| 02:42 Uhr

Die Jenaplan-Pioniere von Lübbenau

Sonnhild Bockenheimer (l.) und Evelin Tessmer.
Sonnhild Bockenheimer (l.) und Evelin Tessmer. FOTO: Preikschat
Lübbenau. Kinder, Eltern, Lehrer, Erzieher und Unterstützer haben den 25. Geburtstag der Jenaplanschule stilvoll gefeiert. Auf lockere Art erinnert wurde an die Mühen, einen damals ganz neuen Schultyp in Lübbenau zu etablieren. Daniel Preikschat

C wie Chaos, D wie Demo, E wie Eltern und Q wie Qualität - Sonnhild Bockenheimer und Evelin Tessmer buchstabierten sich am Freitag vor 120 Gästen in der Jena planhaus-Aula durch die Geschichte einer Schule der besonderen Art. Inwiefern besonders, wurde bei dieser Zeitreise durchs Alphabet wie beiläufig deutlich. So funktioniert nichts ohne Eltern in einer solchen Jenaplanschule. Kinder lernen Lesen durch Schreiben, unterrichtet wird offen-jahrgangsübergreifend, mit eigener Kita unterm Schuldach, und Kreise gibt es in Form von Morgen-, Lese- oder auch Auswertungskreisen.

In ihrem "alphabetischen Interview" konnten die beiden Mitbegründerinnen der Lübbenauer Jena planschule auf fast spielerische Art aber auch auf die Widerstände zu sprechen kommen, die dem pädagogischen Projekt im Weg standen: Zwei Jahre Konzept- und Überzeugungsarbeit mussten die beiden Pädagoginnen und ihre Mitstreiter leisten, bis Potsdam grünes Licht gab für den Schulversuch. Alle sechs Monate ging es danach "zum Rapport ins Ministerium", wie Sonnnhild Bockenheimer erinnerte. Ständig wurden neue Auflagen erteilt, ständig mussten sich die Lübbenauer erklären. Hinzu kam die Suche nach einem Schulgebäude. In ein ehemaliges Hortgebäude hinter dem heutigen Paul-Fahlisch-Gymnasium zogen Kinder und Pädagogen zuerst ein. Doch dauerte es nicht lange, bis man in eine ehemalige Kita nahe des Medizinischen Zentrums Lübbenau (MZL) umziehen musste. Dritter Standort war die einstige dritte Grundschule in der Pestalozzistraße, dort wo heute die Förderschule untergebracht ist. Schließlich durfte die Jenaplanschule das großzügige Raumangebot der ehemaligen Realschule in der Poststraße nutzen. "Ich denke, hier bleiben wir die nächsten 100 Jahre", sagte Sonnhild Bockenheimer und bekam dafür tosenden Applaus.

Timo Jacobs, Präsident des Jena planpädagogik in Deutschland e.V., würdigte die Pioniertat: In Lübbenau sei eine der ersten Jenaplanschulen in Ostdeutschland nach der Wende entsanden, bis heute gebe es im Land Brandenburg keine Zweite. Dass Jacobs das nicht einfach nur so lobpreisend dahersagt, beweist sein Entschluss, in eben dieser Schule mit Beginn des neuen Schuljahres selbst zu arbeiten. Hund Quinto hat er als weitere personelle Verstärkung für die Schule gleich mitgebracht. Der Rauhaardackel gehörte Freitag natürlich zu den geladenen Gästen.

Ein Gefühl vermitteln für den Umgang mit Kindern in einer Jena planschule wollte schließlich Dozent Tom de Boer aus den Niederlanden. Jedes Kind werde hier in seiner Einzigartigkeit gesehen. Lehrer überließen es ihren Schülern, die Initiative zu übernehmen, sich selbst zu entfalten. Das sei die pädagogische Herausforderung.

Zum Thema:
Träger der Jenaplanschule ist die Stadt Lübbenau, Träger der Kindertagesstätte ein Förderverein, der 1992 gegründet wurde und die Einrichtung seither unterstützt. Rund 150 Kinder besuchen die Schule unter kommissarischer Leitung von Petra Drews. Leiterin der Kita ist Ramona Schmidt.Der Jenaplan ist ein reformpädagogisches Schulentwicklungskonzept, erdacht vom Jenaer Erziehungswissenschaftler Peter Petersen in den 1920er-Jahren. In den Niederlanden wurde der Jenaplan weiter entwickelt. Dort finden sich heute mehr als 250 Jenaplan-Basisscholen. Die Jenaplan-Pädagogik zeichnet das Lernen in jahrgangsgemischten Stammgruppen aus. Gespräch, Spiel, Arbeit und Feier sind "Basisaktivitäten". Das Lernangebot orientiert sich an Lernvoraussetzungen und Interessen der Kinder.