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| 11:43 Uhr

Interview mit Gerhard Deckwer
Die erste Rote Karte gegen Sammer gezückt

Zu den außergewöhnlichsten Partien von Schiedsrichter Gerhard Deckwer zählte das Aufeinandertreffen von Promi-Mannschaften anlässlich der 725-Jahrfeier der Gemeinde Altdöbern im Jahr 2012.
Zu den außergewöhnlichsten Partien von Schiedsrichter Gerhard Deckwer zählte das Aufeinandertreffen von Promi-Mannschaften anlässlich der 725-Jahrfeier der Gemeinde Altdöbern im Jahr 2012. FOTO: Uwe Hegewald
Altdöbern. Rastloser Übungsleiter, Sportwart und Schiedsrichter ist aus Altdöbern nicht mehr wegzudenken. Seine Laufbahn begann in Dresden. Von Uwe Hegewald

Gerhard Deckwer liebt und lebt Fußball. Aus seinem Wohnort Altdöbern und seinem Heimatverein Alemannia ist der rastlose Übungsleiter, Sportwart und Schiedsrichter nicht mehr wegzudenken. Seine fußballerische Laufbahn begann jedoch im entfernten Dresden.

Herr Deckwer, Anfang Dezember haben Sie eine Einladung nach Senftenberg erhalten und sind aus der Kreisstadt nicht mit leeren Händen zurückgekehrt.

Deckwer Stimmt. Man hatte mich zum Tag des Ehrenamtes eingeladen und in der Festveranstaltung eine Dankesurkunde, Ehrenplakette und die Ehrenamtskarte des Landes Brandenburg überreicht. Als Gründe wurden meine ehrenamtliche Tätigkeit in der Nachwuchsarbeit und in der Schiedsrichtertätigkeit im Bereich Fußball beim Sportverein Alemannia Altdöbern angeführt. Erwähnt wurde auch mein Mitwirken als Schiri am Sportgericht des Fußballgroßkreises Brandenburg Süd.

Am 28. Januar feiern Sie ihren 70. Geburtstag und zählen noch immer zu den Aktivposten im Verein. Sie können oder wollen die Töppen noch nicht an den Nagel hängen?

Deckwer Dafür bin ich zu stark mit dem Fußball verbunden. Durch Kooperationsverträge mit der örtlichen Kita, der Lilien-Grundschule und dem Verein haben wir gerade mit einer F-Junioren-Mannschaft den Spielbetrieb aufgenommen. Die Knirpse kann man doch nicht einfach hängenlassen. Außerdem werde ich noch sehr oft als Schiedsrichter eingesetzt. In der zurückliegenden Spielserie 2016/2017 waren es insgesamt 61 Einsätze.

Das Fußball-Einmaleins haben Sie aber in Dresden erlernt. Wie ist es dazu gekommen?

Deckwer Durch ältere Kumpel, wie das so oft der Fall ist. Wodurch ich mich vielleicht von anderen Kickern abhebe, war der freie Entschluss, ins Tor zu gehen. Und das von Beginn an. Aufgrund meiner Reaktionsfähigkeit konnte ich Größen-Defizite wettmachen. Bei 1,70 Metern war mein Wachstum abgeschlossen – was mir unzählige Trainingseinheiten in der Sandgrube bescherte.

Warum und welche Sandgrube?


Deckwer
Leichtathletik-Sprunggruben in Dresdner Stadien. Sprungkraft und Muskulatur sollten gestärkt werden. Was die für Torhüter wichtigen Reflexe angeht, bin ich möglicherweise erblich vorbelastet. Der Onkel meiner Mutter stand 1936 für Deutschland im Tor.

Wie ging es mit Ihrer Dresdner Fußball-Entwicklung weiter?

Deckwer Ganz ordentlich. Ab dem Jahr 1960 spielte ich sechs Jahre bei der BSG Empor Tabak Dresden. Später stand ich bei der BSG Empor Dresden-Löbtau bei den Junioren und den Männern zwischen den Pfosten. Unvergesslich bleiben die Spiele und Trainingseinheiten in der Bezirksauswahl Dresden. In einem Team mit Hansi Kreische, Klaus Sammer, Eduard Geyer, Gert Heidler, Dieter Riedel oder Siegmar Wätzlich zu spielen, war schon etwas Besonderes. Die Jungs haben später bei Dynamo Dresden Fußballgeschichte geschrieben.

Und Sie haben den Mannschaftskameraden den Rücken zugedreht?

Deckwer Nicht freiwillig. Als sich internationale Wettkämpfe ankündigten, wurden unsere Biografien geprüft. Aufgrund meines Geburtsortes Mühlacker bei Stuttgart, wo ich auch eingeschult wurde, und der Tatsache, dass ich fünf Jahre in Mannheim gewohnt habe, schlossen die Funktionäre auf noch bestehende Kontakte in den Westen. Damit lagen sie auch richtig. Unserer Familie wurde klargemacht: entweder kompletter Abbruch jeglicher Beziehungen oder das war’s mit der internationalen Fußball-Karriere. Ich konnte und wollte es mir nicht vorstellen, dass meine Mutter ihren Sohn im Westen und wir unseren Halbbruder nie wieder sehen dürfen. Die geforderten Bedingungen habe ich schließlich abgelehnt.

Wie kam es eigentlich dazu, dass die Familie überhaupt in den Osten übersiedelte?

Deckwer Mein Vater war leidenschaftlicher Brückenbau-Ingenieur. Wann und wohin er auch immer gerufen wurde, packten wir die Koffer und zogen in die Nähe der neuen Bauprojekte. Das erklärt auch, dass fünf von sechs Geschwistern in anderen Orten geboren wurden. Wie uns unsere Eltern später erzählt haben, gehörten sie seinerzeit dem Weltfriedensrat an. Mehrmals bekamen wir Besuch von Leuten aus dem Osten, die meinem Vater in Aussicht stellten, in der DDR an ambitionierten Bauprojekten mitwirken zu können. Für unseren Wohnortwechsel nach Dresden war alles perfekt vorbereitet. An einem Freitag war der Umzug, Montag konnte Vater bereits seine Arbeit antreten.

Zurück zum Fußball und der ungebrochenen Leidenschaft bei der Jagd nach dem runden Leder. Gab es auch mal Unterbrechungen in der 22-jährigen Geschichte als Torhüter?

Deckwer Verletzungsbedingt musste ich nach einem Schien- und Wadenbeinbruch pausieren, den ich mir bei einem Match in Radeburg zugezogen hatte. In Kreischa fand ich mich nach einem schweren Zusammenprall mit einem gegnerischen Spieler in einem Gipsstreckbett wieder. Schlüsselbein, Rippen und Unterarm waren gebrochen. Und dann gab es noch eine familiäre Auszeit, als ich meine Helga kennengelernt habe und während des Grundwehrdienstes. Nach den 18 Monaten bei der Fahne ging es aber Schlag auf Schlag weiter.

Welchem Verein haben Sie damals angehört?

Deckwer Ab 1974 stand ich für die BSG Dresdner Verkehrsbetriebe im Tor und begann gleichzeitig mit der Übungsleitertätigkeit. 1975 habe ich die Übungsleiterstufen 1 und 2 absolviert, ein Jahr später, an der Sportschule Greiz die Stufe 3. Bis 1982 war ich bei den Verkehrsbetrieben als Torhüter und Nachwuchstrainer tätig. Unvergessen bleibt das Finale mit meinen Zöglingen bei der Dresdner Bezirks-Spartakiade des DTSB, wo wir uns nach einem 1:0-Sieg gegen die Favoriten von Dynamo Dresden Spartakiade-Gold geholt haben. Von Dynamo hatte ich zwischenzeitlich ein lukratives Angebot als Torwart-Nachwuchstrainer anzutreten. 1000 DDR-Mark monatlich wurden mir garantiert, Bedingung war jedoch der Eintritt in die SED. Das Angebot habe ich dankend abgelehnt.

Mit dieser Entscheidung war wohl das schwarz-gelbe Tischtuch mit Dynamo Dresden endgültig zerrissen?

Deckwer Nein. Ich mag die Dynamos, durfte 1983 sogar beim FDGB­-Pokalspiel Aktivist Brieske Senftenberg gegen Dynamo Dresden an der Linie assistieren. Der damalige DFV hatte mir das Vertrauen geschenkt und sich für meine bis dato 500 Einsätze als Schiedsrichter bedankt. Erwähnenswert ist noch eine Begegnung mit Matthias Sammer, als er bei Borussia Dortmund unter Vertrag stand. Nach einem Training haben sich unsere Wege gekreuzt und Matthias hat mir grübelnde Blicke zugeworfen. Ich habe dem späteren Europameister schließlich auf die Sprünge geholfen und an ein Spiel 1975 gegen BSG Pentacon Dresden erinnert.

Sie können sich doch nicht wirklich an Spiele erinnern, die Jahrzehnte zurückliegen?

Deckwer An dieses schon. Bei dem Match habe ich die erste Rote Karte meiner Schiedsrichter-Laufbahn gezückt. Gesehen hat sie Rotschopf Matthias Sammer aufgrund unsportlichen Verhaltens. Er war aber nicht nachtragend, hat mich nach dem Training sogar durch den Profibereich bei Borussia Dortmund geführt. Zu diesem haben Außenstehende in der Regel keinen Zutritt.

Bei so viel Bindung zur Elbmetropole stellt sich die Frage, was Sie bewogen hat, nach Altdöbern, in die Niederlausitz zu ziehen.

Deckwer Eine verrückte Sache. Familie Klatte suchte Hände ringend eine Wohnung in Dresden. Das Familienoberhaupt war Doktor der Mathematik und musste täglich zwischen Altdöbern und Dresden pendeln. Wir konnten ihm unsere AWG-Wohnung im achten Stock anbieten und er uns sein Eigenheim in Altdöbern. Nach dem ersten Treffen haben wir mit den Kindern erstmal im Atlas geblättert und gesucht, wo Altdöbern überhaupt liegt. Überrascht waren wir, dass zwei Stunden nach unserer Ankunft in Altdöbern Paul Grenkowski vor unserer Tür stand und klingelte. Er war aber nicht zum Aufstellen der Schrankwand gekommen, sondern erklärte, wo sich der Altdöberner Fußballplatz befindet. Dort sei ich herzlich willkommen. Nach der Anmeldung unserer Kinder an der Schule wurden den Funktionären der damaligen BSG Aktivist Altdöbern meine Fußball-Vorgeschichte und unser Anreisetag mitgeteilt.

Sie haben schließlich bei der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Aktivist angeheuert?

Deckwer Das war doch naheliegend, zumal der Sportplatz nur 200 Schritte vom Wohnhaus entfernt liegt. Ferner ging es auch darum, einem ungeschriebenen Gesetz des Fußballverbandes zu folgen. Auf der Sportschule wurde uns die umfassende Ausbildung der Übungsleiterstufe 3 vor Augen gehalten und eine selbstbindende Verpflichtung auferlegt, sich bei einem Ortswechsel schnellstmöglich bei einem neuen Verein zu melden.

Zog der Ortswechsel auch eine berufliche Neuorientierung nach sich?

Deckwer Indirekt. Es hat sich nur der Arbeitsort geändert, nicht jedoch der Job. Bei den Dresdner Verkehrsbetrieben habe ich den Lokführerschein absolviert und bin nach dem Umzug in die Lausitz als E-Lokfahrer im Bergbau tätig gewesen. In Grevesmühlen durfte ich 2002 das letzte Mal eine Dampflok steuern. Wie früher im Raum Radebeul.

War oder ist es schwierig, Familie und König Fußball unter einen Hut zu bekommen?

Deckwer Eigentlich nicht. Meine drei Kinder Ingo (1970 geboren), Steffi (1972) und Falk (1982), aber auch meine Frau Helga zeigten immer Verständnis und waren selbst sportlich aktiv. Helga durfte sogar persönliches Training genießen. Für die einstige Damenmannschaft von Alemannia Altdöbern stand sie – wie konnte es auch anders sein – im Tor. Der heimische Keller wurde zum Traditions- und Hobbyraum umgebaut, wo auch meine Sammlung von 308 Fußballwimpeln Platz gefunden hat. Unter ihnen ein streng limitierter Wimpel von Borussia Mönchengladbach, für den mir Sammler bereits 800 Euro geboten haben.

Mit Gerhard Deckwer sprach
Uwe Hegewald

Gerhard Deckwer
Gerhard Deckwer FOTO: Uwe Hegewald
Gerhard Deckwer (Mitte) hat das Aufeinandertreffen von Promi-Mannschaften anlässlich der 725-Jahrfeier der Gemeinde Altdöbern geleitet. Spielführer waren seinerzeit Amtsdirektor Detlef Höhl (l.) und SSV-Präsident Matthias Lachmann.
Gerhard Deckwer (Mitte) hat das Aufeinandertreffen von Promi-Mannschaften anlässlich der 725-Jahrfeier der Gemeinde Altdöbern geleitet. Spielführer waren seinerzeit Amtsdirektor Detlef Höhl (l.) und SSV-Präsident Matthias Lachmann. FOTO: Uwe Hegewald
2016 ist Gerhard Deckwer (l,) im Beisein des Heimatvereinsvorsitzenden Rolf Wünsche zum Salzteich-Ehrenbürger getauft worden. Vorgenommen wurde die Prozedur durch Maddalena Satori (23), studierte Archäologin aus Italien, die seinerzeit in der Altdöberner Parksanierung (Jugendbauhütte) tätig war.
2016 ist Gerhard Deckwer (l,) im Beisein des Heimatvereinsvorsitzenden Rolf Wünsche zum Salzteich-Ehrenbürger getauft worden. Vorgenommen wurde die Prozedur durch Maddalena Satori (23), studierte Archäologin aus Italien, die seinerzeit in der Altdöberner Parksanierung (Jugendbauhütte) tätig war. FOTO: Uwe Hegewald
Im September hat Trainer Gerhard Deckwer (l.) mit weiteren Betreuern und den Spielern der F-Junioren den Spielbetrieb aufgenommen.
Im September hat Trainer Gerhard Deckwer (l.) mit weiteren Betreuern und den Spielern der F-Junioren den Spielbetrieb aufgenommen. FOTO: Uwe Hegewald