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| 02:32 Uhr

"Die Erinnerung wird man nicht los"

In Lübbenau legten Vertreter der russischen Botschaft, die Stadtspitze sowie Spätaussiedler Blumen und Kränze nieder.
In Lübbenau legten Vertreter der russischen Botschaft, die Stadtspitze sowie Spätaussiedler Blumen und Kränze nieder. FOTO: Jan Gloßmann
Calau/Lübbenau. In Lübbenau und Calau ist am gestrigen Freitag des Endes des Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren gedacht worden. Das Erinnern bleibe Aufgabe aller Generationen. Die Calauerin Hildegard Kochale, damals in Groß Klessow lebend, wird die Erinnerungen an die Kriegsgräuel nicht mehr los. Jan Augustin und Jan Gloßmann

Hildegard Kochale aus Calau ist fünf Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg zu Ende geht. Mit ihren vier Geschwistern und der Mutter wohnt sie in Groß Klessow. Der Vater kämpft in Russland und kommt nie wieder. In ihrer Wohnung in der Karl-Marx-Straße, wo am gestrigen Freitag wenige Meter entfernt die Calauer Stadtspitze auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof der Befreiung gedenkt, hält Hildegard Kochale ein Schwarz-Weiß-Foto ihres Vaters in der rechten Hand. Es zeigt ihn in deutscher Uniform, wahrscheinlich ein Urlaubsbesuch. Es ist das letzte Bild, was die heute 75-Jährige von ihm hat. Ihre Augen tränen.

Eines der Bilder in ihrem Kopf, an das sie sich nicht nur am 8. Mai erinnert, ist das eines erschossenen Jugendlichen auf offener Straße in Groß Klessow. "Er trug noch die Uniform der Hitler-Jugend. Ein Fanatiker", wie sich Hildegard Kochale erinnert. Auch sie selbst wird fast getötet. Eine Kugel, die von einem Deutschen abgefeuert worden sein soll, trifft sie im Gesicht. "Diese Erinnerungen kommen immer wieder. Man wird sie nicht mehr los", sagt Hildegard Kochale. Die kleine Narbe am Kinn sieht man noch. Gute Arbeit habe der russische Arzt geleistet. Sie könne nichts Negatives über die russischen Soldaten sagen. "Wir haben Essen bekommen. Viel Speck war dabei", sagt sie. Gern erinnert sie sich an das Kapusta aus der Gulaschkanone - ein Weißkohleintopf.

Ihren Mann Heinz (85), mit dem sie gemeinsam in Calau wohnt, lernt sie erst später kennen. Er kommt als Flüchtling aus Schlesien in Buckow unter. "Überall in den Dörfern wurden die Flüchtlinge auf den Höfen aufgenommen", erinnert sich Hildegard Kochale. Das sei selbstverständlich gewesen.

An solche Schicksale wird dieser Tage auch in Lübbenau oft erinnert. Schließlich diskutiert die Stadt, wie Flüchtlinge in Lübbenau - zunächst im Ortsteil Kittlitz (siehe Seite 17) - aufgenommen werden können. Bürgermeister Helmut Wenzel (parteilos) mahnte am Freitag weiteren Mut an, um aufkommendem Rassismus im Zusammenhang mit den aktuellen Flüchtlingsströmen keinen Raum zu geben. "Für ein Leben in Freiheit und Würde einzutreten ist Aufgabe der gesamten Gesellschaft." Wenzel dankte zugleich den Befreiern der Stadt und gedachte derer, die dafür ihr Leben gaben. Er erklärte: "Der Versuchung, zu vergessen und verdrängen, werden wir entschieden widerstehen." Wenzel würdigte die Arbeit der "Matrjoschka"-Gruppe in Lübbenau, die Spätaussiedler vereint, die in der Stadt leben, und die gemeinsam mit dem Ortsverband der Linken die Gräber auf dem sowjetischen Ehrenmal gepflegt haben. Das Erinnern hielten zudem die Schüler-Arbeitsgruppe "Stolpersteine" wach und die AG "8. Mai 1945", die an einer Broschüre über die Ereignisse am Tag der Befreiung arbeitet.

Auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof in Calau haben Bürgermeister Werner Suchner (parteilos) und Stadtverordnete Blumenkränze niedergelegt und mit einer Schweigeminute der Toten gedacht. In Calau waren in den letzten Kriegstagen Ende April noch mehr als 100 Menschen bei Kämpfen gestorben, die Innenstadt wurde massiv zerstört. Das Stadtoberhaupt betonte in seiner Rede, dass es nicht die Deutschen selbst waren, die "dieses mörderische, menschenverachtende System" beendeten. "Es bedurfte Armeen anderer Völker, diesen Faschismus zu beseitigen."

Ob auch Calau den 8. Mai als Gedenktag braucht? Ja, sagte Bürgermeister Werner Suchner auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof.
Ob auch Calau den 8. Mai als Gedenktag braucht? Ja, sagte Bürgermeister Werner Suchner auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof. FOTO: jag