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Der Vater des Biosphärenreservats

Für Vater August Werban war eigentlich klar, dass aus dem Jungen mal was „Ordentliches“ werden sollte. Schmied oder Maurer, wie er selbst einer war, kamen da in die engere Wahl. Für Manfred war das gar nicht so klar. Für ihn, der inmitten der üppigen Natur des Spreewaldes aufgewachsen war, kam nur ein Beruf im Freien infrage. Jahre später sollte er das Biosphärenreservat Spreewald aufbauen und bis zum Jahr 2003 leiten. Von Peter Becker

Heimlich erkundigte sich der junge Manfred Werban nach einer Waldarbeiterlehre und fand in Förster Karl Fietze in Weißkollm einen Lehrherren. Nur Mutter Henriette wurde kurz vor Lehrbeginn informiert, dann setzte sich Manfred von zu Hause ab. Über ein Jahr grollte der Vater über die Eigenmächtigkeit seines Sohnes, dann kehrte wieder häuslicher Friede ein. "Dennoch war es eine der schönsten Zeiten für mich, ich war in meiner geliebten Natur, hatte beim Förster Familienanschluss gefunden und durfte vom ersten Tag an alles machen", erzählt er später.Landschaftsplaner gespieltDer Spreewälder kannte Tagebaue und deren Hinterlassenschaften bis dahin nur vom Hörensagen, in der Weißkollm-Knappenroder Gegend war dies aber das beherrschende Thema unter den Forstleuten. Wie und womit sollten die Kippen aufgeforstet werden? "Ich fand es damals schon nicht gut, dass einfach nur Kiefern in die Erde gebracht wurden. Es gab kaum Bodenanalysen und von Mischwaldpflanzungen wollte man nichts wissen. Da habe ich eigenmächtig Landschaftsgestalter gespielt und immer wieder mal Birken und andere Laubgewächse dazwischen gepflanzt - mit dem Ergebnis, dass ich vom Oberförster einen dienstlichen Rüffel bekam und so etwas nie wieder tun sollte." Seine Freizeit verbrachte er mit vogelkundlichen Beobachtungen und kam so in Kontakt mit dem bekannten Naturfotografen Helmut Drechsler. Mit einer "Werra", seinem ersten Fotoapparat, machte er auch bald eigene Aufnahmen.Der junge Forstarbeiter wollte mehr über naturwissenschaftliche Zusammenhänge erfahren. Besonders interessierten ihn die Böden. Am Institut für Forstliche Standortkartierung in Potsdam machte er seine ersten Schritte in der Wissenschaft, mehrere Fernstudien folgten. Seine Diplomarbeit an der Universität Halle/Wittenberg hatte den Informationsgehalt einer Promotionsschrift. Und diese setzte sein betreuender Professor gegen alle Widerstände an der Nomenklatura vorbei durch. Staatliche Stellen ignorierten später seinen Titel, weil Manfred Werban "politisch nicht genügend in Erscheinung trat und als Kader nicht in Frage kam", wie er später in seiner Stasi-Akte lesen konnte.Er fand dennoch eine interessante Tätigkeit bei der Cottbuser Bezirksstelle für Geologie, wo er für die bodenkundliche Bewertung der Kippenflächen und für die Entscheidung der künftigen Nutzung zuständig war. Über zwei Jahrzehnte schloss sich dann die Tätigkeit als Bodenkundler für die Landwirtschaft in Vetschau an. "Hier habe ich meine Erfüllung gefunden, hier konnte ich mich mit meinem Fachwissen einbringen."Rückkehr in den SpreewaldNun wieder näher an seiner Burger Heimat dran, konnte Manfred Werban sich auch mehr um Haus und Hof seiner Mutter kümmern. Der Vater war inzwischen verstorben. Aus seiner Hallenser Studienzeit brachte er auch die Liebe seines Lebens mit. Im Jahr 1975 heiratete er Gabriele und zog mit ihr in eine Neubauwohnung in Vetschau. Tochter Ulrike wurde 1976 geboren, sie hat inzwischen ebenfalls promoviert und ist am Leipziger Umweltforschungszentrum tätig.Manfred Werbans Kenntnisse waren überall gefragt, er hielt zahlreiche Vorträge zu Meliorationsfragen und stellte dabei nicht nur wirtschaftliche Aspekte in den Vordergrund. Er führte den Begriff "Ökologie" so ganz nebenbei ein, was ihm auch Kritik einbrachte. Denn diesen West-Terminus hörten die Funktionäre nicht gern. In der wendebewegten Zeit kam der grüne Werban zwangsläufig an die runden und grünen Tische um Matthias Platzek und Michael Succow.Persönliche WendeDie persönliche Wende für ihn war die Vorbereitung der Verordnung über die Bildung des Biosphärenreservates Spreewald. "Meine politischen Freunde waren der Überzeugung, dass ich in der Lage wäre, das Reservat Spreewald aufzubauen." Manfred Werban stürzte sich in die Arbeit. Sein Büro im ersten Jahr war das Auto, das Telefon stand daheim. Es gab noch keine Strukturen, alles musste erst geschaffen werden. "Aber ich war wieder zu Hause in meinem Spreewald - mehr noch, ich konnte etwas für ihn tun."Ganz einfach war es nicht, denn es mussten eine Reihe Grundsatzfragen geklärt werden, zu viele Interessensgruppen spielten auf einmal mit: Vom Totalreservat bis zum Disney-Land reichten die Vorstellungen. "In dieser Zeit habe ich mir mehr Feinde als Freunde gemacht, aber letztlich konnte ich meine Vorstellungen durchsetzen: Naturschutz durch Landnutzung. Nur so kann die Kulturlandschaft des Spreewaldes erhalten bleiben." Er hat mit diesem Konzept Recht behalten, der Wirtschaftsraum Spreewald konnte sich ebenso behaupten wie das Reisegebiet Spreewald. "Kleinkarierter Naturschutz war mit mir nicht zu machen."Manfred Werban gehörte zu den Ersten, die im Jahr 2005 den gerade neu geschaffenen Verdienstorden des Landes Brandenburg erhielten. Nun schon im Ruhestand. "Dieses Wort kenne ich nur in seiner Bedeutung", sagt er lachend. So kann er sich seinen zahlreichen Hobbys widmen. Er erforscht die Moore und ihre Schichtungen, zurzeit das Sawall'sche Luch in Trebatsch - ein ehemaliger Torfstich des Hyronimus Leichhardt, dem Vater des Australienforschers. Er ist ein gefragter Interview-Partner, Sachverständiger und Autor zahlreicher Publikationen. In "Die Spree - Sinfonie eines Flusses", eine 2007 erschienene DVD über den Spreelauf von der Quelle bis zur Mündung, hat er gemeinsam mit Götz George und anderen einen Part übernommen.Bei allen Ausflügen in andere Genres und Gefilde bleibt er doch in seinem Spreewald verwurzelt. "Ich sorge mich um die Zukunft dieser einmaligen Landschaft. Wenn die Landwirte kein Geld mehr für das Mähen der Wiesen bekommen, dann findet auch der Weißstorch nur noch wenig Futter und wird ebenso ausbleiben wie später die Touristen, die ihn hier noch in freier Wildbahn erleben können. Andererseits hat die Weidewirtschaft stark zugenommen, Moore werden einbezogen und manch Spreewaldbauer zieht seine Koppeldrähte gleich bis an die Fließe. Vernichtete Kleinbiotope und zertretene Ufer sind die Folge." Manfred Werban steckt immer noch voller Tipps und Ideen, sein Sachverstand bringt er auch im internationalen Naturschutz ein: "Wenn ich helfen kann, helfe ich gern. Warum sollen andere unsere Fehler wiederholen? Wir haben doch nur die eine Natur auf dieser Welt, sie kennt keine politischen Grenzen."

Manfred Werban unterwewgs im Reservat – eine Aufnahme aus dem Jahr 1991. Foto: privat
Manfred Werban unterwewgs im Reservat – eine Aufnahme aus dem Jahr 1991. Foto: privat FOTO: privat