird aus dem ländlichen Raum, wenn alle Welt in die großen Städte ziehen will? Eine Frage, die viele Kommunen in Deutschland beschäftigt. So auch den Städte- und Gemeindebund auf seiner Tagung in Lübbenau. Die Stadt im Spreewald ist der passende Ort, um Fluch und Segen eines Daseins im Schatten großer Städte zu besichtigen.

Lübbenau liegt verkehrsgünstig an Bahnlinie und Autobahn. Bis nach Berlin sind es 100 Kilometer – bis Cottbus 40. Sich zwischen beiden Zentren zu behaupten, ist nicht so leicht. Es kann den Zuzug von Berliner Mietflüchtlingen bedeuten – aber auch den Abzug von Kaufkraft in die Shopping-Malls der großen City. „Man muss akzeptieren, dass man nicht alles anbieten kann, was die Großstädte haben“, sagt Lübbenaus Bürgermeister Helmut Wenzel. „Aber ein paar Vorteile haben wir auch.“

In Lübbenau saß bis gestern der Bauausschuss des Kommunalverbands zwei Tage lang zusammen. 25 Bürgermeister aus ganz Deutschland, die sich Sorgen machen, dass ihre Kommunen angesichts der Schwarmbewegungen in die großen Städte unter die Räder kommen.

Die Bundesregierung tut das auch und hat eine Kommission beauftragt, Strategien für „gleichwertige Lebensverhältnisse“ zu entwickeln. Es geht darum, Ressourcen gerecht zu verteilen, um die Folgen durch den Wegzug aus vielen Regionen und den Zuzug in andere Regionen abzumildern. Entstanden ist ein 165-Seiten-Bericht, den Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) im Juli vorgestellt hat. Darin steht viel sperrige Verwaltungsprosa. Kostprobe: „Im ländlichen Raum sollen integrierte, flexible und multifunktionale Lösungen dort besonders unterstützt werden, wo aufgrund dünner Besiedlung, Randlage, demografischen Wandels, schwacher Versorgungsstrukturen und Erreichbarkeitsproblemen sektorale Maßnahmen allein oft nicht tragfähig sind.“

Soll heißen: Wir müssen Neues probiern. Aber was?

Von Randlage kann Lübbenaus Bürgermeister erzählen. Seine Stadt liegt am Rand zweier Pendelzonen. Etwa 1000 Lübbenauer fahren täglich nach Berlin oder Cottbus zur Arbeit. Steuern auf CO2-Ausstoß sind deshalb eine Neuerung, mit denen Wenzel wenig anfangen kann. „Die Leute fahren auch zur Schule, zum Einkaufen, holen die Kinder vom Sport“, sagt er. Und in den Ortsteilen werde es ohne Auto schwierig. Wie vielerorts ist auch in Lübbenau der Nahverkehr an den Schülerverkehr gebunden. Wenn die Schule beginnt, sind die Busse voll, ansonsten fahren sie kaum.

Um das zu lösen, muss in die Infrastruktur investiert werden - darüber herrscht beim Städtebund Einigkeit. Der Bund müsse viel Geld in die Hand nehmen für mehr Busse, Züge und einen besseren Takt, heißt es aus dem Verband. Nur so könne der ländliche Raum seine Bewohner halten. Und für das Klima sei es ja auch gut.

Um die Bleibebereitschaft der Lübbenauer zu erhöhen, setzt Wenzel auf „weiche Standortfaktoren“. Mit Schulen und Kindergärten, für die junge Eltern morgens nicht stundenlang unterwegs sind, kann eine Kleinstadt punkten. Auch wenn die harten Faktoren nicht perfekt sind. In Lübbenau wirken die Folgen des Kohleausstiegs schon vorab. 1996 schloss das Kraftwerk. Zusammen mit den stillgelegten Tagebauen fielen 5000 Arbeitsplätze weg.

Der Ruf, eine wirtschaftliche Verliererregion zu sein, wirkt lange nach - auch wenn das längst nicht mehr so ist. Lokale Firmen suchen Mitarbeiter, da kommt der Verwaltung eine Vermittlerrolle zu: Zwischen denen, die anbieten, und denen, die suchen. Heute ist Lübbenaus größter Wirtschaftsfaktor das Logistikzentrum von Kaufland. Es hat 700 Mitarbeiter und der Stadt einen Zuzug beschert. Junge Leute kamen aus Polen und Ungarn. Erst wohnten sie in WGs, dann holten sie ihre Familien nach.

Ansonsten lassen sich Jüngere immer schwerer in der Kleinstadt halten, wenn sie anderswo bessere Chancen sehen. „Die Leute wohnen heute nicht mehr ein Leben lang gleich“, weiß Bürgermeister Wenzel, „sie wohnen heute nach Lebenszyklen.“ Darauf müsse man als Kommune reagieren, indem man alles anzubieten hat: Mietwohnungen für junge Paare und Bauplätze, wenn dann Kinder kommen. Wenzel ist 57 und seit fast 20 Jahren Bürgermeister. In seinem Alter wollen die Leute wieder kleinere Wohnungen, weil die Kinder ausgezogen sind.

Lübbenau wird weiter schrumpfen, da macht sich die Stadtverwaltung keine Illusionen. Aber es gibt die kleinen Erfolgszeichen, die Hoffnung machen. 2017 zogen 81 Neubürger zu. 2018 waren es 74. Damit sei die Einwohnerzahl erstmal stabil geblieben, sagt Wenzel.

Jens Graf freut es. Der Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebunds Brandenburg sieht das als Ergebnis kluger Kommunalpolitik. „Innerhalb der letzten 20 Jahre hat sich der Speckgürtel um Berlin ausgedehnt“, sagt Graf. „Er endet nicht mehr in Blankenfelde, sondern kann bis nach Lübbenau reichen.“