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| 02:51 Uhr

"Die Bagger standen ja vor unserem Haus"

Christa Spiller ist noch immer eine gefragte Frau. Ständig rufen Leute an, die etwas zur Historie des Ortes oder zu anderen Belangen erfahren wollen.
Christa Spiller ist noch immer eine gefragte Frau. Ständig rufen Leute an, die etwas zur Historie des Ortes oder zu anderen Belangen erfahren wollen. FOTO: Uwe Hegewald/uhd1
Interview der Woche. Christa Spiller hat vier Kinder. 31 Jahre war sie eine couragierte und fürsorgliche Bürgermeisterin und konnte dafür einige Ehrungen entgegennehmen. Die Grande Dame aus Pritzen (Amt Altdöbern) hat viele Schattenseiten des Lebens erlebt: Krieg, Flucht, Feuer und der mehrfache Verlust der Heimat durch den Braunkohlebergbau. Ihr Lebensweg reflektiert vielleicht in einmaliger Weise die Geschichte der Lausitz. uhd1 uhd1

Frau Spiller, Sie haben kürzlich ihren 80. Geburtstag gefeiert. Wie war das?
Es war eine wunderschöne Feier, mit Familienangehörigen, Freunden und Bekannten. Den Worten der Gratulanten war zu entnehmen, dass mir in meinem Leben einiges gelungen sein muss.

Sie haben im Haus ihrer Großeltern in Buchholz das Licht der Welt erblickt. Buchholz gibt es nicht mehr. Welche Erinnerungen haben Sie an den Ort?
Buchholz musste in den 1960er Jahren dem damaligen Tagebau Greifenhain weichen, der heute zum Altdöberner See geflutet wird. Zu der Zeit lebten wir noch im Haus meiner Eltern, das unmittelbar am Rande des Tagebaus stand. Ich erinnere mich noch heute an die Sprengungen von Steinen und den Wurzeln der Bäume, deren Reste mitunter auf unserem Dach landeten. Eine schlimme Zeit, insbesondere für unsere erstgeborene Tochter Petra, die die ersten drei Monate ihres Lebens mit dem höllischen Lärm aufwuchs. Die Bagger standen ja kurz vor unserem Haus.

Es blieb aber nicht die einzige Begegnung mit dem Bergbau. Welche gab es noch?
Die ersten zwei Lebensjahre wuchs ich im Herrenhaus in Nebendorf auf. Das Dorf mit dem kleinen Schloss inmitten von großen Tannen musste ebenfalls der Kohle weichen. Und um Haaresbreite hätte es auch mein drittes Heimatdorf Pritzen erwischt. Für den Fall, dass die Bagger anrollen, galt das Bauerngrundstück meiner Tante Martha in Bückgen (Großräschen-Süd) als Alternative. Dieser Ort ist später vom Tagebau Meuro geschluckt worden.

Haben Sie irgendwann mit dem Bergbau ihren Frieden geschlossen?
Das Leben muss doch weitergehen. Selbst als Anrainer hatten wir keine Chance, den Tagebau zu stoppen. Und später, als Bürgermeisterin, sah ich es als meine Pflicht an, den Leuten im Dorf so gut es geht zu helfen.

Apropos Bürgermeisterin: Welchem Funktionär haben Sie den Platz auf dem Chefsessel zu verdanken?
Keinem Funktionär. Während meiner Beschäftigung als Steno-Sekretärin in Buchholz musste ich schon des Öfteren den Bürgermeister vertreten, was mir eigentlich nicht schwerfiel. Nach reiflicher Überlegung entschloss ich mich zur Übernahme der Bürgermeisterfunktion, die ich von 1967 bis 1998 in den damaligen Gemeinden Pritzen und Lubochow ausübte.

Bei 31 Jahren im Amt können Sie mindestens von einem unvergessenen Erlebnis berichten?
Der Brand des ehemaligen Pritzener Gutshauses im April 1983.

Erzählen Sie...
In dem Gebäude wohnten zu dieser Zeit fünf Familien mit 17 Personen. Des Weiteren befanden sich unter dem Dach der Kindergarten, der Kulturraum der Gemeinde sowie die Konsumverkaufsstelle. Von einer Nachbarin wurde ich über den Brand informiert, der gegen 21 Uhr ausbrach. Nur mit einem kurzen Kittel bekleidet griff ich zum Fahrrad und fuhr zum Gemeindebüro, um die erforderlichen Maßnahmen einzuleiten. Die betroffenen Bewohner mussten kurzfristig anderweitig untergebracht und die Waren des Konsums umgelagert werden. Darüber hinaus galt es, für die Kindergartenkinder und Betreuerinnen ein neues Domizil zu finden.

Solche Momente schlauchen?
Nach durchgearbeiteter Nacht war ich am zweiten Tag am Ende meiner Kräfte.

Die Brandkatastrophe dürfte sich als das tragischste Erlebnis ihres Lebens eingebrannt haben. Oder gab es Schlimmeres?
Ja, aber das liegt weiter zurück. Das waren die Ereignisse um den 19. April 1945. Die Rote Armee marschierte in Pritzen ein. Wir flohen, aber mein Vater wollte unbedingt ins Dorf zurück. Nur durch das Flehen meiner Mutter, meines Umklammerns der Beine meines Vaters und einem Weinkrampf konnten wir verhindern, dass er noch einmal ins Dorf lief.

Dort soll sich Schreckliches ereignet haben. Was passierte damals?
Sechs Männer aus Pritzen und Nebendorf wurden erschossen. Im brennenden Gasthaus starben weitere 13 Menschen, die dort Zuflucht gesucht hatten.

Wie ging es weiter?
Von unserem gesamten Hab und Gut war nichts mehr geblieben. Mit meinem erst drei Monate alten Bruder Harald im Kinderwagen ging es zu Fuß in Richtung Leipzig. Nach vielen Unannehmlichkeiten und Strapazen fanden wir in Kühnitzsch bei Wurzen auf einem Großbauernhof ein Unterkommen. Der Name der Besitzer scheint generell für Nächstenliebe und Großherzigkeit zu stehen: Es handelte sich um eine Familie Schindler.

Sie werden ebenfalls mit diesen Attributen in Verbindung gebracht?
Das mag vielleicht daran liegen, dass ich mich als Ersatzmutter bewähren durfte.

Was war geschehen?
Als eine Frau aus dem Nachbardorf akut erkrankte, nahmen wir spontan ihre beiden Kinder zu uns ins Haus. Die Kinder in ein Heim zu schicken, konnte ich nicht übers Herz bringen, obwohl uns der behandelnde Arzt darüber informierte, dass sich die Frau in einem kritischen Zustand befindet und sich eine Genesung über Monate hinziehen könnte. Das Geschwisterpaar lebte zuerst vier Monate bei uns und wurde zu Weihnachten und an ihrem Geburtstag mit derselben Fürsorge bedacht, wie sie unsere eigenen Kinder erfuhren.

Acht Menschen unter einem Dach sorgen für lebhafte Momente?
Zwischenzeitlich waren es neun. Nach dem Tod meiner Mutter haben wir den Vater zu uns geholt. Später noch einmal die Gastkinder, nachdem ihre Mutter erneut für vier Wochen ins Krankenhaus musste. Mein Mann war aufgrund der Wohnsituation zuerst nicht davon begeistert und hatte sogar mit Auszug gedroht.

Wie ging es weiter?
Manfred hatte sich schnell mit der Situation arrangiert. Als ich von einem langen Tag aus dem Büro nach Hause kam, empfing er mich schon an der Haustür mit der Nachricht, dass er die Kinder bereits gebadet habe und wir gemeinsam zu Abend essen könnten.

Ihr Ehemann Manfred war und ist ein verständnisvoller Mensch?
Zu jeder Zeit und Gelegenheit. Im Mai konnten wir bereits unseren 55. Hochzeitstag feiern. Obwohl uns einige Personen eine so feste Beziehung nicht zugetraut hatten.

Wer waren die Skeptiker?
Ehemalige Frauen aus Buchholz, die sich täglich gegen 5 Uhr in der Frühe an der Milchrampe trafen, um die Milchkannen wegzubringen und um dabei ein Schwätzchen zu halten. Da wurde alles, was tags zuvor im Dorf passiert war, wer mit wem, und noch so Allerlei durchgekaut.

Warum müssen Sie jetzt schmunzeln?
Manfred war in den Augen der Buchholzer Frauen nicht würdig, in unser Dorf einzuheiraten, da er als Kraftfahrer ständig unterwegs war. Selbst meine Mutter schien zuerst von dieser Verbindung nicht so recht begeistert. Mich störte das Geschwätz sehr wenig. So kam es, dass Manfred Ende 1956 bei uns einzog.

Wie haben Sie alles und dann noch das Amt der Bürgermeisterin, unter einen Hut bringen können?
Ohne das Verständnis der Familie und die zuverlässige Unterstützung meiner Mitarbeiterin Irena Nasdal, hätte ich das Amt der Bürgermeisterin nicht in diesem Umfang ausüben können. Alle waren für mich da, vor allem bewies Manfred stets Einfühlungsvermögen, wenn ich abends wieder einmal zur Versammlung musste. Bei Schulungen war ich mitunter zwei Wochen nicht daheim und er mit den Kindern alleine. Er brachte mich auch stets mit dem Auto zu meinen außerhalb stattfindenden Terminen. Ich selbst besitze weder Fahrerlaubnis noch Führerschein.

Mit Christa Spiller sprach

Uwe Hegewald

Zum Thema:
Christa Spiller (geborene Micklisch) ist Mutter von zwei Töchtern und zwei Söhnen sowie achtfache Großmutter. Sie besuchte die Schulen in Pritzen, Greifenhain (SPN) und Altdöbern. Konfirmiert wurde sie 1949 durch Pastor Maehle. Für ihre couragierte und leidenschaftliche Arbeit wurde Christa Spiller 2000 vom Landkreis OSL die "Urkunde als Dank und Anerkennung langjähriger ehrenamtlicher Tätigkeit" überreicht. Zuvor erhielt sie unter anderem das "Ehrenzeichen des DRK" und die "Ehrennadel der VdgB - Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe"; 1986 den "Vaterländischen Verdienstorden in Bronze". Ihre 30-jährige Mitgliedschaft in der freiwilligen Feuerwehr beendete die Grande Dame aus Pritzen 1998 mit dem Dienstgrad einer Löschmeisterin. uhd1