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| 17:54 Uhr

Zeitgeschichte
Die ganze Pracht der Tracht

Museumsmitarbeiterin Jenny Linke zeigt die Reproduktion eines der Fotos von Richard Klau: Frauen aus Raddusch in verschiedenen Trachten. Insgesamt sind knapp 50 Aufnahmen, die um 1900 entstanden, ab Samstag im Spreewaldmuseum in Lübbenau zu sehen – noch bis zum 15. April.
Museumsmitarbeiterin Jenny Linke zeigt die Reproduktion eines der Fotos von Richard Klau: Frauen aus Raddusch in verschiedenen Trachten. Insgesamt sind knapp 50 Aufnahmen, die um 1900 entstanden, ab Samstag im Spreewaldmuseum in Lübbenau zu sehen – noch bis zum 15. April. FOTO: Daniel Preikschat / LR
Lübbenau. Foto-Ausstellung im Lübbenauer Spreewaldmuseum entführt in die Zeit um 1900.

Wenn Richard Klau um das Jahr 1900 nach Raddusch oder Lehde kam, nach Heinersbrück oder Jänschwalde, muss das in diesen Dörfern ein Ereignis gewesen sein. Dann holten Frauen Trachten aus Schränken und Truhen, kleideten sich um, ließen sich fotografieren. Dabei wurde nicht gelächelt oder freundlich dreingeschaut. Würdevoll und ernst blickten die Frauen den Fotografen aus Cottbus an, nachdem die richtige Position eingenommen war. Entstanden sind dabei statisch, fast gemäldeartig wirkende Aufnahmen, von denen seit Samstag knapp 50 im Spreewaldmuseum zu sehen sind.

Dabei haben Museumsdirektor Stefan Heinz und seine Kollegen von fast allen Originalaufnahmen großformatige Reproduktionen anfertigen lassen, die am Bildrand beschriftet sind. „Sonntagsstaat Groß Lieskow“ liest der Betrachter dann etwa, „Verschiedene Trachten Raddusch“ oder „Sonntagsstaat Werben“. Sich so fotografieren zu lassen, so der Eindruck für Besucher dieser Ausstellung, muss für die Fotografierten von großer Bedeutung gewesen. Stefan Heinz erklärt, warum: In einer Zeit des Umbruchs, angesichts von Industrialisierung, Gründerzeit und mehr Mobilität, stellte sich das Bedürfnis ein, sich der eigenen Kulturgeschichte und Tradition zuzuwenden. Außerdem gab es seinerzeit noch den Adel, dem gegenüber sich das Bürgertum emanzipieren wollte. Eben auch, indem bürgerliche Frauen sich in festliche Schale warfen und den Moment dank der neuen Technik auf Fotoglasplatte festhalten ließen.

Richard Klau war ein Künstler, der unternehmerisch dachte und diesen Trend nutzte, so Stefan Heinz. Oftmals kamen die Frauen vom Dorf auch zu ihm in die Stadt. In sein Cottbuser Atelier in der Schwanstraße. Auf einigen Fotos in der Ausstellung sieht man Requisiten, die hier zum Einsatz kamen. Darüber hinaus fertigte Klau Postkarten mit Frauen in Tracht als Motiv. Außerhalb des sorbisch-wendischen Siedlungsgebiets wurde so ein Bedürfnis nach Exotik, nach dem Fremdartigen in umliegenden Großtädten bedient. Die relative Abgeschlossenheit des Spreewalds, der zum Beispiel für Berliner etwas Geheimnisvoll-Mystisches hatte, kam noch hinzu.

Für die „Ausstellung des sächsischen Handwerks und Kunstgewerbes“ 1896 in Dresden zum Beispiel wurden vom Cottbuser Fotos aus dem Leben der wendischen Bevölkerung gewünscht. Dörfliche Architektur und Trachtenvielfalt wollte man in Dresden sehen. Klau beteiligte sich mit Niederlausitzer Gruppen- und Trachtenbildern, die nun in Lübbenau wieder zu sehen sind. Besucher können das auf Erklärtafeln auch nachlesen.

Weiter ist die Ausstellung so aufgebaut, dass Besucher durch drei Themenzimmer spazieren. Im ersten Raum tragen die Frauen Trachten für Heirat und Kirchgang. Wer es nicht schon weiß, erfährt, wie aussagekräftig die Farben von Röcken und Hauben sind. Sie zeigen unter anderem an, ob eine Frau noch in Volltrauer gekleidet ist oder schon in Halbtrauer, wie Museumspädagoge Dirk Erhardt erklärt. Auch woher eine Trachtenträgerin kommt, aus welchem Kirchspiel, lässt die festliche Kleidung erkennen, sogar, ob sie verheiratet ist oder nicht. Einzelne Kleidungsstücke werden in Vitrinen ergänzend ausgestellt.

Festtagstrachten-Fotos warten im zweiten Raum, Arbeitstrachten im dritten. Hier bekommt der Museumsbesucher Einblick in den harten Alltag der Dorfbevölkerung. Chronist Richard Klau hat auch Armut fotografiert – und so verdeutlicht, welchen Reichtum damals eine Festtagstracht darstellte.