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Der Strom und die demografische Falle

Mit ihren mittelalterlichen Wandmalereien zählt die Kirche von Kalkwitz zu den bedeutendsten sakralen Bauten in der Niederlausitz. Eine der zwei Calauer Sagentouren macht Station im und am Gotteshaus, wo Besucher von Pfarrerin Martina Schmidt begrüßt werden. Am Sonntag, 14. Mai, wird die geschätzte Pfarrerin bei einem Gottesdienst in der Kalkwitzer Kirche in den Ruhestand verabschiedet.
Mit ihren mittelalterlichen Wandmalereien zählt die Kirche von Kalkwitz zu den bedeutendsten sakralen Bauten in der Niederlausitz. Eine der zwei Calauer Sagentouren macht Station im und am Gotteshaus, wo Besucher von Pfarrerin Martina Schmidt begrüßt werden. Am Sonntag, 14. Mai, wird die geschätzte Pfarrerin bei einem Gottesdienst in der Kalkwitzer Kirche in den Ruhestand verabschiedet. FOTO: Uwe Hegewald
Kalkwitz. Der Oberspreewald-Lausitz-Kreis umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Doch wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Die Station heute: Kalkwitz (Stadt Calau). Uwe Hegewald /

Wer auch immer den Schlüssel für den Ausweg aus der demografische Falle sucht, könnte diesen in Kalkwitz finden. Rolf Hohmeyer, seit dem Jahr 2004 im Dörfchen wohnend und Vorsitzender des Kulturvereins, glaubt die Geheimformel zu kennen: "Weil der zuständige Energiedienstleister in Kalkwitz so oft den Strom abschaltet", erklärt er mit einem Augenzwinkern.

Da im Gemeindeteil des Nachbardorfes Saßleben zudem die Verfügbarkeit von Mobilfunk und Internet einer mittleren Katastrophe gleicht, beschäftigen sich Kalkwitzer eben mit anderen schönen Dingen des Lebens, fügt Ortsvorsteherin Gisela Stepputtis hinzu. Und das mit nachweisbarem Erfolg: Mit 16 Kindern und Jugendlichen bei knapp 100 Einwohnern verfügt das Dorf über einen Altersdurchschnitt, von dem andere Kommunen nur träumen.

Aber den Ort am Fuße der Dubrauer Höhe allein auf dieses Merkmal zu reduzieren, würde Kalkwitz nicht gerecht. Die Einwohner sind dafür bekannt, dass sie sich nicht in ihr Schicksal fügen, sondern vieles in die eigenen Hände nehmen. Im Jahr 1756 war das so, als das Dorf bis auf Schäferei und Kirche komplett niederbrannte, aber auch in den frühen 1990er-Jahren. "Kalkwitz war dem Abriss geweiht. Kohlebagger standen kurz vor dem Dorf, als die politische Wende sie stoppte", erklärt Rolf Hohmeyer.

Ein lange vorher verhängter Baustopp hatte den Ort zuvor in eine Schmuddelecke verwandelt. Dächer und Fassaden wurden nicht mehr saniert, Fenster, Türen und Zäune nicht mehr gestrichen, Ackerflächen der Natur preisgegeben. Alle bergbaubetroffenen Lausitzer wissen um die verbale Ohrfeige, wenn Außenstehende dann aus Unwissenheit erklärten: "Um dieses ungepflegte Dorf ist es nicht schade."

Leben kehrte nach Kalkwitz zurück. Selbst die vom Verfall bedrohte und teils geplünderte Dorfkirche aus dem frühen 15. Jahrhundert rückte wieder ins Blickfeld. Beeindruckend: Ihre mittelalterlichen Wandmalereien gehören zu den wenigen erhalten gebliebenen Zeugnissen dieser Art in der Niederlausitz. Ein Trumpf, mit dem sich arbeiten lässt. So macht eine der Calauer Sagentouren per Nostalgiebus in Kalkwitz Station und gestattet Fahrgästen im Reich der Sagen und Historie zu stöbern.

"Zumindest auf dieser Ebene funktioniert die Zusammenarbeit mit der Kernstadt Calau", kann sich Rolf Hohmeyer einen Seitenhieb nicht verkneifen. "Kalkwitz fühlt sich wie der Appendix Vermiformis - der Wurmfortsatz am Blinddarm von Calau." Er werde nicht benötigt, könne aber gehörig schmerzen.

Dabei müssten "Entzündungen" zwischen Stadt und Land nicht zwingend operativ behandelt werden. Als der Kulturverein am Rande des Spiel- und Dorfplatzes zwecks Lagerung von Vereinsinventar drei Container aufstellen wollte, blies den Kalkwitzern Gegenwind ins Gesicht. "Wir haben uns die erforderlichen Genehmigungen besorgt und bei der Calauer Firma Rentsch & Balke ein Unternehmen gefunden, das uns Mitarbeiter und Technik zum Aufstellen der drei Container zur Verfügung stellte", berichtet Rolf Hohmeyer.

Die von der Familie Radochla erworbenen beziehungsweise gesponserten Boxen stellen jetzt das "Kulturlager am Druschplatz" dar, so der Vereinsvorsitzende. 17 Mitglieder zählt der im Jahr 2008 gegründete Kulturverein Kalkwitz, dem das dörfliche Miteinander am Herzen liegt. Osterfeuer, Maibaumaufstellen inklusive Flechten des Kranzes sowie das Dorf- oder Oktoberfest mit Seniorenkaffeetafel und Volleyballturnier zählen zu den festen Veranstaltungshöhepunkten.

"Wir unternehmen aber auch Theaterbesuche, Kahnfahrten im Spreewald und pflegen öffentliche Grünanlagen im Dorf", führt Ortsvorsteherin Gisela Stepputtis an. Zur jährlichen "großen Vollversammlung" gehe es zum Schlemmen auf den Angerhof im benachbarten Bischdorf. Glücksfall: Mit dem Reanimieren des ehemaligen Gasthauses durch die Familie Abt, stehen dem Verein, Mitbürgern, aber auch Gästen von außerhalb Räumlichkeiten zum Ausrichten von Feierlichkeiten oder Treffen zur Verfügung. Auch dieses Projekt basiere auf privaten Investitionen und beherztem Umsetzen, für das Kalkwitzer bekannt sind. Angefangen mit dem Wiederaufbau nach dem verheerenden Brand 1756 unter Leitung eines Pfarrers mit dem motivierendem Namen Ohnesorge.

Bei der derzeit bekanntesten Einwohnerin dürfte es sich um Frau Heinrich handeln, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Marie-Joana. Als Musikerin auf Kreuzfahrtschiffen hat sie bereits die halbe Welt bereist, um immer wieder mit einer gesunden Portion Heimweh in die Lausitz zurückzukehren.

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Zum Thema:
Laut Calauer Stadtverwaltung sind in Kalkwitz 93 Einwohner gemeldet. Der Spargelhof Carina und Tründelberg OHG - Drucklufttechnik sind die wirtschaftlichen Säulen. Die geschätzte Pfarrerin Martina Schmidt ist nach Calau gezogen. Am 14. Mai wird sie bei einem Gottesdienst in den Ruhestand verabschiedet. Kalkwitz nimmt regelmäßig am Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" teil. "Weil wir der festen Überzeugung sind, dass unser Dorf Zukunft hat", so Rolf Hohmeyer.